Steffen Kühn | Drucken | Kommentare (2)23.05.2012 

Mahagonny ist ein Spaß

Zweitmeinung zum „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“: Die Oper Leipzig nimmt ihren Anspruch am zeitgenössischen Musiktheater ernst

Foto: Andreas Birkigt / Oper Leipzig

Wer lässt sich schon gerne den Spiegel vorhalten? In Mahagonny zeichnen Weill/Brecht Sittenbilder der Gesellschaft, verträglich wird das ganze durch den abgrundtiefen Humor Brechts und die frischgroovende Musik Weills. Kleine Geister haben das Stück freilich als Kritik an einer konkreten Gesellschaft gelesen, so die Leipziger Abendpost, die nach der Uraufführung am 9. März 1933 in Leipzig das Stück völlig missverstand: „Generalmusikdirektor Brecher hat es für richtig befunden, in der Oper ein Stück zur Aufführung zu bringen, das unverhohlen übelste kommunistische Propaganda ist.“

Mahagonny ist ein Neverland, es hat keine geschichtlichen Bezüge. Menschliches, Allzumenschliches wird in den cirka zwei Stunden verhandelt. Freundschaft und Verrat, Armut und Wohlstand, Bescheidung und Auflehnung, Angst und Mut. Die Leipziger Inszenierung von Kerstin Polenske hat das verstanden, sie widersteht der Versuchung, das Thema Geld auf heutige Dinge zu kaprizieren: Zu leicht wäre es, die Finanzskandale der letzten Jahre, die Rettungsfonds mit den unaussprechlichen Abkürzungen, die Heuschrecken und Finanzakrobaten der heutigen Tage in Mahagonny zu pflanzen. Aber wie gesagt, darum geht es nicht. Es geht um die Gier nach Geld, nach Anerkennung, nach sexuellen Abenteuern. Wozu ist ein Mensch fähig? Ist jeder bestechlich? Ingo Krüger hat die Protagonisten in farbenfrohe Kostüme gesteckt. Im Kontrast dazu das unprätentiöse Bühnenbild von Stefan Böttcher. Zwei Podeste in die Tiefe des Bühnenraumes gestapelt genügen der Inszenierung. Videoprojektionen ergänzen kontrastierend das karge Bühnenbild. Kerstin Polenske zeichnet auch für die Choreografie verantwortlich, schon zu Beginn gibt es dafür im leider nur halb gefüllten Zuschauerraum kräftigen Applaus. Soula Parassidis als Jenny schmettert den Alabama-Song in den Raum, in einer lasziven Choreografie mit den Damen des Opernchores verzaubert sie schon zu Beginn das Publikum. Mahagonny ist ein Spaß (B. Brecht), ein Spaß ist auch die Weillsche Partitur. Alt-und Tenor-Saxophon röhren um die Wette, das Bandoneon zaubert karibische Atmosphäre. Banjo-Hawaii-und Bass-Gitarre irrlichtern durch die Orchesterflächen. Alle Sänger und der Opernchor lassen sich mit Lust auf die Weillschen Welten ein, Soula Parassidis und die Männer des Opernchores erreichen musikalische Höhen.

Nach der szenischen Erstaufführung von Deutsches Miserere Anfang 2011 beweist die Oper Leipzig ihren Anspruch am zeitgenössischen Musiktheater und knüpft bewusst an die Musikgeschichte Mitteldeutschlands und im Besonderen Leipzigs an. Für die Oper, die ja gerade wieder eine schwierige Phase durchlebt, sind solche Orientierungspunkte wichtig. Wer kümmert sich schon um die x-te Wagnerinszenierung und dann noch in Leipzig. Kurt Weill hat vor 85 Jahren Leipzig als Aufführungsort für sein Mahagonny gewählt, solche Fäden sollte man aufnehmen und weiterspinnen!

Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny

R: Kerstin Polenske

Mit: Karin Lovelius, Martin Petzold, Jürgen Kurth, Soula Parassidis, Stefan Vinke, Norman Reinhardt, Morgan Smith, Matthew Anchel, Dan Karlström und dem Chor der Oper Leipzig sowie dem Gewandhausorchester

12. Mai 2012, Oper Leipzig

Mehr Wert ist dein Mehrwert. Premiere in der Leipziger Oper: „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ mit gespaltener Publikumsresonanz – bunt, fröhlich, unbequem

Kommentare lesen und hinzufügen (2)

Tom Greb schrieb am 04.06.2012 um 20:08 Uhr:

R: Kerstin Polenske :)

Redaktion antwortete am 05.06.2012 um 20:11 Uhr:
Danke für den Hinweis! Der Rechtschreibfehler wurde korrigiert.

Johanna schrieb am 29.01.2013 um 11:33 Uhr:

die Saxophone "röhren um die Wette" ??? Nein mal im Ernst, wie schlecht kann man denn bitte diese wunderbare Musik beschreiben?

 
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