Mandy Schaarschmidt | Drucken08.02.2014 

In den Seilen hängen einmal anders

Stephanie Thierschs viel gelobtes "Corps Étrangers – Fremdkörper" gastiert im Lofft

Szene aus "Corps Etrangers" (Foto: Martin-Rottenkolber)

Der Zuschauerraum und die Bühne liegen dicht beieinander, Seile baumeln von der Decke und die schummrige Beleuchtung lässt die Szenerie fast unwirklich erscheinen. Die Kompanie Mouvoir unter der Leitung von Stephanie Thiersch präsentiert mit „Corps Étrangers – Fremdkörper“ ihr neues Bühnenstück im Lofft.

Fünf Tänzer und Artisten bieten über eineinhalb Stunden hinweg einen Einblick in eine Lebenswelt fern von Zivilisation oder Natur und sind dennoch eng verbunden mit den Eigenschaften dieser beiden (Lebens-)Welten, die das Dasein von Mensch, Tier und Pflanze maßgeblich beeinflussen. Wo befinden sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft? Wie empfinden Lebewesen ihre Umgebung? Was bedeuten Subjekt und Objekt für das Leben des Einzelnen? Wie kann man sich selbst treu bleiben? Was ist modern? Und was blieb im Laufe der Evolution auf der Strecke? Fragen über Fragen, die alle beantwortet werden wollen − und schon geht es los mit der Mischung aus Zeitgenössischem Tanz und Neuem Zirkus.

Das Stück setzt sich aus fünf Szenen zusammen. Mithilfe von Videoprojektionen wird dem Zuschauer zu Beginn jeder Szene eine thematische Einordnung angeboten. Die Tänzer und Artisten entwickeln ihre Choreografie mal im Zusammenspiel untereinander, mal unter Benutzung der von der Decke hängenden Seile. Das ist so atemberaubend wie verstörend, wenn einer der Artisten sich herabseilt und dabei auf den Boden zusteuert: Wird er sich noch abbremsen können? Eines wird hier sehr deutlich: Die Artisten brauchen hervorragende Körperbeherrschung, um auf so kleinem Raum so spektakuläre Akrobatik und Tanzeinlagen zu zeigen. Chapeau!

Leider fällt es manchmal schwer, der Szenerie zu folgen und zu unterscheiden, was Mensch oder Tier ist. Die Akrobatik und Tanzeinlagen entwickeln eine derart eigene Dynamik, dass man nicht immer weiß, wo man zuerst hinschauen soll. Letztlich ist es aber egal, denn so viel ist sicher: Im Kampf der Figuren um Überlegenheit und Macht setzt sich der Starke gegenüber dem Schwachen durch. Der Unterlegene ist den Raubtieren schutzlos ausgeliefert, auch wenn er noch so sehr kämpft. Die Tänzer agieren zusammen so stark, dass sie miteinander zu verschmelzen scheinen. Danach stoßen sie einander ab, sodass man fast körperlich zu spüren scheint wie brachial diese Geste des Wegstoßens ist.

Beeindruckend, wie physisch präsent die Tänzer agieren und eine so kräftezehrende Choreografie umsetzen. Man sieht und riecht den Schweiß. Die Anstrengung in den Gesichtern ist so elementar, dass sie das Stück zu tragen scheint. Mitunter ist das Keuchen die einzige auditive Untermalung der Szenen.

Die musikalische Umsetzung hat einen stark industriellen Charakter mit Anleihen an die Geräuschkulisse der Natur. Das Fiepen und Brummen, Klopfen und Zischen kann sowohl mechanischen als auch natürlichen Ursprungs sein.

Die letzte Szene dieses Abends heißt Abschlussprüfung. Und so beeindruckend die Aufführung bisher verlaufen ist, so zeigt sich hier umso mehr die Schwäche des gesamten Stückes. Hier soll auf einmal alles auftauchen, was zuvor aus Zeitmangel und/oder ästhetischen (vielleicht auch dramaturgischen) Gründen nicht gezeigt werden konnte: Humor und Absurdität sowie die Verehrung, Unterwerfung und Erniedrigung des Weiblichen für die Überhöhung und den Anspruch des Männlichen an die absolute Macht. Nur leider passt diese Schlusssequenz nicht so richtig hinein in dieses Stück. Sie sticht so abstrus heraus, dass die beeindruckende Darbietung der Tanz- und Akrobatikelemente zurücktritt vor einem Abschluss, der wie ein Verlegenheitsmoment wirkt.

Das Publikum bleibt ein wenig verwirrt zurück. In völliger Dunkelheit braucht es eine kleine Weile, bis dann doch noch warmer und herzlicher Applaus einsetzt.

Corps Étrangers - Fremdkörper

Mouvoir/Stephanie Thiersch (Köln)

Lofft Leipzig, Premiere: 05.12.2013


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