| Drucken20.08.2006 

Der Lindenfels wird zur „Flamingo Bar” (Michael Wehren)

"Flamingo Bar"
figuren theater tübingen
Westflügel Lindenfels
Regie: Hendrik Mannes
19. & 20. August

Dämonisch-himmlische Halbwelt: Flamingo Bar (figuren theater tübingen) zu Gast


"Der Gehilfe ist die Gestalt dessen, was man verliert."
Giorgio Agamben

Aus der Welt gefallen wirken die Figuren Frank Soehnles. In einem Nebenraum halten sie sich auf: Er ist zu einem Teil rot belichtete Halbwelt, zu einem anderen Zirkus, dann wieder Zuschauerraum einer Oper oder einfach Bühne. Eine ähnliche Gespaltenheit kommt den grotesken, zierlichen, komischen und schönen Bewohnern dieser Randzone namens "Flamingo Bar" zu. Für kurze Zeit betreten sie die Bühne und erzählen stumm ihre Geschichten.

Da sie Traumgestalten lebendig-toter Gegenwart sind und niemals gänzlich das Bewusstsein erlangt haben, bleiben sie auf derjenigen Schwelle zurück, welche die Nacht vom Tag und den Wahnsinn von der Vernunft trennt. Sie kennen weder richtig noch falsch und folglich auch keine Moral. Ungenau wäre deshalb eine Beschreibung ihres Treibens als unmoralisch oder böse, vielmehr, und hier liegt der Kern der Sache, handelt es sich um nicht-wissende, glückliche Obszönität: Sie kennen die Scham nicht.

Interessiert am Vergleich lassen sich hier durchaus Ähnlichkeiten zu manchen Gestalten Rabelais', Jaques Préverts oder Robert Walsers ausmachen, aber wir wollen lieber einige Bewohner dieser Welt vorstellen: Da ist eine an mittelalterliche Totentänze oder an Schreckgespenster erinnernde Tänzerin, nur bestehend aus einem Stück Stoff, einem weit aufklaffendem Maul, großen Augen, Armen und langen skelettartigen Fingern. Da sind entrückt-elegante Zirkuselfen und eine an Alberto Giacomettis Skulpturen erinnernde Ballerina, eine alte Tänzerin, ein vogelartiges, skelettiertes Wesen, ein kleiner feenartiger Bote und noch einige mehr.

Was tun diese Figuren? Sie tanzen, wirbeln, attackieren, verführen, werden wieder zur Seite gehängt und tauchen erneut auf. Sie verstören, bezaubern und verwundern. Das alles ist unglaublich witzig und exakt gespielt, scheut weder Schönheit noch Klamauk. Ganz nebenbei und dann doch sehr zentral geht es um die großen Fragen des Lebens und der Kunst, allerdings im Lichte der Gewissheit, manchmal über Träume lachen zu müssen, damit sie wieder kommen.

Am Ende: Sehr, sehr viel Applaus für Hendrik Mannes (Regie), rat'n'X (Musik) und Frank Soehnle (Ausstattung und Spiel), sowie ein weiterer Beweis für den besonderen Stellenwert des Lindenfels Westflügels im Theatergefüge Leipzigs.

(Michael Wehren)

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