| Drucken08.03.2008 

Einbruch des Unfassbaren: Robert Schuster inszeniert „Verbrennungen” (Anica Klingler-Mandig)

Wajdi Mouawad: Verbrennungen
Neue Szene
Regie: Robert Schuster
Mit: Heidi Ecks, Armin Dillenberger, Marl?ne Dunker, Sebastian Grünewald, Thomas Huber, Andreas Keller, Martin Reik, Berndt Stübner, Barbara Trommer
Ausstattung: Angelika Winter
Dramaturgie: Anita Augustin-Huber
Premiere: 29. Februar 2008


Einbruch des Unfassbaren: Robert Schuster inszeniert Verbrennungen

Was passiert, wenn wir entdecken, dass wir gar nicht die sind, die wir zu sein glauben? Wenn wir herausfinden, dass unsere Wurzeln einem Boden der Vernichtung, Brutalität und erdrückenden Einsamkeit erwachsen sind? Das Stück Verbrennungen von Wajdi Mouawad spürt in verschachtelten Orts- und Zeitebenen dem albtraumhaften Verschwinden jeglicher Gewissheiten nach.

Die Zwillinge Jeanne und Simon werden im Testament ihrer Mutter Nawal dazu aufgefordert zwei Briefe zu überbringen. Während Jeannes Brief an ihren Bruder gerichtet ist, soll Simon seinen Brief dem Vater überreichen. Dabei gibt es nur ein Problem. Bisher wussten die beiden nichts von der Existenz eines Bruders und glaubten ihren Vater tot. Auf der Suche nach den Unbekannten werden die Zwillinge mit der bitteren Wahrheit ihrer Herkunft konfrontiert, wobei sich Vergangenheit und Gegenwart vermischen. Ihre Reise führt Jeanne und Simon in die Libanesische Republik der siebziger Jahre, einem Kriegsschauplatz unermesslichen Ausmaßes.

Der Inszenierung gelingt es auf vielfältige Weise, eine Sprache für das Unaussprechbare zu finden, ohne es dadurch zu banalisieren oder gar fassbar zu machen. So werden Nawals Mutter (Andreas Keller) und Großmutter (Thomas Huber) von grauhaarigen Männern in geschlossenen blauen Gewändern gespielt. Sie wirken wie starre undurchdringbare Bewahrer einer Tradition, wie bedrohliche Kreaturen, die im Kontrast zu der zierlichen Nawal (Heidi Ecks) stehen. Es gibt Momente in denen die Wirklichkeit so erschütternd ist, dass sie nicht mehr real erscheint ist: Während Nawal mit ihrer Freundin Sawda über die Morde, Folterungen und Verschleppungen der vergangenen Tage spricht, sitzt ihnen Jeanne (Marl?ne Dunker) mit einer Tüte Chips als Fernsehzuschauerin gegenüber. Die Wahrheit des Krieges scheint weit weg und inszeniert zu sein. Auch das von Angelika Winter gestaltete Bühnenbild - ein riesiges, begehbares Holzkreuz - weckt beim Zuschauer Assoziationen an den Tod.

Die Schwindel erregende Gewalt entfaltet jedoch ihre stärkste Wirkung, wenn in der Inszenierung Komik eingesetzt wird. Die Führung durch ein ehemaliges Gefängnis wird zu einem reißerischen Event. In jeder Zelle lässt der gestylte Museumsführer (Armin Dillenberger) per Kassette die Schreie der Gefolterten erklingen. Des Weiteren werden Bewegungen der Spieler mit Geräuschen unterlegt, wodurch der Zuschauer an die Sprache von Animationsfilmen erinnert wird. Auch für das Ende hält die Inszenierung eine bitterkomische und überraschende Szene bereit. Trotz der starken Präsenz der Schauspieler und den zahlreichen erfrischenden Einfällen hat die Inszenierung ihr Potenzial hinsichtlich Schärfe und Überspitzung jedoch nicht gänzlich ausgeschöpft.

(Anica Klingler-Mandig)

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