D.H. Elle | Drucken07.11.2019 

Elfriedes letzter Wille?

Nikolaus Habjan eröffnet mit Elfriede Jelineks „Am Königsweg“ das Theaterfestival euro-scene und macht es sich mit einer Aneinanderreihung von antiquierten Regieeinfällen und einem derben Trump-Bashing viel zu leicht

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Diese Muppetshow wird kein gutes Ende nehmen (Foto: Alexi Pelekanos, Wien)

Dass Donald Trump ein schlechter Mensch ist, der das Potenzial hat, die Welt ins Chaos zu stürzen, das wussten wir schon 2016. Heute wissen wir es um so mehr. Und sicher würde uns ein Text, der noch einmal Trumps Nationalismus, seinen Fremdenhass, seine Frauenfeindlichkeit und seine Korrumpierbarkeit wiederkäut kaum interessieren. Wenn es nicht ein Text von Elfriede Jelinek wäre. Sie schrieb ihn am amerikanischen Wahlabend und es ist eine sehr persönliche Abrechnung mit der Dummheit im Allgemeinen und Trump, dem König in „Am Königsweg“, im Besonderen.

Es ist nicht nur das Wurzelwerk ihrer Sprache, das heute Abend mal wieder fasziniert. Es verschafft einfach tiefe Befriedigung, wie die Nobelpreisträgerin das Männlichkeitsmonster Trump, mit dem Blick einer etwa gleichaltrigen Intellektuellen, seziert. Und wie sie die Erzählung „Trump“ mit dem Ödipusmythos in Verbindung bringt. Doch will der Mythos für Donald Trump immer nicht so richtig passen. Inzest mit der Mutter? Die wäre ihm doch zu alt, nicht „unter 35“ genug. Und würde er denn überhaupt jemals seine Fehler erkennen und sich deswegen die Augen ausstechen? Wer ist hier eigentlich der oder die Blinde? Elfriede Jelinek, die wir vielleicht als unsere „Seherin“ bezeichnen können, beschäftigt sich in diesem Text auch mit ihrer eigenen Endlichkeit. Sie verhandelt die Frage, welche Rolle sie als Schreibende in der Gesellschaft spielt und ob das Schreiben etwas bewirken kann. Braucht die Welt sie vielleicht als Opfer? Kann sie die Welt in diesem schrecklichen Zustand überhaupt sich selbst überlassen? Und wird sie vor oder nach Trump sterben? Und was soll sie überhaupt in der Totenwelt, wo sie doch auf gar keinem Fall ihrem Vater, und schon gar nicht ihrer „Mutter!“ begegnen will?

Das ist irgendwie großartige Selbstironie. Und so wünscht sie sich auch, dass der junge Puppenspielregisseur Nikolaus Habjan sie selbst als lebensgroße Puppe auf die Bühne bringt. Sie hat für die Inszenierung sogar Textpassagen auf Tonband eingesprochen und eigens für das Leipziger Publikum einen Ankündigungstext verfasst. Detailversessen versucht Nikolaus Habjan diesem großen Vertrauensvorschuss in seiner ersten Jelinek-Inszenierung gerecht zu werden. Es sind dann schließlich sogar drei lebensgroße Jelinekpuppen, die sich ins Wort fallen, übereinander herfallen, erschöpft übereinander zusammensacken. Er wandelt ihren Text, den man eher als Wortwahnsinn bezeichnen kann, mit seinen hervorragenden Puppen- und Schauspieler*innen in ein Sprechstück um. Sein Puppenensemble hat er äußerlich, aber auch in der Spielweise, ins Groteske übersteigert. Neben einem rotgesichtigen Trump in goldenem Anzug, ist eine lasziv hässliche Miss Piggy zu sehen, aus deren ausgestochenen Augen Glittermakeup quillt. Das Groteske wird dann aber schnell viel zu derb, fast karnevalesk. Das reine Trump-Bashing auf der Bühne ist der komplexen Gesellschaftsanalyse, die der Text vorgibt, weit unterlegen. König Trump als Baby muss erst jämmerlich schreien, um dann durchgevögelt zu werden. König Trump lässt der Autorin die Augen aus dem Gesicht schneiden, die fortan mit Blindenstock über die Bühne wandelt. Schließlich wird König Trump und ein gesamtes Muppetshow-Ensemble per Pumpgun abgeknallt und dann auch noch die Autorin geköpft. Solche Gewaltexzesse scheinen bei einem Text, der sich gegen die Blindheit von Gewalt ausspricht, völlig unangemessen. Stellvertretend eine Trumppuppe zum Abschuss freigeben?

Es gibt durchaus feiner Komponiertes. Vor dem Ovaloffice patrouilliert der Ku-Klux-Clan. Eine schwarze Schauspielerin (Sabrina Ceesay) muss im Hintergrund das Ovaloffice putzen, während sich die weiße Autorin mit Trump „unterhält“. Broadwayartige Musicaleinlagen, in der der Trumpdarsteller (Tilman Rose) seinen Abgesang performt. Die Frau (Bettina Kerl), die zwischen Modell, Maschine und Muttergefühlen ihren Platz nicht findet. All das sind Bilder, die der Text evoziert. Und die von den Schauspieler*innen, die dabei auch noch alle großartige Puppenspieler*innen sind, in großer Unaufdringlichkeit und Perfektion gearbeitet sind.

Insbesondere Manuela Linshalm als Spielerin der Jelinekpuppe und als Alter Ego der Autorin schafft wunderbare Illusionen einer lebendigen Elfriede. All diese Bilder benötigt der Abend aber leider gar nicht. Das Publikum wirkt nach einer Stunde erschöpft von den zwar gut ineinandergreifenden, aber in sich selbst unmotivierten Aneinanderreihungen von Regieeinfällen, die für einen jungen Regisseur auch manchmal etwas abgegriffen wirken. Wenn Schauspieler*innen mit einem Schuh telefonierend abwechselnd die Bühne queren. Oder wenn das Autorinnen-Ich, wie in Jelinektexten üblich, sich ständig selbst widerspricht und dann die Puppenspielerin mit ihrer Jelinekpuppe in Widerstreit gerät.

Dass die Illustration und die Umwandlung des Textes in Regieanweisungen und Figuren so nicht aufgeht, merkt man in dem Moment, in dem vom Tonband endlich die Autorin zu Wort kommt. Wie sich das Inhaltliche hier an der zaghaften Stimme der in die Jahre gekommenen Frau bricht. Wie waghalsig dann ihr Sprechen vom eigenen Unvermögen, den Rechtsruck der Gesellschaft aufzuhalten, wirkt. Von der eigenen Vergänglichkeit, die auch immer Motiv des Schreibens ist, oder vom Blick auf den eigenen alternden Körper. Das hat eine Größe und eine Wucht, die schwer verdaulich ist. Das Vereinen der Vielstimmigkeit in einer Stimme, gerade dieser Stimme, scheint das Verwunderliche, das Wunder: Die Radikalität, die hier spricht und die man stereotyp immer mit Jugendlichkeit satt mit Alter in Verbindung bringen würde.

Am Königsweg

Theaterstück von Nikolaus Habjan nach dem Text von Elfriede Jelinek

Mit: Manuela Linshalm, Tilman Rose, Bettina Kerl, Sabrina Ceesay

Uraufführung: 5.11.2019, Schauspiel Leipzig, Große Bühne

Mehr zum Programm unter euro-scene.de

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