Almuth Richter | Drucken22.11.2015 

Komm nicht nach Hause

Das dokumentarische Theaterstück „Asyl-Dialoge“ ist eine Lehrstunde in Empathie. Und genau das scheint gerade dringend notwendig. Gewinnertext des Friedrich-Rochlitz-Preises für Kunstkritik 2015, 3. Platz

Szene aus "Asyl-Dialoge". (Foto: Schokofeh Kamiz)

Das Theater für Menschenrechte führt an diesem Abend im Conne Island ein dokumentarisches Theaterstück auf. Soll heißen: Die Schauspieler lesen Dialoge vor, ohne die Texte, die damals gesprochen wurden, abzuändern. Drei Dialoge gibt es an diesem Abend. Sechs Menschen stehen vorne in einer Reihe mit Mikrofonen und Textbüchern, einer sitzt hinter ihnen mit einem Cello. Diese Aufstellung bleibt den ganzen Abend, die Schauspieler werden, gelegentlich begleitet vom Cello, die Geschichten erzählen, aber daraus keine Inszenierung entwickeln. Alle Dialoge drehen sich um das gleiche Thema: Flucht nach und Asyl in Deutschland. Die Dialogpartner sind Menschen mit und ohne Fluchterfahrung. Für das Thema hätte man keine passendere Form als diese finden können, denn die Grausamkeiten, die die Menschen auf ihrer Flucht erfahren haben ­­– Misshandlung durch Polizisten, Angriffe von Neonazis – könnten nie angemessen dargestellt werden. Und für die schlimmsten Nachrichten braucht es auch keine Darstellung, es braucht nicht einmal lange Sätze: „Komm nicht nach Hause.“ „Rettet euch.“ „Die deutschen Gesetze sind nicht dein Freund.“

Da ist Wazir aus Pakistan, der in Griechenland von der dortigen Neonaziorganisation „Goldene Morgenröte“ angegriffen wurde. Er wohnt in Osnabrück, wo er mit vielen anderen Menschen durch Blockaden der Eingänge der Flüchtlingsunterkunft Abschiebungen verhindert, bis er selbst abgeschoben werden soll.

Da sind Rayana und Milan aus Kasachstan und ihre drei Kinder. Ihr jüngstes Kind starb bei einem Bombenangriff. Vertrauen können sie niemandem und müssen es doch, zumindest Anna, die ihnen hilft, obwohl ihr Russisch nicht ausreicht, um ihnen zu erklären, warum.

Da ist Hawar, der so desillusioniert ist, dass er eigentlich nicht reden will, nicht von seiner Flucht aus dem Irak, nicht von seiner Familie in Syrien, nicht von dem ewigen Warten, Warten, Warten auf bessere Zeiten. Was er hingegen rausbrüllt, ist sein Hass auf das europäische Asylsystem, das ihm so viel Leid beschert hat, dass er in Bulgarien im Gefängnis landete, wo er von Polizisten gefoltert wurde, und es ist sein Hass auf diese angeblichen Menschenrechte, die für ihn offenbar nicht gelten. Seine Anwältin sagt, dass er vielleicht zurück muss nach Bulgarien – so sind die Gesetze der Europäischen Union.

Es sind bewegende Einzelschicksale, die, wenn man sie alle zusammennimmt, ein vielfältiges Bild von den Menschen ergeben, die nach Europa fliehen. Fluchtrouten, Traumata, asylrechtliche Fragen, die Zustände in den viel kritisierten bulgarischen und ungarischen Asylunterkünften. Greifbar wird das alles erst durch die kleinen Details, die

Freundschaften, die am Krankenbett geschlossen werden, der Traum vom eigenen Laden, die Begeisterung der Kinder über den ersten Ausflug ins Spaßbad.

Auch die andere Perspektive kommt zur Sprache: die Perspektive der Menschen, die nicht geflüchtet sind und in die jeweiligen Fälle unterschiedlich involviert sind, als Aktivisten, Anwälte und Freunde, und die zeigen, dass man sich diesen Schicksalen nicht entziehen kann, auch wenn man noch gar nicht weiß, wie man helfen kann.

Dieser Abend macht auch klar, wie sehr das, was hier statisch auf die Bühne gebracht wird, eigentlich in ständiger Bewegung ist. Die Beteiligten erzählen von Lernprozessen, was Rechtskenntnisse, Sprache und den Umgang mit der Polizei betrifft. Doch nicht nur die Texte, auch das Drumherum zeugt davon: so wurde sich um Übersetzung bemüht, es gibt Untertitel in Englisch, Französisch und Arabisch und für die Publikumsdiskussion Sprachmittler. Es läuft nicht perfekt, natürlich nicht, es ist eben alles im Werden, im Entstehen. Und es ist ein Prozess, der Engagement fordert – am Ende überdeutlich sogar. Ein wenig belehrt fühlt man sich dann doch.

Aber am gleichen Abend sammeln sich zum ersten Mal in einer Reihe vieler Abende im sächsischen Freital Menschen vor einer Flüchtlingsunterkunft und wollen Steine werfen, während drinnen Menschen sitzen, die Geschichten erzählen können wie die, die eben auf der Bühne zu hören waren. Und es wird klar: Es braucht genau das.

Asyl-Dialoge

Dokumentarisches Theaterstück

Conne Island, 22. Juni 2015


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