Jörg Wunderlich | Drucken29.07.2017 

Müntzer und Luther aus dem Off

Die neue Sommertheaterproduktion „Hals über Kopf“ der freien Szene von Halle und Leipzig weiß zu glänzen

halsueberkopf_title_127.jpg

Fotos: Rene Schäffer

„Denn der Stein, ohne Hände vom Berg gerissen, ist groß worden“...

Einen besseren Theaterstoff hätte man hierzulande im Reformationsjahr kaum aufgreifen können als die dialektische Konstellation zwischen dem Schriftprediger Martin Luther und seinem wortgewaltigen Jünger und Konkurrenten Thomas Müntzer. Das dachten sich wohl auch die Theatermacher von Schaustelle Halle und Theaterschafft Leipzig und schlossen mit ihrem neuen Stück eine Lücke. Die Idee dazu entstand ihnen am historischen Schauplatz im thüringischen Kannawurf, wo sich ein versprengter Haufen aufständischer Bauern 1525 auf der Flucht vor den mansfeldischen Söldnern verschanzt hatte. „Wider den aufrührerischen Geist“, textete Luther damals und ermunterte zum Gemetzel an allen, die mit Forke und Brandfackel in der Hand zum ersten mal auf deutschem Boden die soziale Frage verkörperten. Fünfhundert Jahre später stellen sich die gleichen Fragen global.

Die Inszenierung „Hals über Kopf“ ist eine Melange aus historischem Exkurs und einer Abfolge von szenischen Miniaturen. Das funktioniert, weil es sich um minutiös ausgelotetes Regietheater handelt. Ein locker polemischer Einstieg im Agit-Prop-Stil eröffnet den Dialog mit dem Publikum, der sich als Faden durch den Abend zieht. Erstaunlich, wie wenig bekannt ist über das Phänomen Müntzer, trotz „Elefantenklo“ und Fünf-Mark-Schein-Konterfei. Fast lehrbuchmäßig im Sinne von Brecht und Piscator treten die Akteure immer wieder heraus aus ihren Rollen und verhindern ein Abgleiten in einen Historienschinken.

halsueberkopf_title2_630.jpg

Das Ergebnis ist erfrischend für den Kopf und die Sinne und wird von einem hervorragend besetzten Ensemble serviert. Auch das zünftige Element, musikalische Akzente und spielerische Fiktion kommen nicht zu kurz. So liefern sich Jan Uppleger als Müntzer und Simon van Parys als Luther ein fulminantes Predigerduell. Maria Steurich glänzt als Verkörperung der Katharina von Bora. Astrid Kohlhoff weiß in souveränem Wechselspiel zwischen ihren Rollen als Ottilie von Gersen und als Erzählerin durch den Abend zu führen. Ergreifend eindringlich gelingen auch die Darstellungen der Fürstenpredigt und der finalen Frankenhausener Schlacht.

Das Genre des sommerlichen Freilichttheaters mit Professionalität, Innovation und Tiefgang auszustatten ist das erklärte und auch namensgebende Ziel des 'Konsortium Luft und Tiefe“. Dass dabei um große monumentale Stoffe kein Bogen gemacht werden braucht, beweisen deren Akteure seit nunmehr sieben Jahren. Mit der aktuellen Inszenierung ist dem sich jährlich neu zusammenfindenden Projektensemble wieder ein kleines Glanzlicht gelungen – dem Stoff und Anlass angemessen, und in vollem Bewusstsein um den Charme und die Möglichkeiten des so genannten „Off-Theaters“.

Hals über Kopf

Schauspielproduktion von Schaustelle Halle und Theaterschafft Leipzig

Nächste Vorstellungen: 2. bis 6. August 2017 im Innenhof der Moritzbastei Leipzig

www.facebook.com/HalsueberKopfMuentzer

Kommentar hinzufügen

 
Fügen Sie hier Ihren Kommentar ein:
 
 
 

* Pflichtfeld

 

Tipps

Freiluftkinos 2017

Open-Air-Kinos in Leipzig und umzu: Welche Filme wann und wo laufen.

EXTRAS

Chefredakteur/in gesucht

Für unser Online-Feuilleton Leipzig-Almanach suchen wir eine neue Chefredakteurin oder einen neuen Chefredakteur.

Out of Leipzig

Berichte aus der Hauptstadt und dem Rest der Welt

Friedrich-Rochlitz-Preis

Rückblick auf den Friedrich-Rochlitz-Preis für Kunstkritik 2015. Das nächste Mal findet der Schreibwettbewerb 2017 statt.

Lyrik & Prosa

Gedichte und Erzählungen im Leipzig-Almanach

Jugend-Almanach

Die Extra-Rubrik für junge Autorinnen und Autoren

Jetzt Mitglied werden!

Damit der Leipzig-Almanach nichtkommerziell bleibt, brauchen wir Ihre und Eure Unterstützung. Jetzt Vereinsmitglied werden! Als Dankeschön gibt es einen Kinogutschein.

Newsletter

 

Registrieren Sie sich für den Newsletter des Leipzig-Almanach