D.H. Elle | Drucken25.01.2020 

Circlude me!

Im LOFFT laden „Hazy Borders“ mit „Just a circlusion“ zur radikalen Abschaffung des Begriffs „Penetration“ ein und bleiben doch nur bei einer harmlosen Wohlfühlperformance

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Hazy Borders widmen sich dem Begriff der “Circlusion” und bauen einen performativen Lustgarten (Foto: Thomas Puschmann)

Die Autorin Bini Adamczak schlug 2016 ein neues Wort vor, dass das Denken über Sexualität, Machtbeziehungen aber auch Denkprozesse radikal verändern könnte. „Circlusion“ solle den Begriff der „Penetration“ ersetzen. Sie will, dass wir das Umschließen, Überstülpen als Aktivität betrachten, statt nur dem Reinstecken und Eindringen eine aktive Rolle zuzuschreiben. Sind nicht Anus, Vagina, Mund, Hände genauso aktiv wie ein Penis, ein Finger, ein Nippel, ein Dildo? Und was bedeutet diese Analogie für andere Bereiche des Lebens? Das Kollektiv „Hazy Borders“ widmet sich in einer Werkstattarbeit im LOFFT der Erkundung dieses Begriffs der „Circlusion“.

An diesem Abend wird wirklich auf allen Ebenen umschlossen und übergestülpt. So wird nicht nur ein Teil des Publikums in die Mitte des Raumes gesetzt und umspielt, umkreist. Auch die Wahl der Medien ist ein Rundumgriff in alle möglichen Genres wie Video, Performance, Songwriting, bildende Kunst. Die Studentinnen der Fotografieklasse der HGB zeigen auf einer Wand ein multimediales Kaleidoskop von Umhüllungen, indem sie einerseits Videos einer Guerilla-Aktion zeigen, in der sie in der Leipziger Innenstadt Orangen auspressen und deren Saft schlürfen. Auf der Rolltreppe sitzend breitbeinig eine Orange auszudrücken wirkt sofort wie öffentliches Masturbieren, öffentliche Circlusion eben. Andererseits Einstellungen von wabbelnden undefinierbaren Materialien, Zeichnungen.

Auf akustischer Ebene hören wir teilweise aus dem Off, teilweise sprechen die Performer*innen selbst, deren Kostüme an Cyborgs aus Donna Haraways „manifesto“ erinnern. Sie versuchen den Begriff zu definieren, konjugieren, erzählen Träume, Geschichten, Fantasien, die um die Aufhebung geschlechtlicher Grenzen kreisen, während sie mit den erotischen Objekten von Katharina Gahlert hantieren, die aus einem irren Sex-Universum zu kommen scheinen: Ein hautfarbenes Hodenpendel mit Fellbesatz, ein glitzerndes Schamhaardiadem, ein zirkludierend zirkludierbarer violetter Glibberphallus. Das Spielerische, das noch gerade mit einer Dauerschleife von „Careless Whisper“ untermalt wurde, kulminiert dann sehr lustig in einer Circlusionsorgie mit einem Meerjungfrauenschwanz. Um schließlich mit dem Platzen eines Ballons und einer großartigen Gesangs- und Tanzeinlage des Songs von Imagination „Just an illusion“, umgedichtet in „Just a circlusion“ zu enden.

Alexandra Ivanciu, Anna Lebedev*a, Tess Marschner und Lea Matika haben eine lustvolle performative Installation geschaffen, die Spaß macht und doch durch ihre vielen kleinen Gedankenschnipsel eher von der Thematik ablenkt, als auf sie zuzuspitzen. Es fehlt der Ausgangspunkt der Überlegungen. Warum ist das Umdenken so wichtig? Wie löst sich die Vorstellungskette Penetration-Aktivität-Macht-Gewalt auch in unserer Sprache auf? Und warum ist “Circlusion” nicht ein neues Sprachdiktat, sondern eine Befreiung? So bleibt der Abend ein erwartbares Mashup von Eindrücken, eine seltsame Wohlfühlspielwiese jenseits der Banalität der Binarität der Geschlechter. Nicht wirklich neu und nicht wirklich radikal. Aber was bedeutet schon “radikal”.

Just a circlusion

Hazy Borders (Leipzig)

20. Januar 2020, LOFFT

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