Philipp Hartmann | Drucken04.10.2016 

Ende ohne Ende

Regisseur Armin Petras bringt den Wenderoman „Kruso“ allzu originalgetreu auf die Bühne des Leipziger Schauspiels

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Szene mit den Darstellerinnen Nina Siewert und Alina-Katharin Heipe. Im Hintergrund: David Hörning, Ellen Hellwig, Markus Lerch, Elias Popp, Dirk Lange, Ferdinand Lehmann (Fotos: Rolf Arnold)

Ein Blick in das Programmheft des Schauspiel Leipzig beweist alljährlich: Das Vergangene ist nicht vergangen. Die DDR und vor allem ihr Niedergang haben sich einen festen Platz im Spielplan reserviert. Paradoxerweise scheint das „Ende der Geschichte“, wie Francis Fukuyama es damals nannte, auch nach mehr als 25 Jahren noch Stoff für Geschichten ohne Ende zu bieten. In der angebrochenen Saison sind es zwei Romane, die zur theatralen Vergangenheitsbewältigung herhalten müssen: 89/90 von Peter Richter und Lutz Seilers Kruso. Besonders an Letzterem lässt sich Fukuyamas umstrittene These aufs Schönste illustrieren: Was sich in Kruso abspielt, ist keine Geschichte im klassischen Sinne, sondern lediglich das Ende einer Geschichte, die schon viel früher begonnen hat. Es ist eine Momentaufnahme des Punkts, an dem die Fäden der großen Erzählungen ein letztes Mal zusammenlaufen, sich zu einem chaotischen Knäul verwirren und schließlich reißen.

In der Theorie klingt das gut und schön, auf den fast 500 Seiten des Romans aber ist es ermüdend. Zu angestrengt, zu verkrampft wird die eigentlich recht simple Handlung zu einem gigantischen Metapherndickicht aufgeplustert. Worum es geht? Kurz gesagt: um die Erlebnisse eines frustrierten Mittzwanzigers, der sich von Halle aus auf die berüchtigte Ostseeinsel Hiddensee flüchtet und dort bei der Gaststätte „Zum Klausner“ anheuert. Er fügt sich in die bizarre Welt der Insel ein und freundet sich mit Alexander Krusowitsch, genannt Kruso, an, der eine Art Aussteiger-Sekte betreibt, inklusive Ritualen, Rauschmitteln und esoterischer Freiheits-Mystik. Am Ende kommt es, wie es in einem Wenderoman kommen muss: Alles bricht zusammen, die Gastwirtschaft und die Illusionen.

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Auf der Bühne: Anja Schneider, Florian Steffens und Andreas Keller (liegend).

In Leipzig hat sich jetzt Armin Petras dieses Stoffs angenommen, und er liefert eine leicht abgespeckte, aber sehr originaltreue Adaption. Zu Beginn stellt sich die Hauptfigur Edgar „Ed“ Bendler als lahmarschiger Germanistikstudent vor, aus dessen Perspektive das Publikum den merkwürdigen Ereignissen auf Hiddensee beiwohnt. Die Farblosigkeit der Figur ist weniger dem Darsteller Florian Steffens anzulasten, sie scheint vielmehr beabsichtigt zu sein. Ed tritt als Protagonist in die Fußstapfen von Harry Potter, Frodo & Co.: Ein weißes Blatt ohne nennenswerte Eigenschaften, genauso ahnungslos wie Leser und Zuschauer, die ideale Projektionsfläche. Das restliche Personal ist dafür umso exzentrischer, vom frankophilen Kellner-Philosophen Rimbaud über den grobschlächtig grinsenden Koch-Mike bis zum Titelhelden Kruso, verkörpert von Anja Schneider. Letztere schafft es, aus ihrer schwierigen Rolle einen sympathischen-mysteriösen Sprücheklopfer zu machen, was zu den amüsanteren Momenten des Abends führt.

Abgesehen von dieser illustren Runde offenbart der Abend aber schnell einige Schwächen. Armin Petras bewegt sich so nah an der Vorlage, dass seine Inszenierung in dieselbe Falle tappt: Eine Unmenge poetischer Bilder und bedeutungsschwangerer Worte werden aufgefahren, um eine letztendlich recht dünne Substanz anzureichern. Die stärksten Szenen sind bezeichnenderweise diejenigen, in denen sich das Bühnengeschehen vom Text des Romans löst – etwa, wenn Kruso herrlich bekloppt Eds Romanze mit einer „Schiffbrüchigen“ moderiert. Was ansonsten passiert, wirkt oft wie eine Verlegenheitslösung, um die Spielzeit von drei langen Stunden vollzukriegen: Das immergleiche Spiel mit dem hübschen Bühnenbild, während Handlung erzählt wird, Eds (Selbst-)Gespräche mit einem toten Fuchs, die Trakl-Zitate – alles zieht sich in die Länge und driftet auseinander, die inneren Zusammenhänge zwischen den Szenen muss das Publikum selbst herstellen.

Schlecht ist das Ganze nicht – allerdings ist „nicht schlecht“ auch kein erstrebenswertes Prädikat. Es sind die üblichen Bilder, die altbewährten Reflexionen über die DDR und die Wende; daran kann auch die vergleichsweise exotische Location nichts ändern. Da stellt sich die Frage, ob es nicht Zeit für ein paar neue Geschichten ist, oder besser: für eine zeitgemäße Art, die alten Geschichten zu erzählen.

Kruso

Regie: Armin Petras

Bühne: Olaf Altmann

Kostüme: Patricia Talacko

Live-Musik: Johannes Cotta

Choreographie: Denis Kuhnert

Dramaturgie: Christin Ihle, Clara Probst

Licht: Jörn Langkabel

Mit: Alina-Katharin Heipe, Ellen Hellwig, David Hörning, Andreas Keller, Jonas Koch, Dirk Lange, Ferdinand Lehmann, Markus Lerch, Elias Popp, Anja Schneider, Nina Siewert, Florian Steffens, Berndt Stübner

Premiere: 1. Oktober 2016, Schauspiel Leipzig

Weitere Aufführungen: 29./30. Oktober, 19../20. November, 1./2. Dezember

Website des Schauspiels Leipzig

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