Mathilde Lehmann | Drucken30.12.2015 

Bierbichlers Requiem

Musiktheatrale Romanadaption „Mittelreich“ an den Münchner Kammerspielen: träge, klinisch, grotesk

Im Vordergrund: Thomas Hauser (Fotos: Judith Buss)

Die Inszenierung soll im Folgenden für uns heißen: Selig sind, die da Leid tragen oder auch Was die Klimaanlage der Münchner Kammerspiele mit meinen Haaren macht.

In einem kargen cremefarben gestrichenen Raum, der so aussieht wie blasse Wandfarbe riecht, gibt es ein paar Stühle, brav aufgereiht. Ein Gemeinderaum eines kleinen Dorfes, so sieht es aus, nur ohne Landschaftsaquarelle und Likörschrank. So was wird es hier nicht geben. Die Darsteller sind keine Sänger, sie sitzen mit konzentriertem Blick auf die Dirigentin und singen leise, klar, mit Nachdruck. Auf dem Balkon des Theaters steht ein Chor in den Türen, die kräftig in den Gesang einsteigen und dem Ganzen das Gefühl von Passion verleihen.

Auszüge aus Brahms’ Requiem tauchen immer wieder auf. Man besingt eine Beerdigung. Der Tote bleibt nicht lange liegen, in einer Art Vorspiel werden die Spielfiguren etabliert mithilfe von parallelem Lauf von Spiel und Erzählung. Dann ist die Basis geschaffen und ein Familienleben beginnt bei der Geburt des Sohnes. Dieser wird im Folgenden als Erwachsener auf der Bühne die Erzählfigur mimen. Mit moralischem Zeigefinger, daran ist der Roman schuld.

Anna-Sophie Mahler inszeniert dieses bayerische Requiem Mittelreich an den Münchner Kammerspielen als Musiktheater, mit mehr Theater als Musik, als grotesk anmutendes Steh- und Sprechtheater und angedeuteten Extravaganzen. Josef Bierbichlers hoch gelobter Roman ist 2011 erschienen und handelt von einer Seewirtschaft in der Provinz und ihren Erben, die auf drei Generationen von der Geschichte verfolgt werden, Unglück, Frust, und vergangenen Träumen.

Von links: Steven Scharf, Annette Paulmann, Stefan Merki

Der Text kommt motivhaft auf die Bühne, der erwachsene Sohn in seiner Erzählerfunktion sitzt meist am Rand, scheint abgestellt worden zu sein und guckt auch so. Das hängt damit zusammen, dass die zwar reduzierte Handlung dennoch wortreich durchdekliniert werden muss und so bleibt wenig Platz für den wunderbaren Brahms und ganz viel Raum für das Unglück des Familienvaters, der Sänger werden wollte und nun die Seewirtschaft unterhalten muss. Für das Unglück der Mutter, die sich das Eheleben anders vorgestellt hat, meist alleine ist, und meist auch lieber das als beim Mann. Für das Unglück des Sohnes, der im Internat missbraucht wird und seine Eltern ihm nicht zuhören.

Das alles in klinischen Bildern, die penibel gestellt werden und in denen wenig Bewegung entsteht.
Plötzlich verwechsele ich das szenische Anziehen einer roten Strickjacke mit Action. Wenn ich viel Zeit zum Nachdenken habe (und das habe ich oft), vermisse ich die entscheidenden Faktoren, um dieses Stück mit ein wenig Stimmungsmusik als das versprochene Musiktheater zu erkennen.

Nach zweieinhalb Stunden perfider Romanwiedergabe in schönen Bildern sind lediglich meine Haare spannungsgeladen. Zu viel Zeit habe ich, um mir über sowas Gedanken zu machen, und über den ausreichend motivierten Herren am Einlass, der leise zu sich sang und sich gedankenverloren im Schritt kratzte, aber dafür auf die Minute genau sagen konnte, wann die Pause sein würde.
Aber wenigstens ungewöhnlich erscheint der Abend. Die Trägheit scheint Konzept, das Groteske in der Spielweise wird zur Distanz, die zwischen Publikum und Bühne immer größer und klaffender wird, bis der Orchestergraben zum Jenseits wird, in das die Bühnentoten hineinsteigen können und sich von dem gezeigten Leben befreien können.

Mittelreich

Nach Josef Bierbichlers Roman

Regie: Anna-Sophie Mahler

Bühne: Duri Bischoff

Kostüme: Pascale Martin

Musik: Stefan Wirth, Sachiko Hara, Manfred Manhart, Anno Kesting, Bendix Dethleffsen

Licht: Jürgen Tulzer

Dramaturgie: Johanna Höhmann

D: Steven Scharf, Thomas Hauser, Stefan Merki, Annette Paulmann, Jochen Noch, Damian Rebgetz MUSIKALISCHE LEITUNG Bendix Dethleffsen CHOR Junges Vokalensemble München DIRIGENTIN Julia Selina Blank

Münchner Kammerspiele, Uraufführung 22.11.2015


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