Steffen Kühn | Drucken19.05.2015 

Barrie Kosky entweiht Schönbergs „Moses und Aron“

Eine Inszenierung an der Komischen Oper Berlin von Intendant Barrie Kosky

Foto: Monika Rittershaus

Die Figur des Moses hat die Historiker beschäftigt. Bis heute lässt sich die Existenz des Moses nicht wirklich belegen. Einig ist man sich ob der kirchengeschichtlichen Bedeutung, so der Brockhaus 1993: „Moses nach dem Altem Testament (2.-5. Mose) Führer, Prophet, und Gesetzgeber der Israeliten; Bruder des Aron und der Mirjam; führte die Israeliten aus Ägypten (Exodus), wo sie zu Zwangsarbeiten verpflichtet waren. Als Mittler der Gottesoffenbarung kommt ihm nach alttestamentlicher Überlieferung die zentrale Bedeutung bei der Ausprägung des monotheistischen Jahweglaubens und der Grundlegung der israelitischen Rechtsordnung zu.“

Arnold Schönberg hat um seinen Moses gerungen. 1926, sieben Jahre vor seiner Flucht vor den Nazis, seiner Emigration nach Paris und danach in die USA, hat er begonnen, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Am 29. Dezember 1950 schreibt er in einem Telegrammentwurf an Hermann Scherchen: „Einverstanden dass dritter Akt eventuell ohne Musik gesprochen wird falls Vollendung unmöglich“.

Der Tod Arnold Schönbergs am 13. Juli 1951 hat uns ein unvollendetes Werk hinterlassen. In den 24 Jahren, in denen sich Schönberg mit dem Thema beschäftigt hat, hat sich die Welt grundlegend verändert. Die Erfahrung der Vertreibung aus Europa, des darauffolgenden Zweiten Weltkrieges und des Holocausts haben auch den Menschen Schönberg verändert. Er schloss sich im Pariser Exil am 24. Juli 1933 dem jüdischen Glauben wieder an, den er 1898 aufgegeben hatte, um sich evangelisch taufen zu lassen. Fortan setzt er sich für die Juden, den jüdischen Glauben und die Gründung eines jüdischen Staates ein. Er fühlt sich berufen, an der Rettung des jüdischen Volkes mitzuwirken.

Vor diesem Hintergrund wurde Schönbergs Oper als tief religiöses und subjektives Werk gelesen. Die konzertante Uraufführung von Moses und Aron fand 1954 in der Musikhalle Hamburg, die szenische Uraufführung 1957 im Stadttheater Zürich statt. Bis heute steht Moses und Aron regelmäßig auf den Spielpläner der führenden Opernhäuser.

Was macht nun die Komische Oper Berlin im Jahr 2015 aus diesem Stoff?

„Das Bild mit der Magie schien mir der Weg zu sein, eine sinnliche Metapher für Moses und Aron zu finden. Moses gilt als der erste Zauberer, denn er versucht, sein Volk und auch den ägyptischen Pharao mit Zaubertricks zu überzeugen: Sein Stock verwandelt sich in eine Schlange, Wasser wird zu Blut etc. ... Und die zehn Plagen zählen ohne Zweifel zu den größten Zaubertricks, die je präsentiert wurden. Moses´ Stab ist die Urform des Zauberstabes.“

So Intendant Barrie Kosky zu seiner Inszenierung. Moses als Zauberer, als Führer eines Volkes, der seine Wirkung aus Zaubertricks generiert. Ein etwas ungewöhnlicher Ansatz, den Kosky aber mit aller Konsequenz durchzieht. Moses (Robert Hayward) ist ein nervöser Rauschebart mit Zylinder. Ergänzt durch seinen Bruder Aron (John Daszak) schafft Kosky ein clowneskes Paar, angelehnt an die Vaudeville – Clowns Vladimir und Estragon aus Samuel Becketts Warten auf Godot. Aron zieht immer wieder etwas aus dem Hut, um das ungeduldige Volk zu beruhigen.

Die religiöse Wirkung des Stückes geht in dieser Inszenierung komplett verloren. Beachtlich dabei ist, dass die Musik das nicht mitmacht. Die dunkel changierenden bis schrill aufgerissenen Flächen des Orchesters, welche den nur sprechenden Moses begleiten, laufen ins Leere, die Spannung, welche hier entstehen soll, geht ins Nichts. Der hervorragend agierende Chor der Komischen Oper ist in der Ernsthaftigkeit der Partitur gefangen. In Verbindung mit der rauschhaften, auf äußere Effekte zielenden Inszenierung wirkt das falsch und nicht authentisch. Seinen profanen Ansatz kontrastiert Kosky dann mit allerlei historischen Zutaten: Kinder, verkleidet mit übergroßen Köpfen als Theodor Herzl, Sigmund Freud und Gustav Mahler, treten auf. Beim Tanz ums goldene Kalb werden Parodien von riesigen jüdischen Bankiers über die Bühne geschoben. Diese Regieeinfälle verpuffen aber angesichts des schon sehr profanen Grundansatzes. Sie lenken ab von einem der radikalsten Stücke des 20. Jahrhunderts.

Mit den Gedanken Arnold Schönbergs und seiner Musik hat das alles nur wenig zu tun. Er selbst sagte über seine Oper Moses und Aron: „Ich selbst habe aus dem mächtigen Stoff vor allem diese drei Elemente in den Vordergrund gerückt: der Gedanke des unvorstellbaren Gottes, des auserwählten Volkes und des Volksführers.“

Moses und Aron

Oper in zwei Akten von Arnold Schönberg (1957)
Text vom Komponisten

Komische Oper Berlin, Großer Saal, 2. Mai 2015


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