Steffen Kühn | Drucken29.06.2015 

Dialog mit Wagner

Fulminates modernes Musiktheater an der Staatsoper Berlin: „Rein Gold“ nach dem Bühnenessay von Elfriede Jelinek in der Inszenierung von Nicolas Stemann

Fotos: Arno Declair

Elfriede Jelinek hatte 2013 im Auftrag der Bayerischen Staatsoper einen musikdramatischen Text verfasst. Der Bühnenessay Rein Gold arbeitet mit Richard Wagners Ring des Nibelungen. Eine Urlesung richtete Nicolas Stemann im Prinzregententheater München ein. Diese Performance fand am 1. Juli 2012 statt, danach ging die Jelinek-Prosa in den Verlagsdruck.

Der 130-seitige Text Jelineks ist größtenteils ein Zwiegespräch zwischen Wotan und Brünnhilde. Hinzugekommen sind in ihrem Text andere Brünnhildes und Wotans, weitere Stimmen von Töchtern, Vätern, Liebenden, Mächtigen, und Heldenhaften aller Generationen.

Wie sind wir hier nur hineingekommen und wie kommen wir hier wieder heraus?, fragt Wagners Brünnhilde. Mit Jelineks Worten klingt das dann so: Ich versuche also zu präzisieren (…) Also: Papa hat sich diese Burg bauen lassen, und jetzt kann er den Kredit nicht zurückzahlen. Eine Situation wie in jeder zweiten Familie. Ich versuche also zu präzisieren: Wieso wirken die Gesetze nicht, die Du doch selbst gemacht hast? Was ist geblieben von deinem Weltenentwurf? Wozu dieses Haus, Papa, wozu Walhall, wozu diese Demonstration der Macht? Wieso bezahlst du die größeren und kleineren Arbeiter nicht, wieso bringen sie sich um für Gold? Wer ist der Mensch, der das wieder richten wird, wo ist der Held? Ich dachte, du seist Gott! Was nur ist mit dir los, Papa? Papa, bitte geh nicht! Was soll ich tun?

Jelinek gönnt Wagners Figuren keine Ruhe. Vor der Oper ist nach der Oper! Wagners Utopien und Visionen werden zerlegt und zertrümmert. Sie schmeißt Wagners Ring vom Sockel, so wie jede neue Generation die alten Hüte wegfegt. Die, die das verkünden, sind die Helden der Generation. Helden begehren auf, recyceln manche Ideologien und verbreiten auch Terror gegen das Andere. Nur eines überdauert alles und jede Kritik. Es ist das Geld und es ist das Gold und das glänzt ewig – Rein Gold!

Nicolas Stemann hatte in der Urlesung 2012 in München den gesamten Text live und ohne Proben von den Schauspielern sprechen lassen. Für die Berliner Uraufführung der musikalischen Fassung haben er und Dramaturg Benjamin von Blomberg die 130 Seiten kräftig zusammengestrichen, zerlegt und neu arrangiert. Die Musik kann nun gleichberechtigt neben dem Text stehen. Der Abend beginnt als Lesung: Die drei Schauspieler setzen sich mit ihren Rollenbüchern auf die Stühle kurz vor der ersten Reihe im Parkett, später kommen Brünnhilde und Wotan dazu. Walhall ist das Gebäude der Staatsoper Unter den Linden, der Paulick-Nachbau des Originalhauses von Knobelsdorff, der seit Jahren generalsaniert wird und sich parallel zum Berliner Flughafen zum Baudesaster und Geldgrab entwickelt. Planen an den Wänden zeigen das Innere des Stammhauses, an der Decke strahlen seine Lüster, Betonmischer, Kabeltrommeln und Sperrholzbauwände verbreiten Baustellenatmosphäre. Das Orchester sitzt ganz hinten auf einer beweglichen Plattform.

Stemann und sein Team lassen der Musik viel Raum. Rebecca Teem als Brünhilde und Jürgen Linn wagnern kräftig durchs Geschehen. Die Staatskapelle unter Markus Poschner wird zuweilen unter anschwellendem Crescendo bis zur Bühnenrampe geschoben. Die originalen Passagen werden durch Dissonanzen verzerrt. Thomas Kürstner und Sebastian Vogel performen an ihren mobilen Elektronik-Sets. Immer wieder tauchen wie aus dem Unterbewusstsein bekannte Wagnersche Motive auf, werden dann verwandelt, ins Moll gedreht und mit anderen Zitaten aus Wagners Tetralogie überlagert. Die drei Rheintöchter Narine Yeghiyan, Katharina Kammerloher und Annika Schlicht singen erfolgreich gegen die Macht des Orchester an und versüßen das Set mit breitestem Lächeln. Die drei Schauspieler Katharina Lorenz, Philipp Hauß und Sebastian Rudolph laufen und stolpern staunend durch die Text- und Tonlandschaft. In zauberhaftem Zwiegespräch agiert vorne Katharina Lorenz während Jürgen Linn auf dem Balkonpodest hinterm Orchester wieder einen dieser endlosen Wotan-Monologe zelebriert. Das Ganze ist perfekt choreografiert, die Dialoge sind exakt im klanglichen Geschehen verortet.

Die Dialoge zwischen Brünnhilde und Wotan, zwischen Wagner und Jelinek, ihrem Text und seinem Musikdrama, zwischen Schauspiel und Oper, zwischen alten und neuen Welten sind revuehaft-fulminant in Szene gesetzt. Alle Beteiligten agieren mit großer Hingabe, Leichtigkeit und szenischer Eleganz. Man wünscht sich viel mehr solcher eigenwilligen Musiktheaterproduktionen. Die Frage nach historischer oder Neue Musik muss hier weder gestellt noch beantwortet werden. Hochspannend verknüpfen Autorin Jelinek, Regisseur Stemann und das Inszenierungsteam historische Vorlagen mit aktuellen Denksätzen und ästhetischen Fragen unserer Zeit. Großer Applaus aus dem Publikum, von allen Generationen.

Rein Gold

von Elfriede Jelinek

Musiktheater von Nicolas Stemann unter Verwendung der Musik aus Richard Wagners "Der Ring des Nibelungen"

Staatsoper im Schillertheater Berlin, 25. Juni 2015


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