Mathilde Lehmann | Drucken16.11.2010 

S/W-Existenz und fünf Stück Zucker

PortFolio Inc. aus Berlin erforschen mit Schlagerpolitik und Kaffeephilosophie im LOFFT Ronald M. Schernikaus Geist

(Fotos von Ulrich Hartmann nach Vorlage von Schernikau-Portraits)

Geht es hier um das Kommunistendasein, das Schwulsein, das Schreiben? Das Meeting ist eröffnet. Nehmen Sie sich doch eine Tasse Kaffee und blicken Sie auf die Magnetwand, wir haben hier schon mal was vorbereitet.

Die freie Theatergruppe aus Berlin, PortFolio Inc., führt unter der Regie von Marc Lippuner, Mitbegründer der Gruppe, Schernikau.Sehnsuchtsland im LOFFT vom 11. bis 13. November auf. Es geht um den Schriftsteller Ronald M. Schernikau. Er vereinte drei Existenzen in sich: Den Kommunisten, den bekennenden Homosexuellen und den Schriftsteller.

Diese drei parallel wirkenden Identitäten treffen nun auf einer Bühne zusammen. Sie sind Schernikau, sie reden über Schernikau, dabei trinken sie Kaffee und diskutieren über die Politik einer Popkultur der BRD und DDR.

Ein sanfter Hauch von Vorahnung rauscht durch den Raum, bevor das Stück beginnt. Schernikau war schwul und Dichter, nein, wie das, geht das überhaupt, da muss man mal darüber reden! Diese Inszenierungsintention liest sich aus dem Programmheft heraus, und sie liest sich vorurteilsbehaftet, kurz: nicht so gut. Doch die Saaltür wird geschlossen und langsam, langsam versiegt der Hauch. Die Inszenierung, der Stoff, das Stück, all das setzt sich nicht mit Scheinkontroversen wie Coming Out und Berühmtsein auseinander, sondern mit der Qual der Wahl eines Künstlers.

Hier kommen die schönsten Momente zustande. Der harte Erzkommunist mit Brustbehaarung, Michael F. Stoerzer, mit robuster Einstellung und leider ohne Vollbart. Auf der anderen Seite Thomas Georgiadis, mit hautengem Oberteil und rosafarbenem Schal, ein Modeschwuler, mit haarscharf überzeichnetem tuntigen Gehabe. Dafür aber mit Vollbart.

(Fotos: Dirk Förster)

Die Gegenüberstellung mit Magnetwand und klaren Ansichten, der Schlagabtausch von Argumenten ist schön anzusehen und sehr amüsant. Ohne Kommunismus keine offene Homosexualität? Ohne Homosexuelle kein Kommunismus? Georgiadis und Stoerzer überzeugen durch ein starkes Spiel, das die Klischees erfüllt, aber doch eine leichte Ironie gegenüber diesen zulässt.

Der Dritte im Bunde, Stefan Aretz, hat anfangs deswegen ein kleines Problem. Er hat die schwammigste und schwierigste Rolle: den Schriftsteller. Sich zu profilieren, fällt ihm aufgrund der Vorlage offenkundig schwer, und verblasst auch des Öfteren neben der bunt schillernden Darstellung seiner Mitspieler. Als es an die biographische Aufarbeitung des Dichters geht, schafft er es jedoch in den Vordergrund und siehe da, beeindruckt ebenso.

Die wesentliche Frage, der sich Regisseur Lippuner gestellt hat, ist die der Identitätskrise Schernikaus. Wer war er? Was wollte er? Wo wollte er hin? Die Inszenierung löst dies über die Dreieinigkeit Schernikaus Daseins – „schreiben schwulsein kommunistsein, glaube liebe hoffnung, kindlich tuntig selbstbewusst“ lautete Schernikaus Parole. Dieses Sein macht die Inszenierung aus, auf humorvolle und geistreiche Weise und: Sieht sich auch schön an. Das Bühnenbild wie die Requisitenwahl (Ausstattung: Halina Kratochwil) ist intelligent und behält seinen ästhetischen Anspruch. Licht und Ton werden spärlich, aber gut dosiert eingesetzt. Immer mal wieder wird das Stück durch kleine Gags gebrochen. Und so guckt man gern, hört man gern, denkt man gern.

Einziger Wermutstropfen: Die Inszenierung bekommt gelegentlich einen Schuss von Geschichtsunterricht mit einem Sahnetüpfelchen Literaturwissenschaftsseminar. Wie man lyrisches Ich und Autor trennt, kann man auch auf Wikipedia nachlesen. Zudem die Geschichte der DDR – durchaus nicht unerheblich für Schernikaus Leben und doch interessiert sein Auswandern in den Osten eher als das seiner Mutter in die BRD. Informationen, die die Aufmerksamkeit drücken, einen diesig in den Stuhl sinken lassen und einen in Versuchung führen, seinem Banknachbar Zettelchen zu schreiben. Kleine Ecken in der sonst so runden und wunderbaren Inszenierung.

Schernikau.Sehnsuchtsland

Eine Produktion von PortFolio Inc.

Inszenierung: Marc Lippuner

Mit: Stefan Aretz, Thomas Georgiadis und Michael F. Stoerzer

Premiere: 11. November 2010, LOFFT Leipzig


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