Kristin Teichert | Drucken06.01.2020 

Ein kollektiver Monolog

“She She Pop” löste bei seinem Gastspiel in Leipzig spontane Solidarisierungen der Zuschauer aus

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Ein kollektiver Monolog “She She Pop” löste bei seinem Gastspiel in Leipzig spontane Solidarisierungen der Zuschauer aus (Foto: Bnjamin Krieg)

Das Performance-Kollektiv “She She Pop” ist hervorgegangen aus Studierenden der Angewandten Theaterwissenschaften der Universität Gießen. Seit seiner Gründung verändert es sich ständig, reagiert auf neue Erfahrungen und Erlebnisse der Performer*innen, die zugleich Autor*innen und Dramaturg*innen sind. Mit “Oratorium - Eine kollektive Andacht zu einem wohlgehüteten Geheimnis” feierten sie 2018 am HAU in Berlin Premiere und kamen jetzt zu einem Gastspiel ins Schauspiel Leipzig.

Zu Beginn des Stückes demonstrieren die Darsteller*innen das Kollektiv. Sie laufen mit Fahnen aus zusammengenähten Textilien ein. Aus Jeans und Spitzenkleidern, Hemden und T-Shirts, Rüschen und Flicken. So bunt wie die Fahnen, so divers auch die Darsteller*innen in Alter, Herkunft, Muttersprache und Geschlecht. Diese Fahnen sind Kostüme der Künstlerin Lea Søvsø. Sie werden schließlich übergestreift um innerhalb des großen Flickenteppichs der gesellschaftlichen Realität einzelne Rollen zu etablieren.

Erzählt wird die Fabel einer Entmietung, wie sie zigfach in Leipzig und überall sonst in Deutschland vorkommen könnte. Das Opfer ist eine Schriftstellerin, deren Wohnung verkauft werden soll. Während die Interessenten die Wohnung ausspionieren, werden Zitate von unter anderem Adenauer und Kohl zur Bedeutung von Wohneigentum proklamiert. Es folgt eine Abhandlung über Eigentum und Eigentumsverhältnisse. Zu einem Ergebnis kommt diese Begriffserkundung nicht. Es ist eher ein andauernder Monolog, eine Andacht über den Wert des Eigentums, wie es im Untertitel schon heißt.

Die Interaktion des Performance-Kollektivs mit dem Publikum verlieh dem Stück eine gewaltige Präsenz im Zuschauerraum. Alle Zuschauer*innen waren gleichzeitig Akteur*innen, teilweise auch auf der Bühne, mindestens jedoch mit ihrer Stimme präsent. Die Worte wurden den Akteur*innen durch eingeblendete Texte in den Mund gelegt. Wer sich angesprochen fühlte, las vor und so entstanden Dialoge zwischen Einzelnen, Gruppen und dem sogenannten “Chor der Delegierten”.

Die Sprache ermächtigte die Zuschauer*innen aus der Anonymität herauszutreten und sich mitzuteilen. Gesprochen wurde dann, was die Einblendungen auf der Projektionswand vorgaben. Damit trieb die Sprache das Stück an. Das war erfrischend und an vielen Stellen auch sehr humorvoll. Wer outete sich als Ostdeutscher, der es gelernt hatte, im Chor zu sprechen?

Sehr dynamisch untermalte die Live-Musik von Max Knothe die Performance. Eine Trompete und ein Xylophon verwoben den Chor, das Summen und die Monologe der Stimmen zu einem Ganzen.

Leider kam in dem Monolog der Vielen die Handlung etwas zu kurz. Am Ende entpuppte sich die Schriftstellerin als Mieterin einer 10-Zimmer-Wohnung und die Realität zeigte sich komplexer als zunächst angenommen. Das “Oratorium”, die Fabel einer Entmietung, ist eine Geschichte, die uns wenig Neues lehrt aber dafür das ewig gültige Problem von Eigentum auf sehr originelle Weise ins Bewusstsein ruft.

Oratorium. Kollektive Andacht zu einem wohlgehüteten Geheimnis von She She Pop

Gastspiel am Schauspiel Leipzig

13., 14. & 15. Dezember 2019

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