Julia Eichhorn | Drucken13.05.2019 

Die Aufgabe des Menschen: Sich selbst aushalten

Tiefe Einblicke in eine vertrackte Romanze: Barbara Trommer und Burkhard Damrau überzeugen im Theaterstück „Verdammte Herzenssache“ – in der naTo war Premiere

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Burkhard Damrau und Barbara Trommer (Foto: PR)

Durch den beinahe ausverkauften Saal klingen sanfte Oldie-Klänge, wenn Gilbert Bécaud singt: „Hast du Probleme, die dich quälen, komm, leg sie hier auf den Tisch.“ Und ebenjener Zeile nehmen sich die Schauspieler Barbara Trommer und Burkhard Damrau an. Ihre beiden Figuren treffen nach zwanzig Jahren plötzlich wieder aufeinander und verhandeln ihre zurückliegende Beziehung, berichten aus dem Leben danach und vom Leben im Hier und Jetzt. Dabei könnten sie selbst wie auch ihre Ansichten und Erlebnisse kaum unterschiedlicher sein. Sie adrett gekleidet, kleines Handtäschchen, zwischen Verbitterung und Wiedersehensfreude. Er, absolut legere, abgenutzte Lederreisetasche, zwischen Herunterspielen und Flüchten.

Dass sich beide nach zwanzig Jahren Funkstille wieder begegnen, ist dem eher beunruhigendem Umstand eines Krankenhausaufenthaltes geschuldet. Ihrerseits hagelt es vorerst bissige Spitzen und Vorwürfe, die er versucht, mit Besonnenheit und Charme abzuwenden. Nach und nach entwirrt sich die Frage, wer hier eigentlich aufeinandertrifft. Gemeinsam haben sie früher in einer Firma gearbeitet, waren mehr als Arbeitskollegen. Zwar war sie verheiratet, doch reichte sie die Scheidung ein. Davon bekam er allerdings nichts mit, da er bereits im Flieger in den nordkanadischen Hochwald saß. Eine Auszeit, die zwei Jahrzehnte anhielt, ohne Lebenszeichen, ohne Erklärung. Während er sein Leben mit Wölfen verbrachte, musste sie fünf Jahre Lebenszeit im Gefängnis einbüßen.

Wer aufgrund des Stücktitels und der Programmplakate eine einfach-unterhaltsame Romanze vermutete, wird mit Tiefgang und Diskussionen über Lebensansichten und Lebenseinstellungen überrascht. Beide verhandeln die Themen Flucht, Angst, Realität, Schuld, Verantwortung und Freiheit. So sagt die ehemalige Gefängnisinsassin, Unfreiheit täte schmerzlich weh. Er erwidert, dass Freiheit ebenso wehtut. Obwohl beide völlig konträre Haltungen haben, liefern sie sich keinen Schlagabtausch. Vielmehr gewähren sich beide gegenseitig Einblick in ihre Gefühlswelt, hören sich zu und ergänzen sich anregend und empathisch. Dabei überzeugen sie mit einer unsagbar authentischen Darstellung, die beim Publikum tiefe Emotionen aufrührt. Es erlebt einen von vielen Höhepunkten, als sie resümiert, es ginge im Leben darum, sich selbst aushalten.

Das minimalistische Bühnenbild mit einer Bank und den auf dem Boden stehenden Taschen der beiden lenkt die Aufmerksamkeit auf die Größe des Textes von Conny Molle. Sie ist ebenso wie die Trommer und Damrau eine bekannte Größe der Leipziger Theater- und Kabarettszene, es war ihr Wunsch, auf die beiden ein Stück zuzuschreiben. Gemeinsam ließen sich die Schauspieler bislang noch nicht auf der Bühne erleben, doch haben bereits beide gemeinsam mit Molle gearbeitet. Zu diesem vertrauten Gespann gesellte sich Hansa Molles Regie. Für alle Beteiligten scheint dieses Stück eine Herzenssache zu sein. Dabei schlägt Conny Molle als Souffleuse in der ersten Reihe sitzend zeitweise über das Ziel hinaus. So werden Pausen im Bühnengespräch als Texthänger missverstanden oder Wörter nachträglich korrigiert, obwohl sie den Sinn nicht entstellten. Nun, so ist es wohl mit dem überkochenden Herzblut.

Die darstellerische Leistung von Trommer und Damrau in diesem anderthalbstündigen Programm, die gemeinsam über 80 Jahre Bühnenerfahrung vorzuweisen haben, ist beeindruckend. So schaffen sie es, die Zuschauer in die Gedankenwelten der Figuren eintauchen zu lassen. Beide berühren und belustigen das Publikum sichtlich. Das Stück soll in Leipzig und darüber hinaus öfter aufgeführt werden, sollte es gut ankommen. Nun, geht es nach dem Publikum des Premierenabends und dessen unaufhörlichen Applaus, ist die Entscheidung bereits getroffen.

Verdammte Herzenssache

Mit Barbara Trommer und Burkhard Damrau

Autorin: Conny Molle

Regie: Hansa Molle

Premiere: 9. Mai 2019, naTo

Weitere Vorstellung: 27. Juni, Laden auf Zeit, Kohlgartenstraße 51

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