Elisabeth Hauck | Drucken17.04.2015 

Hip, hipper, Vice

Der Film „A Girl Walks Home Alone At Night” will etwas sein, das er nicht ist und verliert sich in überstilisierten Bildern

Sheila Vand als Vampirmädchen spielt in „A Girl Walks Home Alone At Night“ eine Art weiblichen Westernhelden. (Fotos: Praesens Film)

Ein amerikanisch produzierter Film von einer iranischen Regisseurin, die in Schwarz-Weiß-Bildern einen Vampirwestern gedreht hat? Klingt super. Klingt nach spaßigem B-Movie mit Kultpotenzial.

Und zu Beginn scheint es auch, als würde diese (meine) Erwartungshaltung eingelöst werden. Die Kamerafahrten durch eine kaum belebte iranische Stadt machen früh klar: Ich bin ein Arthaus-Film, ich bin schön anzusehen und ich kenne meine Referenzfilme (Tarantino, Western, Vampirfilme). Dann läuft auch noch der James-Dean-Verschnitt Arash (Arash Marandi) ins Bild. Lehnt cool an einer Wand und sieht toll aus. Also alles, was das Herz begehrt? Mitnichten!

Arash hat sich über viele Jahre hinweg das Geld vom Mund abgespart, um sich sein Traumauto zu kaufen ― einen Ford Thunderbird. Stolz fährt er mit dem Vehikel über die beinah leeren Straßen der Stadt Bad City. Aber außer vor einem kleinen Jungen kann Arash seinen neuen Besitz nicht vorführen. Und dann dauert sein Vergnügen nicht lange. Kaum ist das Auto vorm Haus geparkt, die Handbremse gerade eingerastet, da schneit Saeed (Dominic Rains) vorbei. Er will dringend die Schulden eintreiben, die Arashs hurenliebender, heroinabhängiger Vater (Marshall Manesh, der in How I Met Your Mother den Chaffeur Ranjit verkörperte) bei ihm hat und nimmt kurzer Hand den Ford in seinen Besitz.

Doch Bad City hat eine Art Schutzengel in Form eines Vampirmädchens (Sheila Vand). Auf ihre ganz eigene Weise sorgt sie für Recht und Ordnung in der Stadt und taugt dennoch nie zur 100%igen Sympathieträgerin. Das ist gewollt und auch im Genre des Westerns verankert. Regisseurin Ana Lily Amirpour versucht dem Mädchen dann noch die Vampircoolnes des Jim-Jarmush-Films Only Lovers Left Alive zu verpassen. So lebt die Geheimnisvolle im hippen Kellerzimmer, voller 80er-Jahre-Gimmicks, hipsterechter Plattenspieler inklusive.

Arash Marandi mimt eine iranische Ausgabe des James Dean.

Ja, ja, alles nett anzusehen. Daran arbeitet Amirpour auch vehement. Nicht nur die Entscheidung, den Film in Schwarz-Weiß auf die Leinwand zu bringen, gehört dazu. Auch vermehrt auftretende Slow-Motion-Bilder sollen die Behauptung stützen, dass es sich hier um einen intensiven Film handelt. Doch die vermeintliche Wirkung dieser beiden Stilmittel verpufft, je weiter der Film fortschreitet. Denn die Geschichte tröpfelt nur kraftlos dahin, die Figuren bleiben klischeehafte Abziehbilder. Unerwartete Wendungen gibt es sowieso nicht, und manche Szenen schweben einfach nur im luftleeren Raum, ohne Substanz. Da nimmt man den Figuren ihr Leid nicht ab, glaubt nicht an die sich entwickelnde Liebesgeschichte. Nein, es tut sich Langeweile auf ob des nächsten schön abgefilmten Bildes.

Dass dieses Langfilmdebüt von Amirpour auf ihrem eigenen Kurzfilm basiert, ist eine interessante Information, die den Wunsch nährt, doch lieber diesen zu sehen. Keine Frage, dass Amirpour nicht untalentiert ist. Aber sie als den nächsten Tarantino zu bezeichnen wie es Eddy Moretti von Vice Films tat, ist dann doch übertrieben. Dass Vice Films den Streifen in den USA in die Kinos gebracht hat, passt bestens zur Firmenstrategie des Entertainment-Riesen. Schön und hip soll es schließlich sein.

Amirpour scheint in A Girl Walks Home Alone At Night (selbst der komplizierte Titel ist ein ästhetisches Statement!) zwischen den Genren und Stilen gefangen zu sein und am Ende nichts richtig umsetzen zu können. Wenn Coolness nur behauptet wird und die schönen Bilder von keiner konsistenten Handschrift getragen werden, nützt es alles nichts. Das ist wie mit Geschenken, die schön verpackt daher kommen und dann doch nur billigen Tand enthalten.

A Girl Walks Home Alone At Night

USA 2014, 99 Minuten

Regie: Ana Lily Amirpour; Darsteller: Sheila Vand, Arash Marandi, Marshall Manesh, Dominic Rains

Kinostart: 23. April 2015


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