Elisabeth Hauck | Drucken16.11.2016 

Trügerische Idylle

Ewan McGregor wagt sich das erste Mal als Regisseur hinter die Kamera, um Philip Roths Roman „Amerikanisches Idyll“ zu verfilmen. Mit einem respektablen Ergebnis und erschreckend aktuellen Bezügen

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Seymor Levov (Ewan McGregor) und seine Tochter Merry in der Ruhe vor dem (Radikalisierungs-)Sturm. (Foto: Verleih)

Literaturverfilmungen sind ja immer eine schwierige Sache. Besonders, wenn es sich um ein berühmtes Werk eines berühmten Autors handelt. Es wird immer jemanden geben, der das Buch gelesen hat und findet, dass sein eigenes Kopfkino nicht adäquat umgesetzt wurde. Nun wagt sich Ewan McGregor (Schauspieler in so unterschiedlichen Filmen wie Trainspotting, Moulin Rouge, Star Wars etc.) an den Medienwechsel von Literatur zu Film und bringt Amerikanisches Idyll von Philip Roth auf die Leinwand.

Seymour „der Schwede“Levov (Ewan McGregor) ist einer dieser Bilderbuch-Amerikaner. Als Kapitän des Football-Teams wird er von allen verehrt, bekommt heroische Spitznamen und eine Vitrine mit Devotionalien in der High-School. Als Erwachsener heiratet er die Schönheitskönigin Dawn (Jennifer Connelly), übernimmt die Handschuh-Fabrik seines Vaters und lebt ein idyllisches Leben auf dem Land. Abgerundet wird das Ganze mit einer entzückenden kleinen Tochter, für die Daddy alles tun würde. Doch schon früh wird klar, dass die kleine Merry unter der Perfektion ihrer Eltern leidet – sie stottert.

Als Teenager radikalisiert sich Merry (Dakota Fanning) dann politisch: Black Panther Party, Anti-Establishment, Anti-Vietnam. Bis hin zu den gefürchteten Bombern, die in den 1960er-Jahren die USA mit Anschlägen in Atem halten. Die Levovs stehen dem hilflos gegenüber und verstehen nicht, was da eigentlich gerade vor sich geht mit ihrer Tochter. Ähnlich ergeht es leider auch dem Zuschauer, der die Entwicklung von Merry im Schnelldurchlauf präsentiert bekommt. Tiefergehende Erklärungen gibt es nicht. Warum sie sich für ihren Weg entscheidet, wird mit der küchenpsychologischen Feststellung abgetan, dass ihre Eltern ein perfektes bürgerliches Leben führen. Wie sie in die entsprechenden Kreise gelangt, wird mit dem Bericht von dubiosen Freunden in New York beantwortet. Die feinen Zwischentöne, wie sie in Roths Büchern zutage treten, finden kaum Platz. Das ist eine der großen Schwächen des Films. Solcherlei ist aber wahrscheinlich unumgänglich, wenn man über 400 Buchseiten in einen nicht ganz zweistündigen Film packen will und dazu noch mehrere Jahre abzubilden hat.

Ewan McGregor entscheidet sich in seinem Regiedebüt also nicht dafür, den Roman eins zu eins wiederzugeben. Das wäre auch irgendwie langweilig. Er optiert für eine andere Herangehensweise: Indem er den Film zu einem reinen Familiendrama macht und den Fokus auf den Vater und seine Krise angesichts der abtrünnigen Tochter legt, schafft er es doch, ein stimmiges Zeitportrait abzuliefern. Die drei Hauptdarsteller liefern dann auch entsprechend eindrückliche Leistungen ab. McGregors schmerzverzerrter Blick, sein Unverständnis gegenüber den Geschehnissen bei gleichzeitig bedingungsloser Liebe zu seiner Tochter lässt einen das Dilemma der weißen Mittelschicht in den USA der 1960er-Jahre nachspüren.

Thematisch reiht sich der Film in andere Werke ein, die jüngst die 1960er-Jahre wiederaufleben ließen. Sei es Emma Clines Buch „The Girls“, in dem sich junge Mädchen Sektenführern à la Charles Manson anschließen oder Woody Allens Amazon-Serie Crises in Six Scenes, in dem ebenfalls eine gewaltbereite junge Frau vor der Polizei flieht. Ist es purer Zufall, dass diese Narrative verstärkt jetzt auftauchen? Oder ist es einfach der Schreckensmoment, an dem viele erkennen, dass es heute wieder zu viele Menschen gibt, die sich die Zeit vor den politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen der 1960er-Jahre zurückwünschen?

In Amerikanisches Idyll geht es einerseits genau um diese trügerische Idylle, in der der weiße Mann noch das Sagen hatte. Und andererseits um die erschreckende Begeisterungsfähigkeit junger Menschen, sich für Ideologien zu radikalisieren. Die Elterngeneration kommt an ihre Grenzen, versteht nicht, was falsch läuft, wo sie doch alles richtiggemacht hat.

Amerikanisches Idyll

USA 2016, 108 Minuten

Regie: Ewan McGregor; Darsteller: Ewan McGregor, Jennifer Connelly, Dakota Fanning

Kinostart: 17. November 2016, voraussichtlich in den Passage Kinos


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