Gertje Graef | Drucken02.05.2019 

Walters Welt

David Nawrath gibt mit dem stillen Sozialdrama „Atlas“ sein Spielfilmdebüt und wagt sich weit in die Ödnis deutscher Arbeitswelt vor

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Möbelpacker Walter (Rainer Bock, Mitte) ist eine Figur aus dem deutschen Abseits, für das es sonst kaum Bilder gibt. (Foto: Pandora Film)

Wir denken, wir kennen sie: diese schweigsamen, in die Jahre gekommenen, deutschen Arbeitnehmer. Niemand verkörpert so sehr deutsche Männerwelt wie ein Busfahrer, Pförtner oder eben Möbelpacker. Sie sind überall und haben doch keine Stimme. Sie scheinen die deutsche Gesellschaft freudlos durch den Tag zu tragen und nur an der Kneipentheke unbeholfen Gefühle zu zeigen. Dann schildern sie aber manchmal erstaunlich dramatische Lebensverläufe. Dem Regisseur David Nawrath gelingt es, diese „Atlanten“ in seinem Filmdebüt zu porträtieren und ihr Schweigen zum Sprechen und zur Sprache zu bringen. Daraus wird kein Kitsch. Aber ein bisschen Konstruktion.

Der verkniffene Mund von Rainer Bock hatte vielleicht noch nie so viel zu erzählen. Bild für Bild nähern wir uns der Figur Walter, ganz langsam, ganz Distanz. So wie auch diese Männer untereinander immer eine rohe Distanz wahren, auch wenn sie schon Jahrzehnte zusammenarbeiten. Der alkoholkranke Gerichtsvollzieher Alfred (Thorsten Merten), der dem Spediteur Roland (Uwe Preuss) die Aufträge verschafft. Walter ist der älteste von Rolands Möbelpackern und dennoch sein Zugpferd. Zwischen den jungen Kollegen wirkt er skurril. Ein müdes Intellektuellengesicht sitzt auf einer mächtigen dunkelblauen Arbeitsjacke. Ein schmaler Grad zur Fehlbesetzung. Aber Rainer Bock gibt diesen Walter so wunderbar apathisch, dass es glaubhaft wird. Eine tote Seele.

Das ändert sich kaum, als er bei einer Wohnungsräumung den sich widersetzenden Mieter als seinen Sohn Jan (Albrecht Schuch) wiedererkennt. Träge beginnt es nun aber in ihm zu arbeiten. Denn ein arabischer Clan versucht für seine Immobilienspekulationen, die Mieter mit physischer Gewalt aus ihren Wohnungen zu vertreiben. In all seiner Passivität will Walter seinem Sohn und dessen Kleinfamilie helfen und sich ihm wieder annähern. Seine Unbeholfenheit dabei ist zugleich komisch und zum Heulen.

Man spürt die stille Gewalt, die nicht ganz neu in unserer Gesellschaft zu sein scheint. Von der sozialen Gewalt, wenn ein Vater seinen Sohn nicht mehr sehen darf. Wenn eine Familie aus der eigenen Wohnung vertrieben wird. Wenn niedere Arbeit sich in die Körper, Beziehungen und Biografien einschreibt. Bis hin zu der der Gewaltkultur der arabischen Clans. Sie wird vom neuen Speditionskollegen Mussah (Roman Kanonik) geradezu „verkörpert“, wenn er in diesem stillen Film mit plötzlichen Gewaltexzessen den physischen Schmerz greifbar macht.

Hier ist jeder genauso Opfer wie Täter. Die Kommunikation stockt mit den Beziehungen. Bilder der Einsamkeit prägen sich ein: Walter zwischen den bunten, vor Leben überquellenden Regalen in einem Spielzeugladen. Alfred, der mit einem bei einer Wohnungsräumung gefundenen Schäferhund spazieren geht. Als wären die Frauen im Krieg der Arbeit gefallen und hätten die Sprache mit ins Grab genommen. Die Männerwelt in ihren schlechtesten Tagen.

Leider überzeugt das neue Genre „Mieter-Drama“ nicht ganz. Und dass die Immobilienspekulanten ausgerechnet ausländische Mitbürger sind, ist eine unglückliche Konstruktion. Aber der Film erzählt sehr blank aus einem deutschen Abseits, für das wir sonst kaum Bilder haben, weil es so unspektakulär scheint. Es wirkt fast wie aus einer anderen, einer schlechteren Zeit. Und doch ist es heute. Ist es jede deutsche Großstadt. Ob es diesen mythologisch aufgeladenen Möbelpacker Walter als reale Figur geben könnte, ist dann auch irgendwie egal.

Atlas

Deutschland 2018, 99 Minuten

Regie: David Nawrath; Darsteller: Rainer Bock, Thorsten Merten, Albrecht Schuch

Kinostart: 25. April 2019

Wo der Film in Leipzig läuft

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