Dennis Osmanovic | Drucken21.02.2017 

Perlen außer Konkurrenz

Warum die 67. Ausgabe der Berliner Filmfestspiele trotz mauem Wettbewerb und Star-Abstinenz ein Gewinn für den Zuschauer war und zwei deutsche Dokumentar-Filme mit musikalischem Fokus eine besondere Beachtung verdient haben

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„On Body and Soul“ heißt der Gewinner der Berlinale 2017. Aber auch abseits des Wettbewerbs gab es viel Sehenswertes zu entdecken. (Foto: Berlinale 2017)

403 Filme ― Mit dieser Zahl wurde der geneigte Cineast in diesem Jahr auf der Berlinale, dem größten Besucher-Filmfestival der Welt, zwischen dem 9. und 19. Februar 2017 konfrontiert. Umgerechnet sind das 40 Filme pro Tag, und es ist sicherlich unmittelbar nachvollziehbar, wie schwierig, ja unmöglich es letztlich ist, hier einen allgemeinen Überblick zu wahren und allen Teilen des Festivals die gerechte Aufmerksamkeit zu schenken.

Die unter diesen Umständen wahrlich herausfordernde Aufgabe einer thematischen Fokussierung wird zumeist zumindest partiell unterstützt durch die wohl bekannteste der insgesamt neun Sektionen, in die das Festival unterteilt ist, dem offiziellen Wettbewerb. Diese Institution, in der die Goldenen und Silbernen Bären von einer internationalen Jury aus renommierten Filmschaffenden und Künstlern verteilt werden, ist alljährlich ein Garant für große Namen und den Glamour-Faktor auf dem roten Teppich vor dem Berlinale-Palast am Potsdamer Platz. In der aktuellen Ausgabe des Festivals hatte allein diese Sektion 18 Filme, die um den Goldenen Bären rangen, neben drei weiteren Filmen, die hier ebenfalls uraufgeführt wurden, jedoch außer Konkurrenz liefen.

Was aber tun, wenn der Wettbewerb trotz der großen Zahl an Produktionen doch in einer gewissen Mittelmäßigkeit verharrt und auch sonst die ganz großen Namen auf dem roten Teppich fehlen? Im aktuellem Jahr wurde dieser Mangel glücklicherweise gleich mehrfach durch eine teils hervorragende Gestaltung anderer Sektionen kompensiert. Diese sorgten mit gut gewählten Schwerpunkten und teils hervorragenden Filmen in den Kinosälen für einen Ausgleich hinsichtlich all dessen, was auf dem roten Teppich vor und teils auch im Berlinale-Palast fehlte.

Elegante Rückblicke und vielfältiges Voraussehen

Im Sinne einer allgemeinen Schwerpunktsetzung ist hier eingangs sicherlich die Sektion „Hommage“ aufzuführen, die in jedem Jahr einem einzelnem Protagonisten des Filmschaffens gewidmet ist. Mit der Kostümbildnerin Milena Canonero ist der Festival-Organisation in diesem Jahr hier gleich ein doppelter Coup gelungen. So wurde der Fokus zum einen von den üblichen Verdächtigen wie Regisseur und Darsteller abgezogen, und auf den ganzen, in der Regel für den Zuschauer unsichtbaren, Stab an Mitarbeitern gelenkt, deren Beiträge gleichsam essentiell für das Filmschaffen sind.

Mit Milena Canonero hatte der Zuschauer zudem das große Glück, die beeindruckenden Arbeiten einer der erfolgreichsten Kostümbildnerinnen des Filmgeschäfts noch einmal gebündelt aufgezeigt zu bekommen. Ihr Schaffen ist eng mit bedeutenden Regie-Größen der letzten 40 Jahre verbunden, maßgeblich Stanley Kubrick, aber auch Roman Polanski, Sidney Pollack, dem Coppola-Clan (sowohl Vater Francis Ford als auch Tochter Sofia) und Wes Anderson. Es scheint schier unglaublich, dass die Kostüme von Meisterwerken wie The Clockwork Orange, Marie Antoinette und Grand Budapest Hotel alle aus einer Hand stammen.

Der Zuschauer hatte in Konsequenz die höchsterfreuliche Möglichkeit, zahlreiche maßgebliche Werke der genannten Regisseure im Rahmen dieser Hommage endlich ebenfalls wieder im Kino erleben zu dürfen. Meisterwerke wie Stanley Kubricks bereits genanntes The Clockwork Orange, The Shining und Barry Lyndon fehlten in Folge ebenso wenig wie Pollacks Meilenstein Out of Africa, Warren Beattys kongeniale Comicadaption Dick Tracy und Francis Ford Coppolas Godfather III. Die diesjährige Sektion Hommage schaffte es somit erfolgreich, sowohl das Bewusstsein des Zuschauers für eine in der Regel sträflich vernachlässigte Berufsgruppe innerhalb des Filmwesens zu schärfen, als auch das allgemeine Portfolio des Festivals elegant um einige bedeutende Klassiker zu erweitern.

Eine weitere Kategorie, die diese Aufgabe im aktuellen Jahr mit Bravour löste, war die Sektion „Retrospektive“ mit dem Schwerpunkt Science-Fiction. In Anlehnung an die noch bis April 2017 laufende Ausstellung „Things to come“ im Museum für Film und Fernsehen am Potsdamer Platz, welche sich mit zentralen Begriffen des Science-Fiction-Films auseinandersetzt, lag die Auswahl der Filme im Rahmen der Sektion „Retrospektive“ auf den beiden Themenblöcken „Begegnungen mit dem Fremden“ und „Gesellschaft der Zukunft“. Beide Schwerpunkte eröffneten zahlreiche Projektionsmöglichkeiten neben obligatorischen Genre-Größen wie beispielsweise Ridley Scotts Meisterwerken Blade Runner und Alien, Steven Spielbergs Close Encounters of the Third Kind, Luc Bessons The Fifth Element oder Mamoru Oshiis Ghost in the Shell, die jeweils mit Einführungen präsentiert wurden.

Der Zuschauer durfte sich neben diesen offensichtlich futuristischen Filmen ebenfalls über zahlreiche unmittelbare dystopische als auch utopische Gesellschaftsparabeln freuen, die sich sowohl aus westlichen Produktionen als auch sowjetischen Arbeiten aus der Zeit des kalten Krieges speisten. Meisterwerke wie John Frankenheimers Seconds aus dem Jahr 1966, in dem ein Mann mit Hilfe eines Unternehmens seine Identität verändert, nur um dann festzustellen, dass er auch weiterhin in gesellschaftlichen Zwängen gefangen ist, sind hier ebenso zu nennen wie Don Siegels legendärer B-Movie Invasion of the Body Snatchers aus dem Jahr 1956, in dem Außerirdische die menschliche Bevölkerung nach und nach mit menschlichen Doppelgängern austauschen wollen. Auf der anderen Seite seien in diesem Zusammenhang beispielhaft Piotr Szulkins polnische Arbeit O-Bi O-Ba: The End of Civilisation aus dem Jahr 1985 und Letters From a Dead Man von Konstantin Lopuschanski aus der UdSSR und dem Jahr 1986 genannt, die sich mit gesellschaftlichen Strukturen nach einer atomaren Apokalypse auseinandersetzen und sowohl soziale Funktionsmechanismen als auch Fragen nach der Verantwortung von Wissenschaft und ihrer Entwicklungen für die Gesellschaft thematisieren.

Impressionen aus dem Wettbewerb

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Sally Potters zynisches wie pointiertes Kammerspiel „The Party“ gewann vollkommen zurecht die Gunst des Publikums. (Foto: Berlinale 2017)

Aber selbstverständlich sind die Berliner Filmfestspiele eine Plattform für neue Filme, die im Folgenden in einem ausgewählten Rahmen näher betrachtet werden sollen. Beginnen soll die Betrachtung mit der Wettbewerbs-Sektion, die wie eingangs bereits erläutert in diesem Jahr bedauerlicherweise nicht mit wirklich herausstechenden Arbeiten überzeugte. Gleichwohl gab es auch hier einige gute Werke, auch wenn diese letztlich nur schwer dem Anspruch an den Hauptpreis eines so bekannten Festival wie der Berlinale gerecht werden konnten.

Sally Potters zynisches wie pointiertes Kammerspiel The Party gewann zumindest vollkommen zurecht die Gunst des Publikums. Der erzählerische Rahmen des Films wird auf die titelgebende Feier in einem vornehmen Haus in einem Vorort Londons gelegt, wo die Protagonistin Janet den engsten Bekanntenkreis geladen hat, da sie gerade zur Gesundheitsministerin im Schattenkabinett ihrer Partei ernannt worden ist. Zahlreiche Freunde finden sich an diesem Nachmittag bei ihr und ihrem Mann ein, um diesen erfolgreichen Karriereschritt zu feiern. Doch jeder neu erscheinende Gast fügt dem Nachmittag eine neue und bis dahin unbekannte Nuance hinzu, deren schrittweise Offenlegungen am Ende zu einer explosiven Mischung mit überraschendem Ausgang führen.

In Schwarz-Weiß gedreht und mit hervorragendem Ensemble besetzt, gelingt Potter in ihrem Kammerspiel eine vor spitzem Humor und schmerzhaften Überraschungen lange Zeit geradezu überbordende Inszenierung, die den Zuschauer über die ersten zwei Drittel des Films oftmals voll und ganz einnimmt. Der linksliberale Habitus aller Protagonisten wird mit viel Feingefühl immer wieder, unter anderem beispielhaft am englischen Gesundheitswesen, aufs Korn genommen.

Alsbald schwenkt der Fokus dann jedoch auf die moralischen Fehlbarkeiten der einzelnen Charaktere, die sich am Anfang selbstbewusst und souverän gegeben haben. Janets Freundinnen stellen in dem sozialen Gefüge anfangs deutlich die Alpha-Tiere dar, deren Ehemänner und Partner oftmals als Zielscheibe für pointierte Bemerkungen dienen, aber es wird bald deutlich, dass die vermeintlich herausragende Stellung der weiblichen Protagonisten ebenfalls auf wackligen Füßen steht, und ein Betrug die Partygesellschaft durchzieht, in den beinahe alle Protagonisten auf die eine oder andere Weise involviert sind.

Neben der visuellen Inszenierung muss ebenfalls der wohlüberlegte Einsatz der Musik und deren Inszenierung gelobt werden. Ein Plattenspieler im Wohnzimmer stellt das Abspielinstrument für sämtliche Musik dar, die in dem Film ertönt, und Janets an diesem Tag anfangs seltsam stoischer und wortkarger Ehemann Bill ist somit quasi der DJ des Films und sorgt mit seiner Musikwahl über große Teile für eine musikalische Unterlegung des Geschehens. Außerordentlich amüsant wird die Wichtigkeit der richtigen Wahl von Musik in Szene gesetzt, als Bill diese Aufgabe irgendwann dann nicht mehr erfüllen kann.

So positiv der Film grundsätzlich zu bewerten ist, so muss man letztlich konstatieren, dass sich nach ca. 40 von insgesamt 70 Minuten der ursprüngliche Charme nicht mehr aufrecht erhalten mag. Zwar bleibt The Party auch weiterhin amüsant anzuschauen, aber die eingängliche Subtilität geht zunehmend verloren, und es folgen wortwörtliche Schlagabtausche, die zu Beginn des Films noch wesentlich eleganter und tiefgehender in Form von Wortgefechten in Szene gesetzt worden sind. Vollkommen unglücklich ist leider die letzte Einstellung geraten, die gleichzeitig weitgehend auch die erste Einstellung des Films ist, und nach der gefühlvollen Entfaltung des zu Grunde liegenden Konflikts über weite Teile des Films seltsam plump, unrund und abrupt erscheint. The Party bleibt am Ende jedoch dennoch ein äußerst unterhaltsamer Film, der bei Beibehaltung seines anfänglichen Niveaus sicherlich nicht nur hoch in der Gunst des Publikums, sondern auch der diesjährigen Wettbewerbs-Jury gestanden hätte.

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Eine positive Überraschung in der Sektion „Wettbewerb“ war der chinesische Beitrag „Hao ji le“. (Foto: Berlinale 2017)

Eine weitere positive Überraschung des Wettbewerbs ist der chinesische Beitrag Hao ji le. Die Animationsarbeit, die sich um einen gestohlenen Koffer voller Geld dreht, der im Laufe des Films immer wieder den Besitzer wechselt, entwirft ein Kaleidoskop des chinesischen Alltags aus Sicht des kleinen Mannes bzw. der Frau. Mit ungeheurer Lakonie folgt der Zuschauer den Protagonisten, und die Absurdität der Verflechtung der Charaktere untereinander ist nur die Grundlage für das Aufzeigen ihrer Wünsche und Blickwinkel. So beispielsweise der Hauptcharakter, der zwischen 20 bis 30 Jahren alt ist, und das Geld zu Beginn des Films für die Wiedergutmachung einer verpfuschten Schönheitsoperation seiner Freundin in Südkorea stiehlt. Oder die Cousine seiner Freundin, die zufällig von dem Geld erfährt und mit ihrem Freund den Protagonisten berauben will, um mit dem Geld aus dem Alltag einer gesichtslosen Stadt zu entfliehen um im Norden Chinas in der Region Shangri-La eine idealisierte Existenz als Kleinbauer aufzubauen. Oder ein Paar, dem der Protagonist zu Anfang zufällig über den Weg läuft, und das Geld endlich nutzen will, um die Karriere des Mannes als Erfinder für absurde Dinge in Gang zu bringen.

Der Film ist mit zahlreichen absurden Momenten gefüllt, die der gezeigten generellen Agonie des Alltags immer wieder grell und poppig entgegenstehen und so lange Zeit eine fruchtbare Spannung erzeugen. Leider gelingt es dem Film am Ende jedoch nicht, eine größere und wirklich fesselnde Geschichte zu erzählen. So bleibt am Ende ein teils fantastisch gemachter Animations-Film mit einer interessanten Momentaufnahme von Teilen der chinesischen Gesellschaft, der jedoch für den Wettbewerb zu klein bleibt.

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Der Eröffnungsfilm „Django“ hinterließ wegen seiner zeitweiligen Überdramatisierung einen zwiespältigen Eindruck. (Foto: Berlinale 2017)

Der Eröffnungsfilm der Berlinale, Django, hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Das Regiedebüt von Etienne Omar, für das er den bekannten französischen Schauspieler Reda Kateb gewinnen konnte, erzählt zwei Jahre aus dem Leben des Sinti Django Reinhardt, der es im Paris der 1940er-Jahre mit seinem Gipsy Swing sowohl unter der einheimischen Bevölkerungen als auch der deutschen Besatzung zu Ruhm und Erfolg bringt. Die immer stärkere werdende Gefahr der Rassenlehre der deutschen Besatzungsmacht scheint in Folge fern, doch immer mehr Geschehnisse in der unmittelbaren Umgebung überzeugen Django letztlich, mit seiner Familie die Flucht in die Schweiz zu versuchen. Bedeutende Teile des Films behandeln diese Flucht, und teils gekonnt in Szene gesetzt ist die zermürbende Dauer und gleichzeitig immer näher kommende Gefahr für Django Reinhardt und seine Familie, während sie sich für einen ihnen unbekannten Zeitraum an der Schweizer Grenze am Genfer See verstecken müssen.

Es sind diese Momente, die es vielleicht verständlich machen, warum der Film als offizieller Eröffnungsfilm der Berlinale gewählt wurde. Das Moment der Flucht, allgegenwärtig in der heutigen Zeit, bekommt hier teilweise ein Gesicht, wie es bereits in Maria Schraders letztjährigem Film Vor der Morgenröte mit einem überragenden Josef Hader als Stefan Zweig beeindruckend der Fall war. In seinen besten Momenten erreicht Django vereinzelt eine ähnliche Qualität, wenn dem Hauptcharakter spätestens am Genfer See zunehmend bewusst wird, dass ihm sämtliche Handlungsoptionen genommen wurden, und er auf der Flucht ist, vor einer realen Gefahr, die ihn und das Leben seiner Familie existentiell bedrohen.

Beeindruckend ist ebenfalls die musikalische Arbeit, die für den Film geleistet wurde. Die Aufnahmen des Swing sind ergreifend und intensiv und setzen letztlich gekonnt in Szene, welche Gefahr von der Freizügigkeit und Offenheit dieser Musik letztlich für die deutsche Besatzungsmacht und die angestrebte gesellschaftliche Ordnung des dritten Reichs ausgeht.

Oftmals ist der Film jedoch stilistisch zu sauber inszeniert und überdramatisiert. Auch wenn Regisseur Etienne Omar betont hat, dass er kein Biopic drehen wollte, und sich somit gewisse stilistische Freiheiten gesichert hat, so sorgen eben oftmals diese dafür, dass der Film nur stellenweise das erläuterte Moment der Flucht wahrhaft trifft. Oftmals erscheint der Film wie ein klassischer Spielfilm, mit einer Rollenführung und -Zeichnung, die den Zuschauer in einen Unterhaltungsplot trägt. Dies trifft insbesondere auf Djangos Geliebte zu, die ihm eingangs die Flucht sichert, dann jedoch von den Nazis überführt wird, und am Genfer See erneut auftaucht, nun als Partnerin eines deutschen Offiziers. Diese freie Gestaltung der Charaktere und des Plots erinnert offengestanden stärker an die unglaubwürdige aber eventuell spannende Inszenierung eines Indiana-Jones-Films als einen ernstzunehmenden Film mit biografischen Referenzen.

Jenseits von Swing: Zwei musikalische Empfehlungen außerhalb des Wettbewerbs

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Mit „Könige der Welt“ gelang Christian von Brockhausen und Timo Großpietsch ein herausragendes Kinodebüt. (Foto: Berlinale 2017)

Eigentlich uneingeschränkt empfehlenswert waren jenseits des Wettbewerbs überraschenderweise zwei deutsche Dokumentarfilme mit musikalischem Fokus. Hierbei handelt es sich zum einen um die Produktion Revolution of Sound. Tangerine Dream, die in der Sektion „Panorama“ seine Weltpremiere feierte. Der zweite Film, der besondere Beachtung verdient hat, ist der Dokumentarfilm Könige der Welt, der in der Sektion „Perspektive deutsches Kino“ seine Premiere hatte.

Revolution of Sound. Tangerine Dream setzt sich mit der international erfolgreichen deutschen Band Tangerine Dream auseinander, die zu den Pionieren elektronischer Musik in Deutschland gehört. Gegründet von Edgar Froese im West-Berlin der späten 1960er-Jahre setzte die Gruppe bereits nach einigen Jahren Maßstäbe in elektronischer Musik, da sie als eine der ersten Bands Sequencer und Synthesizer benutzte und elektronische Musik entwarf, die nicht in erster Linie melodischer Natur war, sondern den Fokus auf Soundproduktion und Entwerfen assoziativer Klangräume legte. In Folge entstanden elektronische Klangwelten, die stilprägend sein sollten und in den 1970er- und 1980er-Jahren vielfach den Sound der Zukunft darstellten. Klangteppiche aus elektronischen Sounds, die beim Hörer Räume schufen und die nicht einer Linearität unterworfen waren, und in Folge auch von renommierten Regisseuren wie Michael Mann für ihre Produktionen eingesetzt wurden. Edgar Froese sollte bis zu seinem Tod 2015 Teil der von ihm gegründeten Formation bleiben, die zahlreiche Transformationen durchlief, doch immer wieder dem Ursprungs-Credo verhaftet blieb, Klang-Räume zu schaffen.

Ein besonderes Highlight der Produktion ist das herausragende und einzigartige Bildmaterial, das aus dem Privatbesitz von Froeses Familie stammt und erstmals von Regisseurin Margarete Kreuzer in diesem Film verarbeitet werden durfte. Zusammen mit der Musik von Tangerine Dream, die den Zuschauer in den bereits beschriebenen Klangraum versetzt und in einzelnen Momenten direkt mit den Bildern verschmilzt, und den zahlreichen Gesprächspartnern, die die Regisseurin für ihren Film gewinnen konnte, entsteht ein einzigartiges Gefühl für eine Band, die seit den 1970er-Jahren die Entwicklung elektronischer Musik maßgeblich geprägt hat. Es ist außerordentlich erfreulich mitteilen zu können, dass die Produktion einen Verleih gefunden hat und voraussichtlich ab Herbst 2017 in den deutschen Kinos zu sehen sein wird.

Die zweite große uneingeschränkte Empfehlung ist ebenfalls eine Dokumentation über eine deutsche Band, wenn auch auf vollkommen andere Weise. In ihrem herausragenden Kinodebüt Könige der Welt begleiten Christian von Brockhausen und Timo Großpietsch die Rock-Band Pictures auf ihrem Werdegang über einen Zeitraum von zwei Jahren. Die Mitglieder dieser Band sind jedoch keine unbeschriebenen Blätter. Es sind Teile der Gruppe Union Youth, die in den 1990er-Jahren eine große Hoffnung des deutschen Alternative Rock und Grunge gewesen sind, und sogar die Option auf einen Plattenvertrag in den Vereinigten Staaten hatten. Die Angst vor dieser Aufgabe und der zunehmende Drogenkonsum des Sängers Maze Exler standen dieser Entwicklung jedoch letztlich im Weg und führen auch zum letztlichen Zerbrechen der damaligen Band.

2015 finden Teile der alten Gruppe wieder zusammen und wollen einen neuen Versuch starten. Doch die immer noch akute Drogenabhängigkeit des Sängers stellt die Band auf eine besondere Bewährungsprobe, und die Filmemacher vor eine andere Aufgabe als ursprünglich gedacht.

Es ist der Offenheit der Protagonisten zu danken, dass ein unglaublich intensives, unmittelbares und ergreifendes Bild einer Gruppe von Menschen entstanden ist, die sowohl durch ihre Freundschaft als auch ihre Liebe zur Musik miteinander verbunden sind. Das unmittelbare musikalische Talent des Sängers Maze Exler schimmert in vielfacher Weise während des Films auf beeindruckende Weise durch, überdeckt von den Folgen einer langjährigen Drogenabhängigkeit und der den Film bestimmenden Herausforderung, diese Abhängigkeit mit einer Therapie, Freunden und der Liebe zur Musik endlich überwinden zu können.

Durch die einzigartige Möglichkeit, auf eine reich dokumentierte und einschneidende Phase im Leben derselben Menschen von vor 20 Jahren zurückzugreifen, entsteht ein selten intimes und gleichzeitig vielschichtiges Werk, dass den Zuschauer auf besondere Weise berührt, und ihm das Gefühl gibt, den Protagonisten bei einer zeitlich unglaublich umfassenden Entwicklung beiwohnen zu dürfen. Diese beeindruckende Dokumentation hat glücklicherweise bereits ebenfalls einen Verleih gefunden und wird voraussichtlich auch im Herbst des aktuellen Jahres in deutschen Kinos zu sehen sein.

Einen offiziellen Preis hinsichtlich der genannten Filme hat letztlich allein der Wettbewerbs-Beitrag The Party gewonnen, der mit dem Deutschen Filmgilde-Preis ausgezeichnet wurde. Dennoch bleibt zu hoffen, dass auch die anderen Filme ihren Weg in zahlreiche Filmhäuser schaffen werden, wobei insbesondere den beiden letztgenannten deutschen Produktionen hier ein Erfolg zu wünschen wäre.

67. Internationale Filmfestspiele Berlin, 9. bis 19. Februar 2017


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