Steffen Kühn | Drucken28.05.2017 

Fulminante Filmcollage

Andres Veiels Dokumentation „Beuys“ überrascht mit bislang unerschlossenen Bild- und Tondokumenten über den Erfinder der Fettecke

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Joseph Beuys, wie man in kennt: in Aktion und umringt von Zuschauern. (Foto: Verleih)

Seit 18.05.2017 läuft der Wettbewerbsbeitrag der 67. Berlinale 2017 Beuys in den deutschen Kinos. Filmemacher Andres Veiel erläutert in seiner Director‘s Note, welche persönliche Bedeutung Joseph Beuys für ihn hat:

„In diesem Sinn war Beuys für mich Pate, Wegbegleiter, Sparringpartner. Nicht immer habe ich ihn verstanden: Manchmal verstieg er sich in Begrifflichkeiten, mit denen ich nichts anfangen konnte. Dann war er weit weg, tauchte aber immer wieder überraschend auf. Ich habe mich oft gefragt, warum Beuys zu den wenigen Menschen gehörte, die ich auch nach Jahrzehnten nie hinter mir lassen musste.“

Ja, warum kommt man Joseph Beuys nicht los? Glück hat der, der Joseph Beuys über seine Zeichnungen entdecken konnte. Äußerst unscheinbare Gespinste hat der Künstler in den 50er- und 60er-Jahren produziert. Eine seltsame Geheimnisträchtigkeit nimmt einen da gefangen. Ganz leise war Joseph Beuys da noch, und doch waren diese Zeichnungen nur die Vorbereitung seiner späteren monumentalen und medienwirksamen Kunstaktionen. Andres Veiel benutzt diese frühen Zeichnungen den ganzen Film hindurch als Ruhepunkte. Subtil werden die skizzenhaften Fragmente von Tierkörpern und Menschen mit abstrakter Musik untermalt. Dazwischen werden die wichtigen Stationen des künstlerischen und politischen Schaffens von Beuys gezeigt. Fettecke, Honigpumpe, „The Pack“, ein Rudel aus 24 Schlitten mit Filzrollen, „7000 Eichen“ auf der Documenta 7 1982 in Kassel. Beuys als Professor an der Kunstakademie Düsseldorf, der alle abgelehnten Studenten in seine Klasse aufnimmt, das Sekretariat besetzt und deshalb vom damaligen Wissenschaftsminister Johannes Rau entlassen wird. Mit der großen New Yorker Guggenheim-Ausstellung 1979/80 wird Beuys weltberühmt.

Regisseur Andres Veiel und seine Editoren Stephan Krumbiegel und Olaf Voigtländer haben eine Unzahl von zum Teil bisher unerschlossenen Bild- und Tondokumenten in einer Art Collage zusammengeschnitten. Der Mensch Beuys, wie er in seiner Zeit gewirkt hat. Beuys strahlte Energie aus, Energie, welche die Menschen anzog, ob sie ihn noch mochten oder nicht. Beuys wirkte mit einer fulminanten Empathie, ein Ausdruck davon sein offenes Lachen auch in den schwierigsten Diskussionen, immer wieder toll eingefangen im Film. Klaus Staeck, Johannes Stüttgen, Rhea Thönges-Stringaris, Caroline Tisdall und Franz Joseph van der Grinten berichten von dem Lehrer, Kollegen und Freund. Und auch hier, alle strahlen und lachen, wenn sie von Beuys berichten.

Und da gibt es noch den politischen Beuys. Er gründet eine Partei für direkte Demokratie, agitiert in einer Kunstaktion 100 Tage lang für direkte Demokratie auf der Documenta. Ja, er boxt für direkte Demokratie, gründet 1980 die Partei der Grünen mit. 1983 wird er allerdings u. a. von Otto Schily und Antje Volmer von den vorderen Listenplätzen für den Deutschen Bundestag verdrängt. Beuys als Mandatsträger in einer Partei, das ist auch nicht wirklich vorstellbar, wie ein Zitat von ihm verdeutlicht:

„Ist doch gar nicht schlimm, wenn die Leute aggressiv werden. Lass sie doch ruhig aggressiv werden. Da kommt man wenigstens mit den Leuten ins Gespräch. Das heißt, du musst es provozieren. Und Provokation heißt immer: Jetzt wird auf einmal etwas lebendig.“

Beuys hat sowas nicht nur so gesagt, sondern er hat es bis zu seinem frühen Tod 1986 auch gelebt. Das zeigt der Film immer wieder ganz plastisch: ob in einem Mitschnitt einer Podiumsdiskussion in der Kunstakademie Düsseldorf oder bei unzähligen Interviews, die Beuys gegeben hat.

Beuys

Deutschland 2017, 107 Minuten

Regie: Andres Veiel

Kinostart: 18. Mai 2017, in Lepzig in den Passage Kinos


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