Elisabeth Hauck | Drucken21.04.2016 

Gegen die Langeweile

Hat Thomas Vinterberg seine Bissigkeit verloren? Sein neuer Film „Die Kommune“ erzählt ziemlich vorhersehbar von den Unwägbarkeiten zwischen Gemeinschaft und Individuum

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Demokratie am Küchentisch: Damals in den 70ern spielt Thomas Vinterbergs „Die Kommune“. (Foto: Praesens Film GmbH)

Thomas Vinterberg ist im europäischen Kino ein großer Name. Mit Das Fest legte er in den 90er-Jahren eines der eindrücklichsten Dogma-Filme vor. „Dogma 95“ war einst die von ihm mitbegründete Filmbewegung, in der auf jeglichen Produktions-Schnickschnack verzichtet wurde, um zum Kern der Geschichte vorzudringen. Das hieß: kein künstliches Licht, keine Maske und meistens der Einsatz von wackelnden Handkameras. Die Filmbewegung hatte ein kurzes Leben, aber Vinterberg sowie Mitbegründer Lars von Trier werden noch heute für ihr eindrückliches Kino gefeiert. Gilt dies nun auch für Vinterbergs neuesten Film Die Kommune, der im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale seine Premiere feierte?

Kopenhagen, die 1970er-Jahre: Erik (Ulrich Thomsen) und Anna (Trine Dyrholm) haben soeben ein riesiges Haus geerbt, viel zu groß für die kleine Familie aus Mutter, Vater, Kind. Anna ist der Meinung, dass man sich ja einfach ein paar Leute zum Mitwohnen suchen kann. Und sowieso: „Ich muss mal mit jemand anders reden ... Ich langweile mich.“ Das sagt sie da so ganz beiläufig zu ihrem Erik. Nach kurzer Überzeugungsarbeit gewinnt das Kommunen-Leben schnell Konturen. Vinterberg zeigt typische Szenen: Gemeinschaftssitzung in der Küche, in der über alles abgestimmt wird, gemeinsames Nacktbaden, Einkaufen. Das Leben zeigt sich von seiner schönsten und freiesten Seite.

Dass das nicht so bleiben kann, ist auch irgendwie ein Standard solcher Filme. Irgendwann prallen die Bedürfnisse der Gemeinschaft und des Einzelnen aufeinander. Ein bisschen anders verhält es sich bei Vinterberg dann schon. Der Konflikt entflammt zwischen dem einstigen Paar. Denn Erik, der sich im Kommunen-Leben letztlich eingefunden hat, trifft ein bisschen klischeemäßig auf eine junge hübsche Studentin, die mit ihrer Aufmachung und dem schmollenden Mund scheinbar Brigitte Bardot imitieren will. Es kommt, wie es kommen muss.

Aber hat dieser Ehe-Konflikt zwischen Erik und Anna überhaupt etwas mit der Kommune zu tun? Was will uns Vinterberg tatsächlich erzählen? Im Verlauf des Films wirkt die Kommune eigentlich fast nur noch wie eine Kulisse für die Beziehungsprobleme des Paares. Das ist ein bisschen schade, denn man merkt, dass der Regisseur eigentlich sehr viel Gutes über das Gemeinschaftsleben zu sagen hat, hat er doch selbst lange und nach eigener Aussage glücklich in einer Kommune gelebt. So wundert es auch nicht, dass über allen Bildern eine Art milchiger Vintage-Look liegt, der dem ganzen auch eine optische Verklärung gibt.

Der Konflikt zwischen Erik und Anna entlädt sich kaum in Schreien oder Heulkrämpfen, sondern wird ruhig und minutiös erzählt. In Annas Gesicht lässt sich aber die ganze Tragik und der Schmerz der Situation ablesen. Das Scheitern am eigenen Ich, das gegen seine Gefühle ankämpft, weil es zu Höherem strebt. Trine Dyrholm hat dafür verdient den Silbernen Bären für die beste Darstellerin bekommen. Trotzdem bleibt die Geschichte von Die Kommune im Rahmen des Vorhersehbaren und kann nicht richtig fesseln. Doch die Überwindung des Vorhersehbaren war einst ebenso ein Ziel des Dogma-Manifestes.

Die Kommune

Dänemark 2015, 111 Minuten

Regie: Thomas Vinterberg; Darsteller: Ulrich Thomsen, Trine Dyrholm, Helen Reingaard Neumann, Lars Ranthe, Fares Fares u.a.

Kinostart: 21. April 2016


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