Dennis Osmanovic | Drucken06.11.2018 

Bilder vom Balkan

DOK Leipzig: Mehr als zwei Dekaden nach den Jugoslawien-Kriegen wird im Rahmen des diesjährigen Festivals noch immer deutlich, wie wichtig eine Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit für die heutige Zeit ist

Ein thematischer Programmschwerpunkt auf dem diesjährigen DOK-Festival waren Filme, die sich mit der Situation im heutigen Ex-Jugoslawien auseinandersetzten. Unterstrichen wurde diese inhaltliche Schwerpunktsetzung mit einem eigenen Panel am Mittwoch, das sich dezidiert mit der Frage „Post-Jugoslavia - New Nationalisms“ auseinandersetzte und eine Gesprächsplattform für anwesende Regisseure aus der Region war.

Doch die Filmauswahl begrenzte sich nicht nur auf Filme, deren Macher aus den Folgestaaten des ehemaligen Jugoslawien kamen. Sicherlich einer der stärksten Filme im benannten Rahmen war die Schweizer Produktion Chris the Swiss, in der die Regisseurin Anja Komfel versuchte, die verworrenen Wege ihres Cousins nachzuzeichnen, der als Radioreporter in die ersten Jugoslawienkriege zu Beginn der 90er-Jahre zog, um am Ende als Mitglied einer paramilitärischen Gruppe auf kroatischer Seite umzukommen.

Auch wenn ein Großteil der gezeigten Produktionen aus Kroatien kam und Filme aus Bosnien, Serbien und weiteren Folgestaaten bedauerlicherweise kaum auf dem Festival vertreten waren, entspann sich anhand einer Vielzahl von Produktionen ein aufschlussreicher Blick auf die gesamte Region und ihre Probleme, die nach mehr als 20 Jahren immer noch nicht gelöst sind. Was dies für die aktuelle Generation an Menschen bedeutet, wurde eindrücklich in mehreren Produktionen deutlich, die eine besondere Erwähnung verdient haben.

SRBENKA

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Wie groß die Rolle der Ethnizität in den jugoslawischen Nachfolgestaaten noch immer ist, zeigt „Srbenka“ (Foto: DOK Leipzig 2018).

Nina ist 12 Jahre alt. Sie lebt in Zagreb und nimmt als Laiendarstellerin an einem Theaterstück von Oliver Frljic teil, dem kroatischen Enfant Terrible des zeitgenössischen Theaters. Verhasst auf dem ganzen Balkan aufgrund seiner provokativen Inszenierungen, die immer sich wieder mit den Nationalismen der Region auseinandersetzen. In seinem neuen Theaterstück setzt Oliver Frljic sich mit dem Mord an dem zwölfjährigen Mädchen Aleksandra Zec und ihren Eltern auseinander. Serben, die im Rahmen der ersten Jugoslawienkriege in der aufgeheizten Stimmung des Alltags in Kroatien allein aufgrund ihrer Herkunft ermordet wurden. Der Fall erzeugte trotz der damaligen Situation ein mediales wie gesellschaftliches Echo im Land, das bis in die Gegenwart nachwirkt. Wie geschaffen für Theaterregisseur Frljic, um mit einem Theaterstück auf gesellschaftliche Missstände im heutigen Kroatien hinzuweisen.

Was von Filmregisseur Nebosja Slijepcevic anfangs wie eine reine Dokumentation über das Theaterstück und seine Produktionsbedingungen inszeniert wird, entfaltet rasch eine Wirkmächtigkeit, die weit darüber hinaus geht und auf eindrückliche Weise zeigt, dass die Mechanismen, die zur Ermordung des Mädchens und ihrer Eltern geführt haben, noch immer präsent sind in einem Kroatien, das mittlerweile Teil der europäischen Union geworden ist. Der Grund für diese Einsicht ist die eingangs benannte Nina, die Teil der serbischen Minderheit in Kroatien ist und an der immer mehr und mehr deutlich wird, wie groß die Rolle der Ethnizität noch immer ist, selbst in der neuen und jungen Generation.

Liegt der Fokus anfangs auf den Produktionsbedingungen des Theaterstücks und der Frage, wie sich die Hauptdarsteller in dessen Darstellung einfühlen sollen, so wandert der Blick nach dem ersten Drittel auf eine Gruppe von zwölfjahrigen Mädchen, die als Laiendarsteller ebenfalls an dem Stück teilnehmen. Immer mehr rückt der Blick hier auf die zwölfjährige Nina, die im Laufe des Films immer zurückgezogener erscheint. Erst spät wird in einer Szene, in der die Mädchen ihre Ethnizität im Rahmen des Theaterstücks benennen sollen, deutlich, was der Grund hierfür ist: Nina ist Serbin, „Srbijanka“, und bereits im Vorfeld hat einer der Darsteller anhand der eigenen Biographie erläutert, welche Bedeutung die Ethnizität im Aufwachsen junger Menschen im postjugoslawischen Kroatien hat. Ihre fremde Ethnizität wird von Nicht-Kroaten auch zwei Jahrzehnte nach den Konflikten ausgeblendet, verschleiert, verheimlicht, nicht thematisiert, sind mit ihr doch noch immer fast automatisch Diskriminierung und Vorwürfe verbunden, die mittlerweile weit über die Lebenszeit der eigentlichen Menschen reichen.

Theater-Regisseur Frljic bietet Nina an, ihre eigentliche Ethnizität nicht auf der Bühne benennen zu müssen, sie könne sich frei aussuchen was sie sagen wolle. Doch das Dilemma, das dieser junge Mensch auch heute aufgrund der vergangenen Konflikte immer noch hat, ist hiermit nicht ausgeblendet. Vielmehr wird der Konflikt noch tiefer in den Menschen hineinverlagert: Ist es wirklich so einfach, die eigene Identität öffentlich zu leugnen, selbst im Rahmen eines Theaterspiels, aus Angst vor Repression und Verurteilung? Dieses Dilemma wird anhand der heimlichen Hauptprotagonistin Nina beeindruckend aufgezeigt. Und es wird am Ende des Films ebenfalls deutlich, dass aus dieser Situation kein unmittelbarer Befreiungsschlag erfolgen kann, egal, was sie letztlich auf der Bühne, im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit sagt.

Srbenka

Kroatien 2018, 72 Minuten

Regie: Nebosja Slijepcevic

DOK Leipzig 2018 , Internationales Programm


IKEA FOR YU

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Der Film „Ikea for yu“ macht die politischen Konflikte der Vergangenheit zum familiären Diskurs (Foto: DOK Leipzig 2018).

Regisseurin Marija Ratkovic-Vidakovic will sich aktiv mit der Vergangenheit Jugoslawiens auseinandersetzen, diesem Land, dem ihre Eltern auch heute noch hinterhertrauern. Was war das für ein Land, das verloren scheint, und so viel besser als die Ist-Situation sein soll? Ist damit wirklich die Lösung all der gesellschaftlichen Probleme verbunden, die in Kroatien heute herrschen, trotz Beitritt in die europäische Union und Öffnung gen Westen? Sie will diesem Mythos auf den Grund gehen, nachdem sie ihr ganzes Leben mit diesem Idealbild in ihrer Familie konfrontiert wurde, welche zu der serbischen Minderheit in Kroatien gehört.

Die Regisseurin möchte dies in Form einer Reise tun, in der die gesamte Familie auf den Spuren des ehemaligen Jugoslawiens wandeln soll. Dieser Roadtrip nimmt jedoch nur den Beginn des Films ein, und schnell wechselt der Fokus in eine heimische familiäre Introperspektive, in der schonungslos offen über idealisierte Bilder, Wunschvorstellungen, Fragen der Identität und dem eigenen Lebensweg geredet wird.

Es ist beeindruckend zu sehen, welche Form von kritischem Dialog im familiären Raum ermöglicht wird, allem Neo-Konservatismus und Nationalismus zum Trotz, der im Alltag rund um diesen familiären Nukleus herrscht. Dies ist sicherlich einem hier praktizierten fundamentalen Respekt dem Gegenüber geschuldet, der auf dem Balkan im Rahmen der politischen und ethnischen Auseinandersetzungen der vergangenen Jahrzehnte auch nicht notwendig Halt vor familiären Banden gemacht hat. Und so ist hier sicherlich einer der starken Momente dieses Films: wenn aufzeigt wird, welche Qualität ein kritischer Diskurs hat, auch wenn er schmerzhaft ist, und bedeutet, seine eigenen Vorstellungen und Wünsche zu hinterfragen. Wie es aussehen kann, wenn eine Familie dies ermöglicht, insbesondere wenn sich die Eltern den kritischen Fragen ihrer Kinder stellen, das zeigt Ikea for yu auf dankbare Weise.

Am Ende wird die Regisseurin dennoch das Land verlassen, um mit ihrem Mann und ihrem gemeinsamen Sohn ein neues Leben in Schweden zu beginnen. Aber vorher hat sie mit ihrem Film dennoch aufgezeigt, auf welche Art alte Wege beendet werden können, um neuen Wegen einen eigenen Raum zu eröffnen.

Ikea for yu

Kroatien/Schweden 2018, 52 Minuten

Regie: Marija Ratkovic-Vidakovic

DOK Leipzig 2018 , Internationales Programm


CHRISS THE SWISS

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„Chriss the Swiss“ begibt sich auf die Spuren von Christian Würtenberg, der sich in den 90ern einer paramilitärischen Einheit anschließt und für Kroatien kämpft (Foto: DOK Leipzig 2018).

Anja war sieben Jahre alt, als ihr Cousin Christian in den ersten Jugoslawien-Kriegen Anfang der 1990er-Jahre sein Leben verlor. Seitdem begleiten sie Gedanken an ihn, und auch die Familie scheint bis in die Gegenwart durch den Tod in Beschlag genommen. Dekaden später beschließt sie, den Umständen für seinen Tod auf den Grund zu gehen.

Dass dieser Tod nicht selbstverständlich ist, wird schon zu Beginn des Films deutlich. Christian Würtenberg reist zu Beginn der 90er-Jahre als Schweizer Radiojournalist in die jugoslawischen Separationskriege. Mit dem Zug wohlgemerkt, direkt von Zürich nach Zagreb, nur wenige Kilometer vor die Front. Schon hier wird der Irrsinn der Jugoslawienkriege deutlich, und ihre Stellung innerhalb Europas, handelt es sich doch um einen Konflikt, der sich eben nicht „vor der Tür“ abspielt, sondern sich bereits im Hausflur befindet wenn man noch einen Moment im Bild verbleiben will: ein Umstand, der auch bei den Folgekonflikten auf dem Balkan und dem Verhältnis des Westens und Europas hierzu auf befremdliche Weise distanzierter erscheint, als er letztlich ist.

Christian will verstehen, er will den Ursachen für die Konflikte auf den Grund gehen, warum Nachbarn beginnen sich zu töten, warum es keinen Unterschied mehr zwischen Zivilisten und Armee gibt, warum sämtliche moralische Grenzen beginnen zu fallen. Der Konflikt erscheint ihm zunehmend verstörend, und genauso verstörend wird es auch für den Zuschauer, wenn spätestens ab der Mitte des Films ein Phänomen in den Mittelpunkt rückt, das bei den Jugoslawienkriegen in der generellen Betrachtungsweise keine Beachtung findet, nämlich der Partizipation ausländischer Kämpfer in den militärischen Auseinandersetzungen in den Jugoslawienkriegen. Einer dieser Kämpfer wird auch Christian, als er sich einer paramilitärischen Einheit anschließt, die nur aus Ausländern besteht und auf kroatischer Seite für die Ablösung Kroatiens vom jugoslawischen Staat kämpft. Es bleibt nicht abschließend klar, warum der Journalist sich der Einheit anschließt. Will er recherchieren? Oder will er eben nicht mehr zusehen, sondern aktiv eingreifen um etwas zu ändern? Klar wird zum Ende des Films nur, dass es eben diese Einheit ist, die ihn gezielt umbringen wird, eine weitere dunkle Wendung, die dieser Film mehrfach in seinem Verlauf nimmt.

Regisseurin Anja Komfel ist es mit der schweizerischen Produktion Chriss the Swiss auf beeindruckende Weise gelungen, diesen Film zu einer unvergesslichen Erfahrung zu machen, auch wenn bedauerlicherweise gerade die Animationen, die dem Film eine zusätzliche ästhetische Erzählebene verleihen sollten, nicht notwendig dazu beitragen. Es ist viel mehr vor allem ihrem ungebändigten Recherchewillen zu verdanken, dass am Ende alle Parteien zu Wort kommen: Sowohl die Familie, die massiv unter den Umständen von Christians Tod gelitten hat, als auch Journalisten, die ihn zu Beginn in Kroatien begleitet haben, und sogar Mitglieder der paramilitärischen Einheit, in der er am Ende umgekommen ist. Die Kombination dieses Materials ist schlicht erschütternd, und hinterlässt ein dunkles Gefühl hinsichtlich der Jugoslawien-Kriege zu Beginn der 90er-Jahre.

Es bleibt unklar, warum Christian den Weg gegangen ist, den er gegangen ist. Aber der Film zeigt exemplarisch auf, wie dünn und durchlässig die Grenzen von Gesellschaft und vermeintlich sicheren moralischen Standpunkten sind. Und dies nicht fern der eigenen Heimat, sondern im Zweifelsfall bereits am Ende einer Tagesreise mit dem Zug.

Chriss the Swiss

Schweiz 2018, 90 Minuten

Regie: Anja Kofmel

DOK Leipzig 2018 , Internationales Programm

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