Annette Vogt | Drucken06.11.2016 

Schöne neue Waffen

DOK Leipzig: „Do not resist“ von Craig Atkinson zeigt hochbrisante Fakten zur Militarisierung der USA, schneidet aber zu viele Aspekte an

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Befinden sich die USA in einem latenten Bürgerkrieg? Die zunehmende Aufrüstung im Land, selbst in Kommunen fast ohne Kriminalität, legt diesen Schluss nahe. (Foto: Craig Atkinson)

Den Rahmen von Craig Atkinsons Dokumentarfilm Do not resist geben die Ereignisse rund um Ferguson im US-Bundesstaat Missouri vor, wo im August 2014 der 18-jährige Schwarze Michael Brown von einem Polizisten erschossen wurde. Dies löste heftige Proteste aus, eingefangen in zittrigen Aufnahmen vom Chaos aus wütenden neben friedlichen Demonstranten und aggressivem Polizeiaufgebot mit dem vollen Programm aus Gasgeschossen, Wasserwerfern etc. In keinem anderen großen Industrieland sterben bei Schießereien so viele Menschen wie in den USA. Seit 1999 gab es fast so viele Tote durch Schusswaffen wie Verkehrstote. Wie viele Menschen werden jährlich von Polizisten erschossen und wie viele davon mit bewusst oder unbewusst rassistischem Hintergrund?

Doch diese Themen sind nicht Teil des Films. Auch der Vorfall Ferguson mit dem Prozess gegen den Polizisten, der auf Brown schoss, wird nicht näher beleuchtet, dafür die Zusammenstöße zwischen Demonstranten und Polizisten danach. Prozentual sitzen in US-amerikanischen Gefängnissen deutlich mehr Schwarze als Weiße. Was ist, wenn sie sich dem Gefängnispersonal widersetzen? Wie können sie sich gegen Misshandlungen wehren? Und was geschieht, wenn ein US-amerikanischer Staatsbürger im freien Leben bei einer Kontrolle oder einer Durchsuchung Widerstand leistet? Auch solche Aspekte, wie sie der Titel nahelegt, sind nicht Teil des Films.

Doch worum geht es dann in diesem Film? Do not resist ist ein faktenreiches Requiem auf die Logik der Bewaffnung einer ganzen Gesellschaft (Untertitel, zumindest auf Englisch, wären für das internationale Publikum eine Hilfe. Nicht jeder versteht US-amerikanische Dialekte und Soziolekte.). „Größer, schneller, weiter“ als amerikanische Form der Selbstzerstörung. Es gibt aber auch Anlass zur Freude und Zeit für große Gefühle. Lachende Polizisten, die in einem Trainingscamp bei Schießübungen juchzen und vor einem Panzer für Selfies posieren. Ordnungshüter werden in Reden großer Männer auf Ziele eingeschworen. Sogar FBI-Direktor James Comey spricht zu ihnen. Von real existierenden Monstern, gegen die sie sich zu verteidigen hätten. Der Weg der Wahl sei die Militarisierung der Gesellschaft. Ein Trainer vermittelt das Motto: „Gewalt ist unser Werkzeug, Gewalt ist unser Feind.“ Und keiner wehrt sich, stattdessen Standing Ovations.

Atkinson zeigt Aufnahmen von Sitzungen, auf denen Erschreckendes verhandelt wird, auch wenn die Fakten mittlerweile bekannt sind. US-Kommunen können vom Militär ausrangierte Bestände kaufen, 40 Prozent davon nagelneu. Eine Art inszenierter Schlussverkauf. Etliche Städte benutzen ihre Ausrüstung wissentlich illegal gegen legale Demonstranten. Fuhrparks des US-Militärs in Texas sind zu sehen, in denen kilometerlang ein Panzer neben dem anderen steht. Es erstaunt, wie viel Bildmaterial die Macher des Films erstellen konnten, ohne als Spielverderber zu gelten. Bei Einsätzen fahren sie im Polizeibus mit. Sie kommen nah an hilflose Eltern heran, deren Sohn festgenommen und deren Haus ohne Entschädigung teilweise zerstört wird. Auch Prinzipien der gegenwärtigen und zukünftigen Verbrechensbekämpfung - Stichwort Predict Crime - werden behandelt. Ein Screen mit entsprechender Software dient im Streifenwagen vorsorglich der Gesichtserkennung. Und: Statistische Wahrscheinlichkeiten zur Verbrechensberechnung beginnen schon im Mutterleib, so die Erkenntnis eines Wissenschaftlers im Dienste einer nicht erwähnten Institution. Die Welt wird eingeteilt in Luke Skywalkers und Darth Vaders.

Do not resist ist ein dicht gewobenes Geflecht hochbrisanter, ernüchternder Fakten zur Militarisierung der US-amerikanischen Gesellschaft auf allen Ebenen. Doch hätte es dem Film gut getan, das Material zu entzerren und sich auf einen Aspekt zu fokussieren. Denn jeder für sich wäre einen langen Film wert.

Do not resist

USA 2016, 72 Minuten

Regie: Craig Atkinson

DOK Leipzig 2016, Internationales Programm

Katalogtext

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