Elisabeth Hauck | Drucken05.11.2016 

Kubanischer Alltag in Reimen

DOK Leipzig: Die Französin Léa Rinaldi hat die Hip-Hop-Crew Los Aldeanos sechs Jahre lang begleitet und deren großartige Musik im Film „Esto es lo que hay“ („This Is What It Is)“ verewigt

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Wie man trotz des Ruhms seine künstlerische Identität wahrt, auch davon erzählt Léa Rinaldis Film. (Foto: Léa Rinaldi)

Neben vielen Wettbewerbsfilmen gibt es beim DOK auch immer einiges in den Nebensektionen oder Sonderreihen zu entdecken. In diesem Jahr zeigt das Festival unter anderem Filme aus der Reihe „We Are Hip Hop“. Sechs Filme sollen die einstige Subkultur aus einer Perspektive zeigen, die man so vielleicht noch nicht gesehen hat. Also keine Rapper, die sich selbst feiern oder die hundertste Geschichte von „wie damals alles begann“, sagt Kim Busch, Programmkoordinatorin beim DOK und Kuratorin der Reihe.

Der Beitrag Esto es lo que hay (This Is What It Is) ist vielleicht nicht gerade innovative Filmkost, erzählt aber eine nicht alltägliche Rapgeschichte. Die Regisseurin Léa Rinaldi begleitete die Hip Hop-Crew Los Aldeanos und Silvito el Libre von 2009 bis 2015. Die drei Rapper leben in Kuba und haben trotz Zensur eine nicht unerhebliche Fanbase im eigenen Land. Ihre CDs produzieren sie im Wohnzimmer, diese werden dann unterm Ladentisch beim Lebensmittelhändler um die Ecke verkauft. Konzerte können sie nur geben, wenn sie sich entlegene Orte suchen. Die Polizei nimmt sie immer wieder in Gewahrsam, und an eine Ausreise ist nicht einmal im Traum zu denken.

Ihre Musik handelt vom alltäglichen Leben im kommunistischen Karibikstaat. Die Texte sind poetisch und wirkungsstark. Doch damit haben sie sich Feinde gemacht. Sie sprechen aus, was vor allem der Regierung nicht gefällt: Wie um jeden Preis um Touristen geworben wird. Wie die ausländischen Besucher verwöhnt werden, während die Bevölkerung weder durchgängig Strom noch Internet zur Verfügung hat oder die Lebensmittel über Versorgungskarten bezieht.

Doch dann wendet sich das Blatt allmählich. Dank Barack Obama lockern sich die verhärteten Beziehungen zwischen den USA und Kuba. Nach mehr als 50 Jahren Schweigen, Handelsembargo und Einreiseverboten werden wieder diplomatische Beziehungen aufgenommen. Auch Los Aldeanos können endlich den vielen Einladungen aus Übersee folgen. Nach glücklichen Momenten in Serbien, Spanien und Kolumbien verschlägt es die drei nach Amerika. Hier stürmen vor allem zig Reporter auf sie ein, alle wollen ein Stück der rebellischen Hip Hopper, die gegen das böse kommunistische Regime aufbegehren. Plötzlich verlieren die Drei jegliche Kontrolle über ihr Außenbild, sie werden instrumentalisiert, zu einem Symbol stilisiert, was sie nicht sein wollten.

Denn so kritisch, wie ihre Songs sind, ihr Herz schlägt für ihr Heimatland und ihre Musik. In den Szenen, in denen sie um die Hoheit über ihre Außenwahrnehmung kämpfen, hat Esto es lo que hay seine stärksten Momente. Besonders deutlich wird der Kampf bei Silvito el Libre. Er ist der Sohn von Silvio Rodríguez, eines bekannten kubanischen Liedermachers, der sich in seinen politischen Ansichten klar zu Fidel Castro und seinem Regime bekennt. Doch wie viele Söhne berühmter Künstler möchte er für seine eigene Musik wahrgenommen werden, ohne sich ständig gegen seinen Vater positionieren zu müssen.

Die Rapper malen kein Schwarz-Weiß ihres Landes, sie machen auf Missstände aufmerksam, ohne gleich ganz Kuba zu verdammen. Diese Ambivalenz lässt sich für viele Außenstehende schwer fassen, wird aber im Film von Rinaldi gut eingefangen. Auch sonst kann der Film meist überzeugen, was zuvörderst an den tollen Protagonisten und deren großartiger Musik liegt. Nur zu Beginn des 100-Minüters verzettelt sich die Regisseurin in wirr zusammengeschnittenen Filmschnipseln, die zunächst keine rechte Einheit ergeben wollen. Dafür wird man dann umso mehr belohnt.

Esto es lo que hay – This Is What It Is

Kuba, Frankreich 2015; 100 Minuten

Regie: Léa Rinaldi

DOK Leipzig 2016, Sonderreihe We Are Hip-Hop

Vorführungstermine, Katalogtext

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