Elisabeth Hauck | Drucken29.10.2016 

„Ein leeres Becken als Bühne“

DOK Leipzig: Sieben Nichtschwimmer überwinden in Susanne Kims neuem Dokumentarfilm „Trockenschwimmen“ lang gewachsene Ängste. Am 1. November hat er Premiere im Deutschen Wettbewerb. Elisabeth Hauck hat die Leipziger Regisseurin zu ihrem Film befragt.

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„Schwimmen lernen im Alter ist eine große Überwindung“, sagt Susanne Kim. In ihrem Film stellen sich sieben Protagonisten, darunter die Dame im Bild, dem Abenteuer Schwimmkurs. (Foto: Neufilm)

Elisabeth Hauck, Leipzig-Almanach: In deinem neuen Film Trockenschwimmen geht es um Menschen, die erst spät in ihrem Leben das Schwimmen lernen. Wie bist du auf das Thema gekommen?

Susanne Kim: Auf einem Sommerfest vor ein paar Jahren hatte ich ein Gespräch belauscht: Ein Mann um die 50 erzählte seinen Freunden, dass er gerade Schwimmen lernt. In dem Moment kam mir der Satz in den Kopf: „Learn to swim before you die“. Verbunden auch mit der Frage: Um was geht es genau, wenn man im Alter noch etwas völlig Neues lernt? Schwimmen lernen ist existentieller als einen Computerkurs zu belegen, denn es hat immer etwas mit der persönlichen Geschichte der NichtschimmerInnen zu tun. Und sehr viel mit Angst. Jeder hat ja am Ende seine persönliche „Schwimmgeschichte“ im Leben: An welchem Punkt ist man ins kalte Wasser gesprungen, ist man auch mal untergegangen, wie hat man sich dann ans Ufer gerettet? Hat man sich freigeschwommen?

Der Film ist sehr nah an seinen Protagonisten und fängt intime Momente ein, die auch von persönlichen Ängsten erzählen. Nicht jeder ist bereit, sich so vor einer Kamera zu zeigen. Wie hast du die sieben Nichtschwimmer gefunden, die im Film zu sehen sind?

Schwimmen lernen im Alter, also eigentlich schon jenseits der Kindheit, ist eine große Überwindung. Denn oft liegen traumatische Ereignisse vor, die dazu geführt haben, dass das Schwimmen nicht gelernt oder aufgegeben wurde. Ich habe erst in ganz regulären Kursen für Erwachsene nach meinen Protagonisten gesucht. Aber es wurde schnell klar, dass es organisatorische Hürden gibt, so einen Kurs zu begleiten. Eben, weil man ja nicht einfach mit der Kamera vorbeikommen kann, um zu filmen. Und es war ja auch sehr wichtig, die SchwimmschülerInnen vorher kennenzulernen. Also habe ich begonnen, Anzeigen zu schalten. Eine pinnte ich in einem kleinen Laden auf Hiddensee an das schwarze Brett. Ich dachte, so ein nichtschwimmender Fischer wäre toll für den Film. Daraufhin meldete sich dann Manfred, unser Segler mit Schwimmweste.

Tatsächlich empfinde ich es auch als sehr mutig von unseren SchwimmerInnen, dass sie sich mehr oder weniger halbnackt filmen lassen und in Situationen, die sehr privat sind und die sie vorher nicht einschätzen können. Erstaunlicherweise hatten aber alle speziell zur körperlichen Nacktheit ein sehr entspanntes Verhältnis. Und in den Schwimmstunden waren sie meist so mit dem Kurs beschäftigt, dass die Kamera ziemlich schnell vergessen wurde. Aber jeder geht auch, je nach Persönlichkeit, anders mit der Situation gefilmt zu werden, um. Ich hatte den Eindruck, dass zum Beispiel Karin die Kamera sogar anspornt, ihr Bestes zu geben. Monika flirtet auch mal ein wenig mit ihr, während Manfred sie ignoriert.

Bei den Dreharbeiten hast du auch mit der Leipziger Choreographin Heike Hennig zusammengearbeitet. Wie kamst du auf die Idee, Schwimmen mit dem Thema Tanz zusammenzubringen?

Ich wollte die persönlichen Schwimmgeschichten nicht einfach auf der Couch sitzend abfragen, sondern körperlich umsetzen und vor allem visuell für den Zuschauer erfahrbar machen. Denn für mich lebt Film ja vor allem auch von Bildern, die einladen, sich selbst eine Erfahrungsebene zu erschließen, seine eigene Interpretation zu finden. Ich hatte schon sehr früh die Idee, ein leeres Schwimmbecken als eine Art Bühne zu nutzen. Und Wasser an sich hat ja auch alle möglichen Bewegungsmuster. Vor langer Zeit hatte ich Heikes Stück Tanz mit der Zeit gesehen, in dem sie mit pensionierten Balletttänzern arbeitet. Ich habe sie gefragt, ob sie nicht mit mir an einigen improvisierten Choreographien arbeiten will und da sie mein Sujet mochte, haben wir das ausprobiert. Und es hat für uns beide funktioniert.

Neben vielen Stunden Filmmaterial, die in einer DDR-Schwimmhalle in Schönefeld entstanden sind, hast du auch Archivaufnahmen für Trockenschwimmen genutzt. Beides verwebt sich im Trailer zu einem assoziativen Bilderstrom. Wusstest du von Anfang an, dass du es so machen willst, oder kam die Idee erst während des Drehs?

Vor dem Dreh habe ich sehr lange nach einem Weg gesucht, assoziativ mit dem Thema Schwimmen oder eben Nichtschwimmen umzugehen. Da stecken ja unheimlich viele Ebenen drin. Angst, Vertrauen, der Kreislauf des Lebens, die Kraft des Wassers etc. Und mir war es wichtig, dass der Film am Ende von der Anmutung her „im Fluss“ ist. Archivbilder wollte ich von Anfang an verwenden und habe mich durch Stunden von Material gearbeitet. Interessanterweise habe ich mich dann bei der Auswahl immer weiter vom Wasser als Motiv entfernt und mich für Szenen entschieden, die für mich einfach intuitiv passten.

Trockenschwimmen ist dein zweiter Langfilm, der beim DOK Leipzig zu sehen sein wird. Du kennst dich also schon ein bisschen aus mit dem Trubel. Bist du dennoch gespannt, wie das Publikum am Premierenabend reagieren wird?

Tatsächlich ist Trockenschwimmen mein zweiter langer Film bei DOK Leipzig, aber es ist der erste, der im Wettbewerb läuft. Mein Debütfilm White Box lief 2010 im Internationalen Programm. Es ist immer etwas ganz Besonderes, einen Film mit Publikum zu sehen. Das ist ja überhaupt das Tolle an einer Kinoatmosphäre und dazu noch auf einem Festival. Und da der Film hier in Leipzig seine Weltpremiere feiert, sind natürlich auch das Filmteam und viele unserer SchwimmschülerInnen dabei. Das wird sehr aufregend für uns alle.


Trockenschwimmen

Deutschland 2016, 77 Minuten

Regie: Susanne Kim

Weltpremiere im Deutschen Wettbewerb von DOK Leipzig:
Dienstag, 1. November 2016, 19:45 Uhr, CineStar 4


Weitere Vorstellungen:

Freitag, 4. November 2016, DOK Leipzig, Hauptbahnhof Osthalle, 19:30 Uhr

Sonntag, 6. November 2016, DOK Leipzig, Schaubühne Lindenfels, 17 Uhr

Weitere Infos und Tickets unter dok-leipzig.de
Zur Website www.trockenschwimmen.de

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