Elisabeth Hauck | Drucken08.11.2017 

Im Rausch der Kodachrome-Bilder

DOK Leipzig: In diesem Jahr hat DOK Leipzig dem Filmkünstler Jay Rosenblatt eine Sonderreihe gewidmet. Seine kurzen Filme im Video- oder Found Footage-Format machen süchtig

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In „When You Awake“ nutzt Jay Rosenblatt assoziative Traumbilder, die das menschliche Unterbewusstsein auf sinnliche und amüsante Weise beleuchten. (Foto: DOK Leipzig 2017)

Jay Rosenblatt ist nicht einfach nur ein Filmemacher, nein, er ist definitiv ein Filmkünstler. Der Amerikaner hat seit 1980 mehr als 30 kurzformatige Filme erschaffen. Zum DOK kam er mit vier Programmen, die er selbst zusammengestellt hat. Die Mischung war perfekt: ein bisschen Schwere und jede Menge Leichtigkeit in Abwechslung.

Neben eigenem gedrehten Videomaterial bestehen seine Arbeiten vor allem aus Found-Footage-Filmen, die er mit neuer Bedeutung versieht. So setzt er einem Bildungsfilm über eine Hypnose-Sitzung in When You Awake assoziative Traumbilder entgegen, die das menschliche Unterbewusstsein auf sinnliche und amüsante Weise beleuchten. Es macht unheimlichen Spaß seinen Assoziationsketten zu folgen und sich im Rausch der Kodachrome-Bilder zu verlieren.

In vielen der Filme ist er selbst der Bezugs- oder Ausgangspunkt. Besonders eindrücklich in The Darkness of Day und Phantom Limb. The Darkness of Day ist eine lyrische, feinfühlige Abhandlung zum Thema Selbstmord. Zusammengeschnittene 16mm-Filme zeigen tonlos Szenen von verzweifelten, suizidalen Menschen. Dazu liest ein Voice-Over aus dem Tagebuch eines Selbstmörders. Großartig, wie dazwischen noch Bilder aus einem größeren Kontext dazukommen. Da sind Hemingway in der Stierkampfarena oder Bilder von einem Vulkan in Japan, in den sich ein junges Mädchen gestürzt hat. Jay Rosenblatt schafft es trotz des Themas nicht in eine depressive Stimmung zu verfallen, sondern ergründet das Ganze nachdenklich, um sich der Frage anzunähern, wie Menschen einen solchen Schritt gehen können. Denkanstoß war ihm der Selbstmord seiner Physiotherapeutin, die ihn anderthalb Jahre betreute, um dann nach einer gemeinsamen Sitzung von einer Klippe zu springen. Das geht unter die Haut.

Solche eher schweren Filme werden im Programm dann von absolut großartigen Filmen mit und über seine Tochter Ella Rosenblatt kontrastiert. Den Anfang macht der Videofilm I Used to Be a Filmmaker von 2003, dem Jahr, in dem seine Tochter geboren ist. Auf witzige-verschmitzte Weise komponiert Rosenblatt hier Bilder vom alltäglichen Babyalltag mit Filmvokabeln. Oder I like it a lot, wo er mit der Kleinen einfach in eine Eisdiele geht und sie beobachtet. So feiert er das Leben in seinen kleinen Wundern.

Ob es sich bei Rosenblatts Filmen um „echte“ Dokumentarflme handelt, sei da mal nachrangig. Vielleicht sind sie dokumentarische Videokunst oder Experimentalfilme. In jedem Fall ziehen seine Bilder den Zuschauer tief in den Bann. Hat man einen Film gesehen, will man mehr. Für alle, die beim DOK nicht in den Genuss kamen, sollten sich auf YouTube umsehen. Das ein oder andere Werk ist dort frei zugänglich.

Bildelektrik. Das Kino von Jay Rosenblatt

USA 1990 bis 2017

Regie: Jay Rosenblatt

DOK Leipzig 2017, Sonderreihe Hommage

Katalogtext


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