Elisabeth Hauck | Drucken30.10.2019 

Perspektivwechsel

DOK Leipzig: „It Takes a Family“ von Susanne Kovács und „Waldstück“ von Hannes Schilling nähern sich beide auf unterschiedliche Weise dem Thema Holocaust und erlauben dem Zuschauer so verschiedene Perspektiven einzunehmen

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Auf "Schatzsuche" im Holocaust-Gelände: "Waldstück" von Hannes Schilling ist ein Film gegen das Vergessen (Foto: DOK Leipzig).

Ein Programm, zwei Filme. Einer kurz, einer lang. Doch die DOK-Kuratoren haben beide Filme thematisch so ausgewählt, dass man sie miteinander verknüpfen kann. Beide setzen sich mit dem Holocaust auseinander, beide auf verschiedene Weise.

Der Kurzfilm Waldstück von Hannes Schilling nähert sich von einer Außenperspektive. In einem Wald in Brandenburg sucht er ein ehemaliges Konzentrationslager auf, das verschüttet unter Bäumen und Erdklumpen fast in Vergessenheit geraten ist. Nur eine alte Bewohnerin des Dorfes weiß noch: Hier war einst das sogenannte Judenloch. Sechs Baracken standen da. Es gab Gefangene, die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs von Theresienstadt nach Brandenburg deportiert wurden, um hier zu arbeiten.

Im Wald trifft er Denkmalschützer, die die Baracken freilegen. Aber nur ganz oberflächlich, andeutungsweise. Der Rest soll unter der Erde bleiben, warum, wird nicht gesagt.

Am anderen Ende des Walds suchen zwei Männer mit Metalldetektoren nach „Schätzen“ im Boden. Das sind für sie Kriegsmemorabilia, Naziabzeichen. Schilling lässt beide Männergruppen aus einem Tagebuch eines Gefangenen lesen, um das Vergangene wieder auferstehen zu lassen. Er sucht die Konfrontation ohne zu werten. Das ist der große Gewinn des Films. Die Nazi-„Schatzsucher“ werden hinterfragt, ihre fast leugnerische, herunterspielende Haltung zum Holocaust aufgedeckt. Das erzeugt Kopfschütteln angesichts ihrer Ignoranz, aber ohne Zeigefinger. Waldstück ist ein Kurzfilm gegen das Vergessen und das Verhandeln von Perspektiven. Er ist als Abschlussfilm von der Filmuniversität Babelsberg gelungen.

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„It Takes a Family“ von Susanne Kovács zeigt, wie trügerisch Familienfoto-Idylle sein kann (Foto: DOK Leipzig).

Auch Susanne Kovács hat mit It Takes a Family einen Film gegen das Vergessen gedreht. Doch ihre Perspektive ist eine Innenansicht. Selbst gerade Mutter geworden, begibt sie sich auf Spurensuche innerhalb ihrer Familie. Sie weiß, ihre Urgroßeltern sind in Auschwitz umgekommen, ihre Großeltern väterlicherseits waren beide im Konzentrationslager. Der ungarisch-jüdische Zweig ihrer Familie steht konträr zu ihrer deutschen Familie mütterlicherseits. Schon alleine dies ist ein unglaubliches Spannungsfeld, welches Kovács peu á peu aufdeckt.

Ihre hochbetagte Großmutter schweigt sich jedoch am liebsten aus. Das ist die Vergangenheit, das war so schrecklich, das muss vergessen werden. Doch so einfach ist es nicht. All die Fotos von glücklichen Familienmomenten täuschen. Die Kindheit von Susanne Kovács' Vater war gespickt von physischer und psychischer Gewalt. Seine Eltern litten scheinbar unter einem starken Trauma, welches nie bewältigt worden ist, welches sie ohne Aufarbeitung an ihrem Sohn ausließen - so scheint es.

Die Heirat mit einer Deutschen hat zu heftigen Auseinandersetzungen geführt. Die Regisseurin selbst litt noch unter dem Verhalten der Großeltern. In einer bewegenden Szene sagt sie zu ihrem Vater: „Du wusstest, wie sie waren, und du hast mich trotzdem in ihre Obhut gegeben. Warum? Warum hast du nicht auf mich aufgepasst?“ Hier wird radikal die Dysfunktionalität entlarvt, und das tut weh. Es zeigt, welche generationsübergreifenden Folgen die Konzentrationslager hatten. Diese Erkenntnis konterkariert somit auch die beiden Nazis aus Waldstück. Das, was passiert ist, lässt sich nicht verharmlosen.

Zum Schluss von It Takes a Family gibt es viele Tränen. Die Großmutter ist gestorben, ihr letzter Telefonanruf galt ihrem Sohn. Doch eine Erlösung gibt es nicht, für keinen der Zurückgebliebenen. Aber es gibt das Bewusstsein, dass reden hilft, dass Verdrängung nur mehr Schmerz erzeugt. Susanne Kovács hell durchflutete Bilder stehen konträr zum dunklen Sujet. Sie versteht zu berühren und ihre persönliche Geschichte einem größeren Kontext anzuschließen. Dabei geht es nicht nur um das Thema Holocaust, sondern ganz allgemein, wie Familien miteinander leben. Der Film wird zurecht im Internationalen Wettbewerb gezeigt.

Dass beide Filme in einem Programm zu sehen sind, ist für die DOK-Zuschauer ein Gewinn. Aus unterschiedlichen Perspektiven kämpfen beide gegen das Vergessen an.

Waldstück / It Takes a Family

Deutschland 2019; 25 Minuten/Dänemark 2019; 59 Minuten

Regie: Hannes Schilling/Susanne Kovács

DOK Leipzig 2019, Internationales Programm kurzer Dokumentar- und Animationsfilm/Internationaler Wettbewerb langer Dokumentations- und Animationsfilm

Vorführtermine, Katalogtext

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