Philipp Köhler | Drucken24.07.2019 

Wie ein Gemälde

So schrecklich schön kann materielle Ausbeutung im Zeitalter der Globalisierung aussehen: Nikolaus Geyrhalter lässt in seinem Dokumentarfilm „Erde“ Bilder und Personen für sich sprechen

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Das San Fernando Valley in Kalifornien von oben. Gigantische Bagger graben sich hier in die Erde, um Sand abzubauen. (Foto: Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion GmbH)

San Fernando Valley, Kalifornien.Top Shot. 30 Sekunden.
Das Bild ist ausgefüllt von gelben bis braunen Farbtönen, Schlangenlinien durchziehen unregelmäßig die scheinbar zweidimensionale Szenerie. Alles mutet wie ein abstraktes Gemälde an, nur vereinzelt können konkrete Formen ausgemacht werden.

Schnitt. Vogelperspektive.
Bewegung wird sichtbar. Wie Ameisen tragen gigantische Bagger Kubikmeter für Kubikmeter Sand ab. Sie öffnen, aus nun multiplen Perspektiven gefilmt, Laderampen, graben sich in das Erdreich, füllen ihre Bäuche mit gelbem Rohstoff. Mehrere Dutzend jener metallischen Monster lassen die ursprüngliche Landschaft systematisch verschwinden. Sie stillen die Gier nach mehr, den Hunger nach Ressourcen. „Limits you can only give by yourself, right?” kommentiert ein Baggerfahrer.

Der österreichische Filmemacher Nikolaus Geyrhalter führt uns in seinem Film Erde von der Höhe in die Tiefe. Was zunächst abstrakt wirkt, verdichtet sich Szene für Szene zu einem komplexen Gesamtbild der materiellen Ausbeutung im Zeitalter der Globalisierung. Dabei verknüpft er – typisch für seine Dokumentarfilme – lange Einstellungen und ungewöhnliche Perspektiven mit Interviews derer, die an der Verformung der Landschaft maßgeblich teilhaben.

So furchteinflößend ihre stählernen Monster, so nüchtern betrachten sie die zugrunde liegende Arbeit, ihren Job. Vielen sind die möglichen Konsequenzen der Umweltzerstörung bewusst. Aber wo ist die Alternative? Was ist die Lösung? Es sind Baggerfahrer, Sprengmeister, Tunnelbauer_innen bis hin zu Wissenschafter_innen, die Geyrhalter an insgesamt sieben globalen Schauplätzen zu Wort kommen lässt. Immer sind sie mittig im Bild platziert, sprechen direkt zu den Zuschauer_innen.

Sätze wie „[...] die Natur hat seit tausenden von Jahren keine Rücksicht auf uns genommen, nun sind wir dran“ entfahren den zahlreichen „Talking Heads”. Sie führen beim Betrachter vom bloßen Kopfschütteln bis zum Hände-über-dem-Kopf-zusammenschlagen. Doch kann, bzw. sollte jemand der Interviewten wirklich stellvertretend verurteilt werden oder sind es vielmehr die (namentlich kenntlichen) Auftraggeber, Großkonzerne, die die eigentliche Kritik verdienen?

Das Bild, das Geyrhalter zeichnet, ist ein unkommentiertes. Lieber lässt er Personen und Bilder für sich sprechen, worin vermutlich auch zu erklären ist, dass Firmen wie z.B. Strabag sich überhaupt auf einen Dreh einließen. Doch jene Neutralität ist zugleich auch Geyrhalters Stärke. Hier wird nicht bewusst in eine Richtung argumentiert, sondern ein Ist-Zustand sachlich dokumentiert.

Spätestens jedoch, wenn in 500 m Tiefe Einblick in das Atommülllager Asse (Wolfenbüttel) gewährt wird, realisiert man, dass trotz all der Aufgeklärtheit und daran geknüpfter Hoffnung der auftretenden Personen die aktuelle Situation kaum umkehrbar scheint.

Die Leiterin eines Besucher_innenzentrums in der Nähe eines tschechischen Tagebaus resümiert:
„Wissen Sie, es ist erstaunlich darüber nachzudenken, dass es vor dem Menschen schon andere Lebewesen auf der Erde gegeben hat. Vielleicht wird auch er irgendwann einfach wieder verschwinden.”

Erde

Österreich 2019, 115 Minuten

Regie: Nikolaus Geyrhalter

Kinostart: 4. Juli 2019

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