Dennis Osmanovic | Drucken01.10.2017 

Von Gespenstern in gepflegten Gärten

Einmal mutig, einmal mau: „A Ghost Story“ von David Lowery und „Suburbicon“ von George Clooney im Rahmen der 17. Filmkunstmesse Leipzig

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Mysteriös, mysteriös: Unter dem Laken verbirgt sich Oscar-Gewinner Casey Affleck, einer der beiden Protagonisten von „A Ghost Story“. (Foto: Verleih)

Die Filmkunstmesse gastierte in diesem Jahr zum 17. Mal in Leipzig. In erster Linie angedacht als Forum für den Austausch zwischen Kinobetreibern, Verleihern und Fachleuten, konnte auch das normale Publikum in diesem Jahr erfreulicherweise wieder an knapp 30 der über 70 Filmpräsentationen teilnehmen. Dies ist insbesondere spannend, da das Publikum auf diesem Wege in der Lage ist, Filme der aktuellen Festival-Saison, welche ihre Höhepunkte traditionsgemäß eher zur Jahresmitte hat (beispielsweise Cannes, Venedig oder Toronto), weit vor ihrem Bundesstart das erste Mal exklusiv in Augenschein nehmen zu können. Aber es gibt auch einen Teil, der dem öffentlichen Publikum verschlossen bleibt.

Als Erstes hat in diesem Jahr sicherlich die Produktion A Ghost Story eine nähere Betrachtung verdient. Der Film, der seine Premiere beim diesjährigen Sundance-Festival feierte, ist bereits in der Hinsicht bemerkenswert, dass er mit einem Gesamtbudget von nur 100.000 Dollar gedreht wurde. Dies ist ohnehin eine außerordentliche geringe Summe für US-amerikanische Produktionen, wird aber noch interessanter, wenn man die Besetzung in Augenschein nimmt, bei der die Hauptrollen mit Casey Affleck, seines Zeichens mittlerweile Oscargewinner, und Rooney Mara, ebenfalls bereits Oscar-nominiert, gesetzt sind. Regisseur David Lowery wiederum war erst im vergangenen Jahr federführend bei der millionenschweren Disney-Produktion Elliot der Drache. Und dann wäre da sicherlich noch der Umstand, dass der Film im Jahr 2016 innerhalb weniger Wochen quasi komplett heimlich gefilmt worden ist und die Öffentlichkeit erstmals auf dem diesjährigen Sundance-Festival überhaupt von seiner Existenz erfahren hat. Mehr als genug Gründe also, um gespannt auf das Ergebnis zu sein.

Die Geschichte kreist zu Beginn um die beiden Hauptprotagonisten M und C, ein Paar, das seit einiger Zeit in einem älteren und leicht verlebten Haus irgendwo in den Vereinigten Staaten lebt. Während Affleck als C anscheinend einer musikalischen Tätigkeit nachgeht, wird der Hintergrund von Rooney Mara als M nicht näher beleuchtet. Es wird von Beginn an deutlich, dass M nicht recht glücklich in dem Haus zu sein scheint und auf einen Umzug drängt, C jedoch aus unklaren Gründen an dem Ort zu hängen scheint. Kurz vor dem eigentlichen Umzug stirbt C dann überraschend bei einem Autounfall und kehrt als Geist, in seinem Erscheinungsbild nur bedeckt mit einem großen weißen Laken, zurück. Scheint eingangs noch M der Grund für seine Rückkehr zu sein, bleibt der Geist jedoch dem Haus verhaftet, als diese irgendwann auszieht, und mehr und mehr verblasst der Bezug für seine Anwesenheit an diesem Ort, während andere Menschen ein- und ausziehen, das Gebäude irgendwann verschwindet und schlussendlich sogar Zeitebenen beginnen sich aufzulösen.

David Lowerys Ausgangspunkt für die vorliegende Arbeit war der seit Langem gehegte ästhetische Wunsch, einen Film mit der klassischen Figur des Geistes als einer in weißen Laken gehüllten Gestalt zu inszenieren . Zudem spielten persönliche existienzielle Fragen eine wesentliche Rolle bei der der Entstehung der Geschichte.

Seine Herangehensweise an diese Ausgangspunkte entfaltet auf vielen Ebenen eine sehenswerte ästhetische und atmosphärische Qualität. Dies fängt bereits bei dem Filmformat an, bei dem über die gesamte Zeit die 4:3-Relation genutzt wird. Dieses fast quadratische Bild wirkt überraschend einengend auf der Kinoleinwand und erfüllt somit genau die Intention, die der Regisseur hiermit erzeugen wollte. Der gefühlten Beengtheit der gesamten Geschichte wird durch den Bildrahmen auf einer unmittelbaren visuellen Ebene entsprochen. Zudem wird über große Teile des Films nicht gesprochen und Einstellungen werden extrem lange gehalten, so dass man sich innerhalb der gegebenen Szene oftmals regelrecht gefangen mit der Gestalt des Geistes fühlt.

Diese Form der Inszenierung erinnert stark an die Arbeitsweise des Regisseurs Terrence Malick, der mit seinen letzten Produktionen wie Song to Song, Knight of Cups und Tree of Life durchaus für ästhetische Kontroversen bei Zuschauern wie Kritikern gesorgt hat. Und auch bei Lowery muss man sich bewusst sein, dass eine solche Herangehensweise rasch langatmig und orientierungslos wirken kann. Gleichzeitig eröffnet sie jedoch einen stark atmosphärisch orientieren Zugang, und so eröffnet der Film bald eine existienzielle Erfahrung, die wichtige Fragen hinsichtlich der Verortung und Verbundenheit des menschlichen Wesens aufwirft.

A Ghost Story erzeugt hier das Gefühl einer grundsätzlichen Verlorenheit, bei der irgendwann nicht mehr klar ist, wo deren eigentlicher Ursprung lag. Zurück bleibt lange Zeit ein diffuses wie bedrückendes Gefühl, dass den Film sehenswert macht, auch wenn die erzählerische Klammer für die örtliche Verbundenheit des Geistes letztlich vielleicht ein wenig einfach gestrickt zu sein scheint, und die Inszenierung manchem Zuschauer generell sicherlich zu sperrig sein wird.


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Back to the Fifties: Julianne Moore und Matt Damon als Vorstadtpaar in „Suburbicon“. (Foto: Verleih)

Gänzlich anders in seiner Erzählweise ist George Clooneys Suburbicon aufgestellt, der erst Anfang September bei den Filmfestspielen in Venedig seine Premiere feierte. Maßgeblich federführend für große Teile des Drehbuchs dieser dramatischen Komödie waren die Coen-Brüder, sodass man sich im Vorfeld durchaus auf eine gekonnt amüsante wie gleichzeitig schonungslos konfrontative Grundausrichtung des Films freuen konnte, die im gegebenen Fall ebenfalls mit einer außerordentlichen schauspielerischen Besetzung umgesetzt worden ist.

Angesiedelt in den 1950er-Jahren der USA, spielt Matt Damon den Familienvater Gardner Lodge, der mit seiner Frau Nancy, dargestellt von Juliane Moore, und seinem Sohn Nicky ein normales Mittelstandsleben mit eigenem Haus und gepflegtem Vorgarten in der idealtypischen amerikanischen Vorstadt-Siedlung Suburbicon lebt. Normal heißt in diesem Fall ebenfalls, dass es sich um eine rein weiße Gemeinschaft handelt, und so gibt es gleich zu Beginn des Films an dieser Stelle eine Zäsur, als eine farbige Familie in das Nachbarhaus der Lodges einzieht.

Als Zuschauer wird man auf eine falsche Fährte geführt, wenn man erwartet, dass dieser Einschnitt der Grundstein für die Haupterzählung des Films sein wird. Denn während sich die Proteste gegen den Zuzug der farbigen Familie in der Nachbarschaft vollkommen unabhängig von der Familie Gardner immer höher schaukeln, liegt der eigentliche Fokus der Erzählung auf der inheränten Widersprüchlichkeit und Verlogenheit der Wertegesellschaft des weißen Mittelstandes, die anhand dieser Familie im Detail offengelegt werden soll. Und so spielt sich der substantielle Teil des Dramas letztlich rund um die Gardners ab, während die Proteste vor dem Nachbarhaus rasch in eine Art Nebenstrang in Form kurzer Zwischeneinblendungen verschoben werden.

Der erzählerische Schwerpunkt von Suburbicon ist somit ein Netz von vermeintlicher Bigotterie, Betrug und sogar Mord, dass den Kern des „American way of life“, dargestellt durch eine idealtypische weiße Familie, durchzieht, und dies unbehelligt von der vorherrschenden Gesellschaft. Dieser Erzählstrang wird auf vielfache Weise überzeugend ausgeführt, während das Aufscheinen einer farbigen Familie nur ein Haus weiter und die hierdurch aufziehende Eskalation in der Nachbarschaft bis zum Ende nicht mehr als plakative Kontrastfläche zu den eigentlichen stillen Untiefen dieser Gesellschaft bleibt.

Es ist bedauerlich, wie uninspirierend und holzschnittartig Regisseur und Co-Drehbuchautor Clooney diese beiden Ebenen letztlich in Beziehung zueinander gesetzt hat. Dass dieser Umstand im gegebenen Fall wohl tatsächlich in umfangreichem Maße Clooney selbst zu verdanken ist, wird deutlich, wenn man die Hintergründe der Produktion ein wenig näher betrachtet. So wurde die eigentliche Geschichte von Suburbicon bereits vor mehreren Jahrzehnten durch die Coen-Brüder in einem ersten Drehbuch-Entwurf umrissen. Während bei den Coen-Brüdern jedoch keine farbige Familie neben die Gardners zieht und die Geschichte sich rein um diese eine Familie entfaltet, fügte George Clooney als Co-Autor der Handlung noch einen zweiten Strang hinzu, als er sich 2016 entschloss, den ursprünglichen Entwurf der Coen-Brother aufzugreifen.

Die Handschrift der Coen-Brüder wird im Film anhand vieler Charakter-Entwicklungen mehr als deutlich, stilprägend durch eine stimmige, tiefgehende lakonische wie schonungslose Darstellung der Charaktere und eine oftmals absurd schicksalhafte Konfrontation selbiger. Clooneys Erweiterung des ursprünglichen Entwurfs mit der Eskalation rund im den Einzug der farbigen Familie bleibt jedoch bis zum Schluss stilistisch fremd und will sich nicht auf Augenhöhe mit dem ursprünglichen Part um die Gardners verbinden.

An dieser Stelle muss man aller Kritik zum Trotz George Clooney als Regisseur und auch dem hervorragenden Cast zumindest für die sehenswerte Umsetzung des ursprünglichen Plots gratulieren. Die qualitative Fallhöhe zum selbst hinzugefügten Part ist jedoch so hoch, dass man schlussendlich schlichtweg nicht mehr Willens ist, die Gesamtinszenierung eventuell als elegante Erzählung auf einer Art Meta-Ebene sehen, in der die tiefgehende Inszenierung über die weiße Mittelstandsfamilie der Gardners in einen allgemeinen Rahmen des gesellschaftlichen Rassismus gebettet ist, der immer wieder plakativ aufgezeigt wird. Clooneys Inszenierung wird an dieser Stelle sowohl der zugrundeliegenden Arbeit der Coen-Brüder als auch den sehr gut aufspielenden Darstellern schlichtweg nicht gerecht.

Es ist abschließend somit bedauerlich, dass der qualitativ mögliche Maßstab des Films in großen Teilen einerseits gekonnt in ihm selbst offengelegt wird, jedoch in der Umsetzung letztlich durch den offensichtlichen Regie-Wunsch nach einem großen und vermeintlich eindeutigen moralischen Statement mehr als nötig heruntergezogen wird. Und so trauert man bei Suburbicon am Ende hier einer vergebenen Möglichkeit hinterher wie einem Diamanten, der um seinen letzten Schliff gebracht worden ist.

A Ghost Story

USA 2017, 87 Minuten

Regie: David Lowery; Darsteller: Casey Affleck, Rooney Mara, Will Oldham, Rob Zabrecki, Liz Franke, Sonia Acevedo

Kinostart: 7. Dezember 2017


Suburbicon

USA 2017, 105 Minuten

Regie: George Clooney; Darsteller: Matt Damon, Oscar Isaac, Julianne Moore, Glenn Fleshler, Noah Jupe, Megan Ferguson

Kinostart: 9. November 2017

voraussichtlich: Schauburg (auch in OmdU) u.a.


Beide Filme waren im Rahmen der 17. Filmkunstmesse Leipzig zu sehen.

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