Annette Vogt | Drucken20.02.2017 

„I can do it for my dad“

4. China-Filmtage Leipzig: Der Dokumentarfilm „Inside the Chinese Closet“ wirft einen verstörenden Blick auf sexuelle Minderheiten in China, klärt aber nicht über die Gesetzeslage zum Thema LGBT auf

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Cherry (links) liebt Frauen. Als das öffentlich wurde, wurde ihre Familie, inklusive der Vater (rechts) dauerbeobachtet. (Foto: Konfuzius-Institut Leipzig)

Es weht einem der Mief enger Rollenkonzepte entgegen, in denen Frau und Mann in der Ehe zusammengehören, um Kinder zu kriegen. Rollenkonzepte, die in China wie überall sonst als normal gelten. Damit einher geht die Autorität der Eltern, deren Wertvorstellungen es zu entsprechen gilt. Damit sie selbst sich keinen unangenehmen Fragen stellen müssen und natürlich als Alterssicherung. Denn die Tradition will es so. Von der Akzeptanz ihrer falschen Kinder mal abgesehen. Dieser Mief wird zum penetranten Gestank, wenn ein Psychiater in Sophia Luvaràs Film Inside the Chinese Closet verspricht, die inneren Konflikte zu lösen, die seine Patienten haben vom Wege abkommen lassen. Trans- oder Bisexsexuelle hat die Regisseurin als aktiv Handelnde beiseite gelassen, wenngleich sie im Kontext LGBT, also Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender, Erwähnung finden.

Begleitet wird die Geschichte von Cherry, die Frauen liebt, und Andy, der Männer liebt. Beide sind Anfang 30 und auf der Suche nach einem von der chinesischen Gesellschaft und den Eltern akzeptierten Ehe- und Kinderglück. Beide leben in Shanghai. Cherry ist verheiratet, will sich aber trennen, um danach ein Kind zu adoptieren, mit oder ohne ihre Freundin. Welchen Beruf sie ausübt, bleibt unklar. Ihre Eltern halten sich als Kleinbauern auf dem Land über Wasser. Wenn sie sie besucht und die Kamera dabei ist, muss sie flüstern, um ihre Geschichte zu erzählen. Als herauskam, dass Cherry Frauen liebt, wurde die Familie dauerbeobachtet, erzählt sie. Die Eltern des Vaters wollten Cherry nie besuchen, weil sie nicht der gewünschte Sohn war, erinnert sich später die Mutter. Vor allem ihr als konservativ beschriebener Vater will Cherry ein Kind beschaffen, zur Not illegal aus dem Krankenhaus.

Andy ist Architekt und verdient genug, um sich eine schicke Wohnung mit Blick auf Shanghais Skyline leisten zu können. Er selbst bezeichnet sich als etwas rundlichen „Bär“. Seine Eltern bleiben hinter der Telefonstimme des Vaters verborgen, die auf Lautsprecher geschaltet, leicht verzerrt zu hören ist. Auch hier ist es der Vater, der Andy dazu bringen will, ein Kind zu adoptieren, notfalls per Leihmutterschaft in Thailand und koste es, was es wolle. Auch soll er eine Frau heiraten, am besten eine Lesbe.

Einen Ausweg bieten soll ein arrangierter Heiratsmarkt für LGBT. Cherrys Motivation, mit ihrer Freundin dorthin zu gehen, bleibt unklar, ist sie doch bereits verheiratet. Andy versucht angestrengt, die Angelegenheit möglichst schnell hinter sich zu bringen. Doch als im Gespräch mit der potenziellen Wendy bei der Frage der Kindererziehung klar wird, dass er sich nicht beteiligen wird, ist auch diese Option vom Tisch. In seiner Not fragt Andy sogar die italienische Filmemacherin, ob sie ihn heiraten kann. Während er sich mit dem lethargischen Motto „I can do it for my dad“ abfindet, kommt Cherry für sich zu einem anderen Ergebnis.

Inside the Chinese Closet wirft einen verstörenden Blick auf das Dilemma sexueller Minderheiten in China, deren Lebensentwürfe mit den Rollenvorstellungen der Eltern kollidieren. Sie werden ungewollt vor eine Entscheidung gestellt: die Achtung der Gesellschaft und Verwandten oder ein eingeschränkt selbstbestimmtes Leben. Was hingegen zu kurz kommt, ist der Blick auf die Gesetzeslage zu diesem Thema. Welche Möglichkeiten haben gleichgeschlechtliche Paare zu heiraten oder ein Kind zu adoptieren? Diese Fakten werden den Porträts von Andy und Cherry untergeordnet, ergeben sich aber nicht immer unbedingt aus dem Kontext. Hier wären beispielsweise einordnende Erklärtexte aufschlussreich gewesen.

Inside the Chinese Closet

Niederlande 2015, 72 Minuten

Regie: Sophia Luvara

Der Film lief beim 4. China-Filmfestival Leipzig in der Cinématèque Leipzig.


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