Dennis Osmanovic | Drucken17.09.2017 

Heist ohne Hast

Warum Steven Soderbergh mit „Logan Lucky“ wieder einen Überfall für das Kino inszeniert hat und warum das auch ohne die genre-typische Hektik ganz gut klappt

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Adam Driver und Channing Tatum spielen die Gebrüder Logan. (Foto:Verleih)

Manch einer wird sich vielleicht noch erinnern: Steven Soderbergh, gefeierter Hollywood-Regisseur und Schöpfer der auch ökonomisch erfolgreichen Ocean’s-Trilogie in den 2000er-Jahren, verkündete 2013 öffentlich, dass er keine Filme mehr drehen will. Das war aufsehenerregend, denn der Regisseur, der seine Karriere 1989 mit dem Film Sex, Lügen und Video begründete und mit Filmen wie Out of Sight (1998), Traffic – Die Macht des Kartells (2000) und Erin Brockovich (2000) den Schritt nach Hollywood schaffte, wurde spätestens mit seiner 2001 erschienenen Neuauflage des 1960 erstmals gedrehten Heist-Films Ocean’s Eleven (damals in Besetzung mit unvergleichlichen Größen wie Frank Sinatra, Dean Martin und Sammy Davis Jr.) ein Darling des Hollywood-Kinos, dem er mit zwei Fortsetzungen dieses Erfolgs auch ökonomisch Tribut zollte. Soderbergh drehte wie selbstverständlich mit großen Namen wie George Clooney, Julia Roberts, Matt Damon oder Gwyneth Paltrow, öffnete Channing Tatum mit dem Film Magic Mike 2012 die Türen für dessen spätere Hollywood-Karriere und unterlag auch budgettechnisch scheinbar keinerlei Einschränkungen, wenn man die eindrucksvollen Inszenierungen der Filme Ocean’s Twelve, Ocean’s Thirteen oder auch Solaris und Contagion betrachtet.

Dass dennoch nicht alles eitel Sonnenschein war, wurde bereits in zahlreichen Interviews vor seinem scheinbar endgültigen Entschluss 2013 deutlich: Neben einer zunehmenden Inspirationslosigkeit waren es vor allem auch die gleichzeitigen langwierigen Durchsetzungs-Prozesse im System Hollywood, die ihn zusätzlich ausbremsten. Zu viel Einfluss auf die eigene Werke durch die großen Studios gab es, und zu groß war die Abhängigkeit des Künstlers von ökonomisch geleiteten Interessen selbiger.

Als unmissverständliches Beispiel hierfür kann sicherlich sein 2013 gedrehter Film Liberace – Behind the Candelabra dienen, in dem ein beeindruckend aufspielender Michael Douglas den Pianisten Liberace verkörpert, einen großen amerikanischen Entertainer der 1960er- und 1970er-Jahre, der seine Homosexualität aufgrund der gesellschaftlichen Verhältnisse nicht offen leben durfte. Ursprünglich für das Kino geplant, wurde der Plot von allen großen Hollywood-Studios aufgrund seiner Thematik als ökonomisch unattraktiv zurückgewiesen, so dass die Finanzierung letztlich von HBO Films übernommen wurde, einer Untersparte des großen amerikanischen Fernsehsenders HBO (außerhalb der USA bekannt durch erfolgreiche Serien wie The Sopranos, The Wire und natürlich Game of Thrones).

In Folge konnte der Film nicht an den Oscar-Nominierungen teilnehmen, räumte dafür umso mehr bei seinem US-Fernseh-Pendant, den Emmys, ab, und wurde zu einem weiteren markanten Beispiel für die These, dass das Fernsehen den neuen fruchtbaren Boden für spannende und innovative Film-Produktion darstellt und das Kino hier zunehmend abhängt.

Was waren also die Gründe, die Soderbergh vier Jahre später doch zu einer Rückkehr auf die große Leinwand geführt haben? Es sind zwei Dinge, die im aktuellen Fall von Logan Lucky ins Feld geführt werden können und interessanterweise nicht nur künstlerischer Natur sind, sondern auch technischer.

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Daniel Craig als Gangster Joe Bang mit platinblonder Knastfrisur. (Foto: Verleih)

Eine entscheidende Motivation für die Entstehung des aktuellen Films war für Soderbergh tatsächlich die technologische Entwicklung des Filmwesens, konkret seine Digitalisierung, in den vergangenen Jahren. Durch sie ist es nach Soderbergh grundsätzlich mittlerweile einfacher geworden, die Distribution eigener Filme ohne eine entsprechende Abhängigkeit von großen Studios selbst durchzuführen. Das Geld für Herstellung und Vermarktung des aktuellen Films stammen komplett aus dem Verkauf der internationalen Verleihrechte sowie aller Rechte für den Home-Entertainment-Markt. Logan Lucky ist somit auch als ein Testballon zu verstehen hinsichtlich der Möglichkeit, sich in der Produktion und Distribution von den großen Studios zu lösen und wieder mehr künstlerische Freiheit auch bei größeren Filmprojekten zu wahren.

Der andere und auch für den gemeinen Filmliebhaber erfreuliche Grund ist der Stoff, der Steven Soderbergh nur durch Zufall erreichte. Drehbuch-Autorin Rebbeca Blunt, Freundin von Soderberghs Gattin Jules Asner, hatte sich ursprünglich nur mit der Hoffnung an ihn gewandt, Hilfe bei ihrer Suche nach einem geeigneten Regisseur für ihre Geschichte finden. Für Soderbergh jedoch erschien die Geschichte um zwei Brüder in ärmlichen Verhältnissen, die ihr Leben durch einen Überfall nur wieder in halbwegs geordnete Bahnen lenken wollen, nach Lektüre rasch wie ein natürlicher Verwandter, seiner bekannten Ocean‘s–Reihe, quasi eine Art Südstaaten-Pendant, so dass er sich entschloss, selbst wieder auf dem Regiestuhl Platz zu nehmen. Das Zusammenfallen dieser beiden Gründe beschert dem Zuschauer erfreulicherweise mit Logan Lucky ein Ergebnis, dass aus vielerlei Gründen sehenswert ist.

Die Ausgangslage ist rasch erklärt: Die beiden Logan-Brüder Jimmy und Clyde leben in West Virginia und schlagen sich mehr schlecht als recht durch ihr Leben. Jimmy (Channing Tatum), früher aufstrebender Football-Star an der örtlichen High School, ist seit einer Knieverletzung dazu gezwungen, sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten. Seine Ex-Partnerin Bobby Jo (Katie Holmes) ist mit der gemeinsamen Tochter Sadie bei ihrem neuen Partner heimisch geworden, einem erfolgreichen Autohändler in der Region. Jimmys Bruder Clyde (Adam Driver), der einen Unterarm bei seinem Kriegs-Einsatz im Irak verloren hat, verdingt sich nun als einarmiger Barmann in der örtlichen Kneipe und ist fest überzeugt, dass die Logan-Familie das Unglück gepachtet hat.

Nachdem Jimmy erneut gefeuert wird, seine ehemalige Partnerin samt Kind in einen anderen Bundesstaat ziehen will und er zum wiederholten Mal miterleben muss, wie sein Bruder aufgrund seiner Kriegsverletzung drangsaliert wird, entschließt er sich, das Schicksal wieder selbst in die Hand zu nehmen. Zusammen mit Clyde will er dafür den Charlotte Motor Speedway in North Carolina während eines NASCAR-Rennens ausrauben, wofür er jedoch ebenfalls auf die Hilfe des bekannten Panzerknackers Joe Bang (Daniel Craig) angewiesen ist. Dieser sitzt jedoch problematischerweise noch im Gefängnis, will zu allem Überfluss noch seiner beiden Brüder in den Coup involvieren, und als sich dann noch überraschenderweise das mögliche Einsatzfenster für den Überfall schneller als gedacht schließt, wird klar, dass die Dinge nicht so geregelt laufen können wie Jimmy ursprünglich geplant hat.

Als eine Art Low-Fi-Version des Ocean‘s– Konzepts ist Logan Lucky grundsätzlich von sämtlichen Bling-Bling-Effekten wie horrender zu stehlender Geldbeträge (selbige sind ursprünglich nicht von den Figuren erstrebt und sorgen eher für Unbehagen), einem glitzerndem und funkelndem Setting oder technischen High-Tech-Spielereien befreit und legt somit den Fokus gänzlich auf den hervorragenden Cast. Es ist wenig überraschend, dass Channing Tatum, von Soderbergh ja mit der Rolle des Magic Mike quasi entdeckt, im vorliegenden Film deutlich macht, welche Fähigkeiten er hat wenn er richtig besetzt wird. Es ist die elegante Gratwanderung zwischen der beeindruckenden körperlichen Erscheinung und einer gleichzeitig extrem feinfühligen Sensibilität seiner Umgebung gegenüber, im gegebenen Fall insbesondere hinsichtlich seiner Tochter Sadie, die Tatums Spiel sehenswert machen.

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Auch mal wieder auf der großen Leinwand zu sehen: Katie Holmes. (Foto: Verleih)

Ebenso beeindruckend und doch ganz anders meistert Adam Driver seine Rolle als Jimmy‘s Bruder Clyde. Der strahlt einerseits eine stoische Ruhe aus, welche Driver bereits in Jim Jarmusch´s Film Paterson wunderbar vorgeführt hat. Gleichzeitig changiert die Figur auch immer mit einer möglichen gewissen Naivität, sodass er seinem Charakter einen permanenten Potenzialraum verleiht und die Figur von Clyde nicht verflacht und eindimensional wirkt. Eines der vielen konkreten und absolut sehenswerten Highlights ist übrigens sicherlich der Martini, den Adam Driver aufgrund der gespielten Kriegsverletzung recht früh am Anfang einhändig zubereiten muss (geschüttelt, nicht gerührt).

Daniel Craig spielt furios als Joe Bang auf, und es ist der Wahnsinn, der den platinblond gefärbten Panzerkacker ganz augenscheinlich fest im Griff hat, im Gegensatz zu seinen wunderbar minderbemittelten Brüdern, die nur kurz auftauchen. Umso eindrücklicher wirkt dann ein kurzer Wechsel, der dem gespielten Charakter eine ganz neue Ebene hinzufügt. Es sei an dieser Stelle nur kurz angemerkt, dass es erstaunlich ist, wie viel Einfluss das korrekte Eindrehen einer Tüte mit Gummibären und einigen anderen Dingen scheinbar haben kann. Und Craigs Charakter stellt diese Relevanz beeindruckend überraschend und amüsant dar.

Als letztes konkretes schauspielerisches Highlight muss definitiv die erst elfjährige Farrah Mackenzie mit ihrer Darstellung als Jimmy Logans Tochter Sadie herausgestellt werden. In den wenigen Szenen, in denen sie auftritt, spielt sie gestandene Akteure wie Channing Tatum oder Katie Holmes oftmals schlichtweg an die Wand, und man bedauert schon fast ein wenig, dass ihr nicht mehr Zeit eingeräumt worden ist. Man darf wirklich gespannt sein, wo dieses Talent noch hinführen wird.

All dies nimmt Soderbergh auf und setzt es charmant unaufdringlich in Szene. Vor allem nimmt er recht früh das generelle Tempo aus dem Film, das dem Rhythmus des Heist-Themas ja grundsätzlich so eigen ist, und gibt den Schauspielern außerordentlich viel Zeit, damit sich die Charaktere wie beschrieben entfalten können. Damit stellt er sich auch auf charmante Weise gegen die immanente Rasanz des NASCAR-Rennens, das Ausgangspunkt und zeitweise Rahmen für den Plot darstellt.

Auch wenn einige wenige Wendungen grundsätzlich doch ein wenig gezwungen inszeniert wirken und auch dem vorliegenden Drehbuch zuzuordnen sind (so wirkt die Befreiung von Joe Bang aus dem Gefängnis in der gegebenen Form doch arg gewollt), so charmant und sorgsam inszeniert Soderbergh doch insgesamt den ganzen Rest und fügt ihm kurz nach der Hälfte noch ein weiteres überraschendes Element hinzu, das die Geschichte noch über den eigentlichen Coup hinaus begleiten soll. Und wenn dann am Ende des Films noch einmal alle Charaktere Soderbergh-typisch zusammenkommen, sind diesmal nicht alle Teil des eigentlichen Teams, und es stellt sich die Frage, ob Clyde mit seiner anfänglichen These des loganschen Fluchs vielleicht nicht doch ganz unrecht hatte.

Soderbergh ist somit mit Logan Lucky erfreulicherweise eine sehenswerte Rückkehr ins Kino gelungen. Mit einem Film, der zwar grundsätzlich in der Heist-Tradition sein mag, dem die Entschlackung von einigen Elementen der Ocean‘s–Reihe aber sichtlich gut getan hat. Damit wird er am Ende vielleicht nicht den Geschmack des ganz breiten Publikums treffen, aber es bleibt dem Film zu wünschen, dass dennoch noch genügend andere Zuschauer ihren Weg ins Kino finden werden. Und damit ebenfalls beweisen, dass das Kino auch in der heutigen Zeit noch ein Ort sein kann, für den sich das beharrliche Einstehen auf künstlerische Freiheit lohnt.

Zum Abschluss sei allen Interessierten ans Herz gelegt, den Film wenn möglich in Orginalfassung mit oder ohne Untertitel zu sehen. Die Leistung der Schauspieler ist in diesem Fall nicht nur sehens-, sondern auch hörenswert. Dankenswerterweise bieten mittlerweile auch einige Leipziger Häuser die Möglichkeit an, größere aktuelle Produktionen zeitnah zum Bundesstart sehen zu können. So läuft der Film beispielsweise momentan täglich in den Passage-Kinos und an ausgewählten Tagen im Cinestar und im Cineplex.

Logan Lucky

USA 2017, 119 Minuten

Regie: Steven Soderbergh; Darsteller: Katherine Waterston, Adam Driver, Daniel Craig, Channing Tatum, Katie Holmes

Kinostart: 14.09.2017


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