Nora Tüngler | Drucken06.09.2019 

Vorsicht bei der Gruppenwahl

Ari Aster bringt uns mit seinem neuen Film „Midsommar“ nach seinem tiefgehenden Debüt „Hereditary“ erneut von der schönen, neuen, modernen in eine hässliche, alte, okkulte Welt

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Diese freundlichen Gesichter werden doch keiner Fliege etwas zuleide tun. Oder doch? (Foto: Ascot Elite Entertainment Group)

Es geht um unvorstellbares Leid, das Überleben in Ausnahmesituationen und am Ende ums Überleben der Individualität in einem Kult, in dem eine solche nicht vorgesehen ist. Als Zuschauer darf man sich nicht eine Sekunde sicher fühlen. Die außerordentlich schockierenden Inhalte, Bilder und Geräusche lauern hinter jeder Ecke, und auf keine Illusion ist mehr Verlass. Zwei Welten krachen ungebremst aufeinander.

Im Kern der Kollision steht eine verlorene Seele namens Dani (Florence Pugh, Lady Macbeth), der in der modernen Welt alles Stück für Stück abhanden kommt. Ihre Realität inkludiert. Ihre Beziehung zu Christian (Jack Reynor, Die Macht des Bösen) leidet immens unter ihrem Schicksal. Christian fühlt sich verantwortlich für ihr Wohlbefinden und versucht für die gebeutelte Dani da zu sein. Sein Freundeskreis sieht die Beziehung kritisch, sein Freund Josh (Will Poulter, Black Mirror – Bandersnatch) möchte von der Freundin schon gar nichts mehr hören. Lautstark beschwert er sich über ihr Verhalten und den Raum, den sie in der Beziehung einnimmt.

Auf einer Party erfährt Dani, dass die Freunde einen Trip nach Norwegen planen. Der sensible, charismatische und mitfühlende Pelle (Vilhelm Blomgren Gösta) aus der Clique wurde in einer naturnahen Kommune in Norwegen geboren. In dieser Kommune steht ein großes, traditionelles Midsommar-Fest bevor, zu dem er die Freunde alle herzlich einlädt. Für Mark (William Jackson Harper, Paterson) ist das eine tolle Gelegenheit. Er möchte über solche einzigartigen Kommunen, das Leben dort und die Rituale eine Doktorarbeit schreiben.

Christian lädt Dani aus Pflichtbewusstsein und wohl auch wegen Schuldgefühlen ein, mitzukommen. Er versichert seiner Clique, dass sie niemals wirklich mitkommen wird. Pelle ändert das, er wendet sich Dani intensiv zu, spricht ihr sein tiefes Mitleid aus, und dass ihr die Festivitäten der Kommune sicher gut tun würden. Die vollständige Gruppe fliegt also nach Norwegen. Hier erwarten sie wundersame Rituale, bewusstseinserweiternde Substanzen und verzauberte Menschen in einer verzauberten Umgebung, die in einer seltenen Harmonie mit ihrer Umgebung leben.

Ohne große Vorsicht lässt sich die Clique auf das nun Folgende ein. Die Rituale, die anfangs noch spielerisch und offen wirken, werden zusehends dunkler und bedrohlicher. Seltsamerweise fühlen sich die einzelnen Charaktere in Sicherheit. Abgelenkt vom Konkurrenzkampf, vom Ehrgeiz, der faszinierenden Gemeinschaft, den bewusstseinsverändernden Mittelchen sowie der verführerischen Mitglieder werden allesamt in einer Illusion gefangengehalten. Keiner bis auf sehr wenige Ausnahmen scheinen eine reale Gefahr für möglich zu halten.

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Dani (Florence Pugh, links) und ihre Freunde sind zunächst fasziniert von der kultischen Gemeinschaft (Foto: Ascot Elite Entertainment Group).

Weitere effiziente Methoden kultähnlicher Gruppen, Religionen etc. finden sich im Film wieder. Die Besucher werden so gut wie möglich isoliert, das Trauma einer Person wird genutzt, um sie tief zu berühren und die Gruppe als Lösung anzubieten, und natürlich wird auch uneingeschränkter Respekt und Akzeptanz der Rituale und der Lehren gefordert. Der Wille der Gruppe steht über den Zielen und den Absichten der Fremden.

Die Schauspieler sind alle sehr überzeugend, der Kulturschock, die Naivität der Besucher, der Konkurrenzkampf in der Clique, die anstrengende Liebesbeziehung, alles wird sehr überzeugend rübergebracht. Der Kult in seiner selbstgewählten Isolation und mit seiner zunächst unsichtbaren, selbstverständlichen Hierarchie ist so spannend inszeniert, dass man bis zum Schluss ungläubig und doch fasziniert auf das sich auffächernde, grausame Midsommar-Ritual schaut.

Man müsste den Film ständig anhalten, um jedes Detail an den Wänden, im Hintergrund und auch in den Dialogen wirklich zusammenzubringen. Und doch lenkt die optische und akustische Komposition nicht vom Inhalt ab. Sie rahmt eine üble Geschichte sehr treffend ein.

Midsommar

Spanien/USA 2019, 147 Minuten

Regie: Ari Aster; Darsteller: Florence Pugh, Jack Reynor, Will Poulter, William Jackson Harper, Liv Mjönes, Björn Andrésen

Kinostart: 26.09.2019

Vor Kinostart am Montag, 9.9.2019 in den Passage Kinos "Freaky Monday - Filme NICHT für Jedermann", 21:00 Uhr, OmU


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