Nora Tüngler | Drucken12.08.2019 

Grausames Paradies

Die Regisseurin Alice Waddington hat in ihrem ersten Langfilm „Paradise Hills“ optisch eine beeindruckende und doch beklemmende Welt erschaffen

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Mithilfe von Spiegeln und Provokationen studiert die Herzogin (Milla Jovovich, links) das Verhalten ihrer unfreiwilligen „Patientinnen“ (Foto: Film & TV House)

Die Kulissen und Kostüme sind pompös, mit vielen Details und Symbolen gespickt. Es wirkt alles sehr bedeutungsschwanger. Die Botschaft ist wohl: „Nur weil etwas schön und bedeutungsvoll aussieht, ist es lange nicht perfekt. Nur weil etwas Paradies heißt, ist es lange noch kein Paradies für jeden. Vielleicht passt du einfach nicht hinein.“

Der Film beginnt mit einer Hochzeit offensichtlich extrem wohlhabender Leute in einem fantastisch, goldenen Festsaal. Die Braut Uma (Emma Roberts, Who we are now) singt ein Lied ihrer Opfer für die Liebe. Alle anwesenden Gäste sind sichtbar voller Erwartung, und der Ehemann (Arnaud Valois, 120 BPM) lächelt grausam auf seine fügsame Braut herab. Nicht nur der besondere Schleier der Braut deutet auf eine unfreiwillige Hochzeit hin. An den Türen stehen fast unsichtbare Wächter.

2 Monate früher wachen wir gemeinsam mit Uma in einer anderen fantastisch dekadenten Kulisse auf. Hier gibt es auch Wächter, verkleidet als Bedienstete. Die Einrichtung namens „Paradise Hills“ erstreckt sich als riesige Villa auf einer kleinen, felsigen Insel. Uma soll geholfen werden, den Mann zu heiraten, den ihre Mutter für sie ausgewählt hat. Diese Hochzeit ist nötig, um den Reichtum und die Macht ihrer Familie auszuweiten.

In „Paradise Hills“ wird ein Produkt verkauft: Es ist möglich, seine geliebten oder auch nicht geliebten Nächsten in eine vermeintlich perfekte Variante ihrer Selbst zu korrigieren. Diese Persönlichkeit wird in einer Art nicht enden wollenden Vorbereitung für Debütantinnen (Yoga, Kosmetik, Diät, Gehirnwäsche etc.) geformt. In zahlreich vorhandenen Spiegeln können sie ihren eigenen Wandel ständig beobachten und zelebrieren.

Das erfolgreiche Unternehmen ist in strenger Hand der Herzogin (Milla Jovovich, Das Fünfte Element). Sie beherrscht nicht nur die Insel, sondern mit ihren intensiven Auftritten auch jede Szene und jede Person in Reichweite. Die Herzogin wirkt mit ihren geheimnisvollen Mächten ihrer Gegenspielerin Uma weit überlegen.

Uma wehrt sich, sie versucht von der Insel zu fliehen. Mit ihren beiden Zimmergenossinnen Chloe (Danielle Macdonald, Dumplin') und Yu (Akwafina, Oceans 8) sowie einer neu gewonnenen Freundin Amarna (Eiza Gonzaléz, She`s missing) tut sich Uma zusammen. Die vier unterschiedlichen Charaktere formen ein Team wie Feuer, Wasser, Erde und Luft. Gemeinsam erleben sie gefährliche Abenteuer und haben meist auch großen Spaß dabei.

Alle vier jungen Frauen sind es gewöhnt, von vorne bis hinten bedient zu werden. Diese Behandlung nehmen sie gleichmütig hin, essen und trinken, was ihnen vorgesetzt wird. Alle gehören seit Geburt oder einiger Zeit der oberen Klasse der Gesellschaft an. Eine zweidimensionale Gesellschaft, in der es nur sehr arme oder sehr reiche Leute zu geben scheint. Was es wirklich bedeutet in der unteren Klasse zu leben oder was für ein Spiel hinter der gesellschaftlichen Ordnung steckt, wird nur sehr grob angedeutet.

Die Maske des eigentlichen Paradieses, in dem die reichen Mädels leben, wird bis zum Schluss nicht heruntergezogen. Schade eigentlich, teilweise gibt es genug Spannungspotenzial, um tiefer in die eigentlichen Probleme der geschaffenen Welt einzusteigen. Der Film bleibt oberflächlich, wie das, was wohl vermeintlich kritisiert werden soll. Immer wenn es interessant wird, wird hektisch drüber hinweg gegangen und das Schicksal von Uma kurzatmig vorgeschoben.

Die Schauspielerinnen überzeugen süß und puppenhaft. Die männlichen Kollegen wirken etwas einseitig und verloren in ihren Rollen. Milla Jovovich glänzt und stiehlt mit ihren viel zu seltenen Auftritten allen die Show.

Insgesamt bleibt der Film trotz des gewissen Potenzials sowie der einen oder anderen interessanten Wendung etwas trocken und fad. Der Fokus liegt ganz klar auf der Optik und weniger auf dem Inhalt. Das ist so strange, denn gerade der Fokus der Gesellschaft auf den äußeren Schein soll ja kritisiert werden. Vielleicht sollte man schön, reich und gelangweilt sein, damit die Story einen am Ende wirklich schockiert. Mir persönlich gefällt es jedoch besser, den Kinosaal etwas unbeeindruckt verlassen zu haben.

Paradise Hills

Spanien, USA 2019

Regie: Alice Waddington, Darsteller: Emma Roberts, Eiza Gonzaléz, Danielle Macdonald, Akwafina und Milla Jovovich

Kinostart: 29.08.2019


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