Elisabeth Hauck | Drucken25.02.2016 

„Die Unbestechlichen“ lassen grüßen

Tom McCarthy hat mit „Spotlight“ ein stimmiges Enthüllungsdrama alter Schule geschaffen

In „Spotlight“ lassen Journalisten des „Boston Globe“ (v. li. Michael Keaton, Liev Schreiber, Mark Ruffalo, Rachel McAdams, John Slattery und Brian d'Arcy James) Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche auffliegen. Foto: Praesens Film AG

Die erste Szene, Boston 1976: Auf einer Polizeistation sitzt eine Familie, die Kinder spielen in einem Raum, nur die Gesichter der Eltern sehen merkwürdig verstört aus. In einem anderen Raum ein Priester – wir bekommen ihn aber nicht zu Gesicht. Ein Anwalt verhandelt mit der Familie. Am Ende wird der Priester auf freien Fuß kommen, und auch die Presse wird von dem ganzen „Zwischenfall“ nichts mitbekommen. Die Sache ist erledigt.

Boston 2001. „The Boston Globe“, in der Redaktion der renommierten Tageszeitung aus Massachusetts stehen Veränderungen an. Ein neuer Chefredakteur nimmt die Arbeit auf, und alle sind gespannt, wie Marty Baron (Liev Schreiber) die Zeitung zukünftig führen wird. Das Team um Walter Robinson (Michael Keaton) lässt sich davon eher weniger beeindrucken. Sein „Spotlight“-Team arbeitet sowieso ein bisschen anders als der Rest der Zeitung. Die insgesamt fünf Journalisten sind für investigative Geschichten zuständig, sie sind lange Recherche-Phasen gewöhnt und haben in der Regel viel Freiraum zum Arbeiten.

Nachdem Marty Baron im Globe selbst einen Artikel über sexuell missbrauchte Kinder innerhalb der katholischen Kirche liest, erteilt er dem Spotlight-Team den Auftrag, dazu intensiver zu recherchieren. Peu à peu findet das Team nun heraus, dass nicht nur die Kirche, sondern auch das Rechtssystem jahrzehntelang Missbrauchsfälle vertuscht hat. Es verschwinden plötzlich Rechtsakten oder sie sind gar nicht erst zugänglich, redewillige Opfer sind schwer zu finden und die Repräsentanten der katholischen Kirche drohen den Journalisten. Das System aus Vertuschung und Schweigen ist eng gestrickt.

Der Film begleitet diese Arbeit minutiös, zeigt die kleinen Erfolgserlebnisse und Rückschläge (zum Beispiel eine längere Arbeitspause nach 9/11, als plötzlich andere Themen in den Vordergrund drängen) in der Recherche. Dies könnte in einem schlechter gemachten Film zu Langeweile führen. Doch Spotlight ist ein clever inszenierter Film, der die Spannung über die zwei Stunden locker aufrecht hält und das Interesse des Zuschauers mit neuen Kniffen immer wieder neu entzündet. Dabei helfen Regisseur Tom McCarthy nicht nur die Ungeheuerlichkeit der Enthüllungen, sondern auch sein großartig aufspielendes Ensemble um Michael Keaton. Rachel McAdams als einzige Frau im Team fällt dabei besonders ins Auge. Die Schauspielerin hat schon in der zweiten Staffel von True Detective bewiesen, dass sie in solch vermeintlich unglamourösen Rollen unheimlich glänzen kann.

Spotlight ist ein klassisch inszenierter Film, der formal die alte Schule aufleben lässt. Man fühlt sich immer wieder stark an andere große Journalisten-Filme wie All the President’s Men (Die Unbestechlichen, 1976) erinnert. Der Film strahlt Ruhe aus (es gibt keine rasanten Schnitte oder überdramatischen Momente), und der Fokus ist ganz auf das Spotlight-Team gelegt. Es gibt abseits vom Team und den Enthüllungen keine Nebenschauplätze. Private und persönliche Episoden, die so oft solche Filme „verzieren“, finden sich glücklicherweise nicht. Schwer wiegen hingegen die Wörter, gedruckt, aber auch gesprochen. Damit zelebriert McCarthy gleichzeitig eine Form des Journalismus, die es heutzutage zunehmend schwerer hat. In Spotlight wird das Internet nur am Rande erwähnt, und die Figuren laufen noch mit Notizblöcken herum und wühlen in Hängeregistraturen. Diese „So war es einmal und ach, war das schön“-Haltung findet ihren Gipfel am Ende, wenn wir genregerecht Druckerpressen rattern sehen und die Auslieferung der Zeitung verfolgen, die DIE Enthüllung enthält.

Dieses Schlusspathos stört etwas, doch Spotlight bleibt ein sehenswerter Film, der bei vielen Filmkritikern unter den zehn besten Filmen von 2015 zu finden ist und ja, auch sechs Nominierungen bei den diesjährigen Academy Awards verzeichnen kann. Verdientermaßen!

Spotlight

USA/Kanada 2015, 128 Minuten

Regie: Tom McCarthy; Darsteller: Michael Keaton, Rachel McAdams, Mark Ruffalo, John Slattery, Liev Schreiber, Brian d'Arcy James

Kinostart: 25. Februar 2015


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