Fabian Stiepert, Elisabeth Hauck | Drucken27.01.2016 

Treffen sich zwei Kopfgeldjäger im Schnee

Ein Film, zwei Meinungen: Scheitert „The Hateful 8“ an seiner Länge oder ist Quentin Tarantinos Neuling ein geniales Kammerspiel?

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Zwei Kopfgeldjäger, die nur der Beruf verbindet: Kurt Russell als John Ruth (links) und Samuel L. Jackson als Major Marquis Warren. (Fotos: Ascot Elite)


Kontra – von Elisabeth Hauck

Quentin Tarantino ist ein Meister seines Fachs. Spätestens seit 1994 hat der Regisseur mit Pulp Fiction eine kontinuierlich wachsende Fangemeinde. Pointierte Dialoge und die Liebe zum Genrekino sind nur einige Markenzeichen seiner Arbeit. Seine Filme haben ihm mittlerweile auch schon einen Stern auf dem WalkofFame in Hollywood (Enthüllung Ende Dezember 2015) und andere Ehren eingebracht. Mit The Hateful 8 liegt nun das achte Werk des Filmemachers vor.

Die Erwartungen waren recht hoch, nachdem das Drehbuch schon 2013 an die Öffentlichkeit gelangte und das Projekt beinahe in die ewigen Jagdgründe der Filmgeschichte einging. Letztlich drehte Tarantino den Film dann doch und scheute dabei keine Mühen. Nicht nur ließ er an Original-Schauplätzen in bitterkalten Schneelandschaften drehen. Hinzu kam die Verwendung von seit 50 Jahren nicht mehr verwendeter Filmtechnik: Ultra Panavision 70mm-Linsen. Auch die Vorführung des Films soll idealerweise mit 70mm-Projektoren erfolgen (auf Film, in extrabreiten Seitenverhältnis von 2,76:1), was in Zeiten durchdigitalisierter Kinos doch eine kleine Herausforderung an die Fans stellt (in Deutschland gibt es nur noch vier Spielorte, Leipzig ist nicht dabei!*). Für die ideale Vorführung legte sich Tarantino auch schon mal mit Disney an. Ist nun aber diese ganze Aufregung um den Film gerechtfertigt?

Schon beim Titel wird auf den Western-Klassiker Die glorreichen Sieben von John Sturges verwiesen. Und auch das Figurenensemble ist eine klare Reminiszenz an bekannte Western-Archetypen: Da ist der knallharte und prinzipientreue Kopfgeldjäger John Ruth (Kurt Russell), der dafür berüchtigt ist, seine Beute immer lebendig abzuliefern, um sie am Galgen baumeln zu sehen. Als Gegenpart wird ihm der Kopfgeldjäger Major Marquis Warren (Samuel L. Jackson) zur Seite gestellt, der einen zweifelhaften Ruf im Bürgerkrieg erlangte. Weiterhin ein eher verweichlicht wirkender Typ, der behauptet, der neue Sheriff von Red Rock zu sein (Walton Goggins) und auch die gefährliche Gangsterbraut Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh), die Ruth zum Galgen bringen will. Ein Blizzard zwingt diese doch unterschiedlichen Figuren Unterschlupf bei Minnies Miederwarengeschäft zu suchen, wo schon ein zweifelhafter Mexikaner, der Henker von Red Rock (Tim Roth), ein Viehbauer auf dem Weg zur Mama (Michael Madsen) und ein ehemaliger Südstaaten-General (Bruce Dern) ihre Hände am Feuer wärmen.

Wie zu erwarten war, ist dabei nicht jeder das, was er vorgibt zu sein oder verfolgt ganz eigene Ziele. Das muss früher oder später zu Auseinandersetzungen führen. Diese sind auch gewohnt launig umgesetzt und lassen das Tarantino-Fanherz höherschlagen.

Allerdings gestaltet sich der Beginn als etwas zäh. Bevor überhaupt irgendwas passiert, lässt Tarantino seine Figuren erstmal ihr Terrain abstecken. Nur allein die Fahrt mit der Kutsche durch elendige Schneelandschaften dauert eine halbe Stunde. Klar, in dieser Zeit werden vier wichtige Figuren eingeführt, aber man merkt auch deutlich,wie Tarantino diese Exposition zelebriert. Die wortreiche Annäherung der Figuren ist im Verlauf durchaus unterhaltsam. Besonders Samuel L. Jacksons Spiel und Tarantinos Dialoge sind wie füreinander gemacht. Das macht wahrlich einfach Spaß! Aber 100 Minuten dieses fast kammerspielartigen Wortgefechts fühlen sich dann zuweilen eher wie eine Tour de Force an, die es durchzuhalten gilt.

Gott sei Dank winkt dann endlich die Belohnung und es geht zur Sache. Der Genremix aus Wer hat’s getan-Suspense, Western und Post-Bürgerkriegsdrama geht vollends auf. Die Protagonisten schenken sich bei Tarantino bekanntlich nichts, es wird ordentlich ausgeteilt. Ennio Morricones Musik gibt dem Ganzen die nötige Würde und Schwere und wurde verdientermaßen für einen Oscar nominiert. Alles in allem ist The Hateful 8 solide Arbeit des Kultregisseurs, bleibt aber deutlich hinter dem eigenen Western Django Unchained zurück und kann nicht über die ganzen 167 Minuten begeistern. Tarantino- und Western-Fans werden sicherlich trotzdem ihren Spaß haben, aber eigentlich sollte man sich lieber nochmal Die glorreichen Sieben anschauen.

* Städte mit 70mm-Projektor-Vorführungen: Essen, Hamburg, Karlsruhe, Berlin


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Schräge Frauenpower verkörpert Jennifer Jason Leigh als Daisy Domergue.


Pro – von Fabian Stiepert

Schnee, Schnee, nichts als Schnee, und das für satte drei Stunden. Was hat sich Quentin Tarantino bloß dabei gedacht, einen Film zu drehen, in dem ein so ungemütliches Wetter herrscht? Wir sind doch Western gewohnt, in denen sich zwei Pistoleros beim Showdown in gleißender Sonne gegenüberstehen und vorm Zücken der Waffe noch nebenher lässig die Kautabakreste auf den sandigen Boden spucken. Kaum eines dieser innig geliebten Klischees finden wir in The Hateful 8 wieder, und das ist auch gut so.

Aber bleiben wir noch kurz beim Wetter, ohne das der Film nicht wäre, was er ist. Nach wunderschön im Breitbild abfotografierten Winter-Berglandschaften drängt sich direkt zu Anfang ein symbolstarkes Bild auf. Man sieht ein aus Holz gefertigtes Jesus-Kreuz auf der Spitze eines Canyons. Man ist als Zuschauer etwas erstaunt, denn religiöse Symbolik ist in Tarantino-Filmen noch nie großartig vertreten gewesen. Aber was macht der Schnee bloß mit der heiligen Insignie? Der nicht zu rieseln aufhören wollende Schnee legt sich auf dem Kopf Jesu so nieder, dass er glatt optisch so wirkt wie ein weißer, spitzer Dreieckshut. Ob das nun von Drehbuchschreiber und Regisseur Tarantino so beabsichtigt war, dass unser aller Erlöser wie ein Mitglied des Kuklux-Clan aussehen soll, das sei mal dahingestellt. Als gleich am Anfang nebenbei eingeworfene Metapher in einem Film, der sich mehr oder weniger subtil auch mit Rassismus auseinander setzt, ist das ein sehr starkes Bild, das einen direkt für den Film einnimmt.

Was nach dieser Vorspann-Sequenz und der genüsslich als Hahnenkampf zweier mürrischer Kopfgeldjäger inszenierten Kutschfahrt kommt, ist ein Kammerspiel, wie es noch keines in der Geschichte des Kinos gegeben hat, und auch zu dieser Einzigartigkeit leistet das Wetter seinen Beitrag. Der Blizzard, der alle hasserfüllten Acht in eine beschauliche Hütte treibt, pfeift und tost so konsequent und bedrohlich, dass man sich als Zuschauer sicher sein kann, dass es für keinen einen Ausweg aus dem Elend über eine Flucht nach draußen geben kann. Somit wird The Hateful 8zum ersten Tarantino-Film, bei dem das Sounddesign einen maßgeblichen Beitrag zur Stimmung und Wirkung des Films beiträgt. Nicht, dass das vorher eine Schwäche des Regisseurs gewesen wäre, aber hier fällt dieser oft wenig beachtete Aspekt erstmals derart überpositiv auf. Und wo wir schon beim Sound sind: Ennio Morricones eigens für diesen Film komponierter Score ist ein Hochgenuss!

Abseits des rein optischen Handwerks ist dieser Tarantino der bislang außergewöhnlichste. Die Gewalt ist nicht mehr stilisiert selbstzweckhaft zur Unterhaltung da, sondern eine bitterböse, gnadenlos blutige Unterstreichung der im Film ausführlich geschilderten, absurden Kammerspielsituation. Dass man zwei literweise Blut kotzende Cowboys wirklich ernst nehmen soll, das kann einem trotz aller Fetischisierung, die Tarantino mit der Gewalt in allen seinen Filmen durchexerziert hat, keiner erzählen.

Aber wie verhandelt der Film denn nun das Thema Rassismus? Für Tarantinos Verhältnisse fast schon subtil, wie man zweifelsohne eingestehen muss. Samuel L. Jackson spielt den Kopfgeldjäger Marquis Warren mit einer derart unvergleichlichen Chuzpe, dass man gar nicht anders kann, als auf seiner Seite zu stehen. Der für Jackson maßgeschneiderte Drehbuchtext lässt ihn zum Meister der Provokation werden, der weiß, wann man das richtige sagt und genauso gut weiß, wann es zu schweigen gilt. Diese Durchtriebenheit, die auch gleichzeitig das Indiz für Wallaces Überlegenheit ist, bringt das Blut aller, die mit ihm in der Berghütte eingeschlossen sind, bis aufs äußerste zum Kochen. Nur der verschlagene Sheriff Chris Mannix (Walton Goggins) verbrüdert sich klugerweise mit dem von allen nur als „Nigger“ verspotteten Einzelgänger. Dass die schwelenden Konflikte in diesem Film trotz dieses klugen Schachzugs nicht weniger blutig gelöst werden können, versteht sich in Tarantinos Welt von allein.

Ja, man kannThe Hateful 8 quälend überlang und die fehlende Raffung vieler Szenen als Arroganz Tarantinos empfinden. Wer sich aber in die winterliche Sprödigkeit dieses Westerns fallen lassen kann, der wird sich in einer Welt wiederfinden, die von ihren Protagonisten fast in Echtzeit zerstört wird. Nach sehr langer Zeit verlässt sich Tarantino nämlich endlich mal wieder auf sein Talent als Geschichtenerzähler und legt weder einen sympathisch hirnbefreiten Partyfilm (Death Proof) oder eine mit Historie überladene Rache-Posse (IngloriousBasterds, Django Unchained) hin. Stattdessen nimmt er sich der klischeeverseuchten Welt des Westerns an und denkt das Genre neu. Eine beachtliche Leistung, für die man ihm nicht das Prädikat eines Meisterwerks verleihen muss. Aber zumindest reichlich Bewunderung muss man sich dafür eingestehen.

The Hateful 8

USA 2015, 167 Minuten

Regie: Quentin Tarantino; Darsteller: Samuel L. Jackson, Kurt Russell, Jennifer Jason Leigh, Tim Roth, Bruce Dern, Channing Tatum u.a.

Kinostart: 28. Januar 2015

Original-Trailer in Englisch

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