Maria Preußner | Drucken27.02.2012 

Ausflug in die Beständigkeit

Charlize Theron mimt in Jason Reitmans neuen Film „Young Adult“ überzeugend eine zerbrechlich-depressive Enddreißigerin, die sich vom Leben holen will, was ihr zusteht

Charlize Theron (Bilder: Verleih)

Nach einem dahinplätschernden Streifzug ins Belanglose mit Up in the air ist Jason Reitman mit einem wendungsreichen Film zurück. Reitman (Regie) und Diablo Cody (Drehbuch), die in der Komödie Juno eine schlagfertige 15-Jährige souverän eine Geburt haben meistern lassen, bewähren sich in ihrem neuen Film Young Adult erneut als Winning Team. War die Hauptfigur in Juno überlegener als ihr Alter vermuten ließ, ist es in Young Adult umgekehrt. Der Titel nämlich bezeichnet nicht nur die Zielgruppe, für die Protagonistin Mavis Gary (Charlize Theron) als Ghostwriterin seichte Gefühle in Fortsetzungsromane packt, sondern auch den Dauerzustand, in dem sich die 37-Jährige zu befinden scheint. Doch Mavis soll man noch kennenlernen.

Verkatert zieht die schöne Blonde nach einer versoffenen Nacht ihre festgesaugten Gummi-Brustaufsätze ab, denn die letzte Ausgabe des Romans muss vor der endgültigen Einstellung der Buchreihe fertiggestellt werden – ohne Fortschritte. Die Wohnung ein Chaos, ihr Gefühlsleben auch. Frisch geschieden trifft sie die Nachricht von der Vaterschaft ihrer Jugendbeziehung Buddy Slade äußerst hart. Sie setzt sich in den Kopf, den Verflossenen aus den Fängen von Familie und Vorstadtidyll zurückzuerobern. Ihren One-Night-Stand im Bett zurücklassend, packt Mavis in Jogginghose und Hello-Kitty-Shirt ihre Kassetten aus der College-Zeit ein und fährt in ihre Heimatstadt. Mit dabei die Verachtung von einer, die sich vormacht, es in der großen Stadt geschafft zu haben. Obwohl Buddy mit seiner jungen Familie zufrieden wirkt, setzt Mavis ihre Scheuklappen auf und stolziert auf High Heels zwischen Holzfällerhemden umher – immer Buddy Slade nach. Dass einige der Zuhausegebliebenen doch ganz glücklich wirken und nicht in das Klischee der Hinterwäldler passen, ignoriert Mavis eiskalt. Seelisch begleitet wird sie vom einstigen Außenseiter der Schule, der nicht nur deren Trinkkumpane wird, sondern auch ein Vertrauter, der sie mehr und mehr von ihren Plänen abzubringen versucht.

Regisseur Jason Reitman

Was zu Beginn als wenig neuer Trash-Klamauk daherkommt, entpuppt sich bald als feinfühliger Wechsel zwischen bissiger Komödie und tiefgehendem Drama. Mavis, die sich auch in der Kleinstadt von ihrer eigenen Außergewöhnlichkeit überzeugen muss, ist instabiler und verletzbarer, als ihre große Klappe vermuten lässt. Deren vorgespielte Überlegenheit kippt dabei immer mehr ins Peinliche. Die Großstädterin entwickelt sich hin zu einer, die gänzlich ihren Stolz verliert und es nicht scheut, sich seelisch zu entblößen. So erinnert sie Buddy während eines Konzerts seiner Frau, die mit weiteren jungen Müttern in einer Rockband spielt, was die beiden Exgeliebten zu jenem Lied schon miteinander im Bett getrieben haben – während Buddys Frau ihrem Mann gerade genau diesen Song widmet. Solche Mitleid erregende Handlungen lenken den Blick auf die fragile seelische Verfasstheit von Mavis, die sich wie eine Getriebene zu fragen scheint, wie man um Himmels Willen im Leben glücklich werden kann und wo man Halt erwarten darf. Dass Mavis einem Mann hinterherrennt, der von ihr verschiedener kaum sein könnte, ist kein Manko des Drehbuchs. Buddy dient Mavis als Projektionsfläche für ein Leben, gegen das sie sich einst entschieden hat und nun in einer wilden Raserei für sich passend zu machen versucht.

Die Wechsel zwischen komödiantischen und tragischen Momenten werden von einer großartigen Charlize Theron getragen, die eine verrucht-arrogante wie zerbrechlich-depressive Enddreißigerin gibt und schließlich einen Nervenzusammenbruch hinlegt, der hängen bleibt. Dabei ist die Figur der Mavis nicht einfach die der Verirrten. Ihre Suche nach einem passenden Lebensentwurf stößt sich an der Beherrschtheit ihrer Umgebung. Mavis’ Exaltiertheit nimmt auch deswegen selbstzerstörerische Kräfte an, weil viele andere gekonnt weghören. Als sie den Eltern etwa von ihrer Sorge erzählt, Alkoholikerin zu sein, wird dies durch ein irritiertes Lächeln überdeckt.

Reitman hält den Film trotz vieler Wendungen und in allen seinen Nuancen zusammen. Scharfer Sarkasmus wie nachdenkliche Töne bleiben stets in unterschiedlicher Gewichtung bestehen. Dank eines intelligenten Drehbuchs wird der Verlauf des Films differenziert erzählt, in welchem Gegensätze von Stadt- und Landbewohnern und deren Lebensläufe nicht in gängigen Klischees oder dem genauen Gegenteil aufgehen. Young Adult schafft es bis zum Schluss, Momente der Irritation in ihrer Mehrdeutigkeit bestehen zu lassen und ist beeindruckend unmoralisch. Ein unkonventioneller Film – genau wie seine Protagonistin.

Young Adult

USA 2011

R: Jason Reitman; Darsteller: Charlize Theron, Patrick Wilson, Patton Oswalt, Elizabeth Reaser

Kinostart: 23. Februar 2012


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