Elmar Kühn | Drucken21.11.2012 

Nichts als Verwirrung

Rome Castellucci brennt sich mit „Sul concetto di volto nel figlio di Dio“ ins Gedächtnis ein – ein Rückblick auf die Euro-Scene im Jugend-Almanach

Socìetas Raffaello Sanzio (Fotos: Klaus Lefebvre)

Als man die Peterskirsche betritt, sticht sofort ein riesiges Jesus-Gemälde ins Auge. Davor ein weißer Raum, indem links eine Fernsehecke, in der Mitte ein Esstisch und rechts ein Bett steht. Zwei Männer, schwarz gekleidet, hieven einen alten, gewindelten Mann auf eine weiße Couch. Das Publikum, noch im üblichen Gemurmel vertieft, realisiert den Anfang des Stückes nicht und man selbst weiß auch nicht, ob dies noch die letzte Präparation der Bühne oder doch schon der Beginn des Stückes ist.

Der Mann sitzt nun mit Kopfhörern zitternd gegenüber dem Fernseher in einem hellen, überwiegend weißen Raum. Jetzt tritt sein geschäftstüchtiger Sohn ein, erledigt alltägliche Dinge und bringt seinem Vater Wasser und Medikamente. Das dabei geführte Vater-Sohn-Gespräch ist auf Italienisch, was zunächst irritierend ist, und durch den Hall der Kirche schwer zu verstehen. Da es keine Untertitel gibt, kann der Zuschauer die Szenen teilweise im kostenlosen Programmheft auf Deutsch mitlesen beziehungsweise anhand der guten schauspielerischen Leistungen erahnen, was gerade passiert.

Bevor sich der Sohn auf den Weg zur Arbeit macht, schaut er nochmal nach seinem inkontinenten Vater. Dieser hat, wie man von einem inkontinenten Mann erwartet, sein Bedürfnis des Toilettengangs nicht unter Kontrolle und hinterlässt so einen großen braunen Fleck auf der weißen Couch. Dadurch muss der Sohn seinem Vater eigenhändig die Windeln wechseln und das vor den Augen des Publikums. Das Ganze wirkt sehr befremdlich und man weiß gar nicht, wie man darauf reagieren soll. All das nimmt an Ermessen zu, der Vater hat sich gar nicht mehr unter Kontrolle, bis der Sohn schließlich aus der Fassung gerät und seinen eigenen Vater anschreit. Die Verzweiflung ist auch im Publikum zu bemerken und als dann Vater und Sohn in Tränen ausbrechen, kann man die Gefühlslage sehr gut nachvollziehen.

Mittlerweile ist der ganze Raum voll mit dem Verdauten des Vaters und jener Geruch, der dabei aufsteigt macht sich unter den Zuschauern breit. Aus lauter Verzweiflung wendet sich der Sohn schluchzend an das Jesus-Abbild. Im Hintergrund ertönt eine hauchende Stimme, die scheinbar aus dem Himmel dringt und „Jesus“ flüstert.

In der nächsten Szene kommen Kinder auf die Bühne und werfen Handgranaten auf das Abbild des Antlitz Jesu. Im ersten Moment begreift man weder Zusammenhang noch Bedeutung des Ganzen, jedoch später wird klar, dass dies ein Ausdruck der Verzweiflung ist. Die Kinder verlassen die Bühne wieder mit stätigem Blick auf Jesus. Anschließend wird es dunkel und das Abbild wird von Unbekannten zerrissen, sodass weiße Schrift auf schwarzem Untergrund zum Vorschein tritt. Es steht geschrieben: „You Are [Not] My Shepherd“.

Der Zuschauer bleibt verwirrt zurück und weiß nicht genau, was er denken oder fühlen soll, geschweige denn, was uns der Regisseur mit dem Stück sagen möchte. Man sieht viele fragende Gesichter. Erst nachdem die Handlung langsam ausklingt, wird man sich als Zuschauer langsam über die Bedeutung bewusst. Jesus/Gott, der alles sieht, all das Leiden, aber trotzdem nichts unternimmt? Wie kann Gott es ertragen, uns in einem solchen Zustand zu sehen? Obwohl wir eine Stunde nur scheinbares Leiden aus der Perspektive Gottes betrachteten, hätten wir am liebsten nach den ersten zehn Minuten etwas dagegen unternommen.

Diese Fragen brennen sich ins Gehirn und die Erinnerung daran, dass dieses Stück in einer Kirche aufgeführt wird, passt.

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