Tünde Malomvölgyi | Drucken02.07.2019 

In Yokos Welt

Das Museum der bildenden Künste zeigt noch bis 7. Juli mit „Peace is Power” eine umfangreiche Werkschau der legendären Künstlerin Yoko Ono

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Yoko Ono (Foto: Greg Kadel)

Die derzeitige Sonderausstellung mit Werken von Yoko Ono im Museum der bildenden Künste verspricht viel. Es sei die „bislang umfangreichste Werkschau in Deutschland”, heißt es vom Museum. Sowohl die vielerorts sichtbaren Plakate als auch die begeisterten Berichte von Besucher*innen wecken in mir das Interesse, die Ausstellung zu sehen. Oder vielmehr, an dieser teilzunehmen. Denn die Teilnahme am künstlerischen Werk beziehungsweise die aktive Einbeziehung der Betrachtenden ist ein Schlüsselmoment von Yoko Onos Schaffen.

Schon bei der Ankunft am Museum wird klar: Dies ist keine Ausstellung, die man mal nebenbei besucht, um ästhetische Impressionen zu sammeln, und aus der man anschließend (selbst)zufrieden herausspaziert und sich freut erzählen zu können, diesem namhaften Ereignis beigewohnt zu haben. Schon vor dem Museum ist der erste Hinweis zu sehen, ja, zu erfahren, dass dies eine Ausstellung ist, die zum Nach- und Umdenken und zum Sich-Beteiligen anregt – und zwar in Form eines Wunschbaumes mit der Möglichkeit, an diesen persönliche Wünsche aufzuhängen, und der nach Ablauf der Ausstellung Teil eines isländischen Lichtdenkmals zu Ehren John Lennons werden soll, mit dem Ono bis zu dessen Tod verheiratet war. Sich dem Mitmachen zu widersetzen, steht zwar allen frei, ist jedoch beinahe unmöglich. Und das ist auch Yoko Onos Anliegen, wie die Ausstellungsmacher*innen betonen: Sie „ignoriert Grenzen und setzt neue Maßstäbe in Bezug auf unser Leben und unseren Blick auf die Kunst – und macht die Utopie von einer besseren Welt denkbar.”

Wer ist eigentlich Yoko Ono?

Etwas beschämt und zugleich empört stelle ich fest, dass meine ersten Assoziationen zur Person Yoko Onos sehr spärlich sind: John Lennons frühere Ehefrau, Künstlerin, Frieden. Ich will mehr erfahren über diese Frau und lese über sie Folgendes.

Yoko Ono, in 1933 in Tokio in einer wohlhabenden Familie geboren und vom Zweiten Weltkrieg unmittelbar betroffen, verbrachte ihr bisheriges Leben teils in Japan, teils in den USA und teils in Großbritannien. Schon als Kind zeigte sie musikalische Talente und besuchte eine Schule, in der sie Klavierspielen und Komposition lernte und erste öffentliche Auftritte hatte. Ihr Studium der Philosophie, das sie in Tokio begann, führte sie in Kombination mit dem Fach Musik in New York weiter. Hier versammelte sie in ihrem Loft ab Ende der 50er-Jahre die avantgardistische Kunstszene zu verschiedensten Zusammenkünften und Veranstaltungen. Bevor sie nach der entscheidenden Begegnung 1966 mit John Lennon mit ihm zueinander finden sollte, hatte sie bereits zwei geschiedene Ehen – mit dem Komponisten Toshi Ichiyanagi sowie mit dem Filmproduzenten Anthony Cox – hinter sich.

Yoko Ono jedoch ausschließlich auf „die Frau von John Lennon” zu reduzieren, wäre der Vielschichtigkeit und Vielseitigkeit dieser Künstlerin nicht gerecht. Und dennoch ist sie eng verknüpft mit seiner Person: Die beiden verbanden Künstlerisches, Politisches und Privates auf verschiedene Art und Weise miteinander. Zentrales Motiv ihres Wirkens sind von Anfang an politische Botschaften, in deren Mittelpunkt der Frieden steht. Als wohl bekannteste Beispiele können ihre „Bed-Ins für den Weltfrieden” sowie ihre Plakatkampagnen für den Frieden in verschiedenen Großstädten gelten. Außerdem nahmen sie mehrere CDs gemeinsam auf und gründeten die Plastic Ono Band, der zeitweise auch Eric Clapton angehörte. Auch nach der Ermordung Lennons durch einen psychisch labilen Mann 1980 führte sie ihre musikalische Tätigkeit fort. So hat sie zahlreiche Alben mit Botschaften veröffentlicht, die von einigen als wichtige feministische Beiträge betrachtet werden. Außerdem setzt sie sich weiterhin aktiv über verschiedene Medien für den Frieden ein und hatte bereits diverse Retrospektiven in verschiedenen Städten. Gemeinsam an ihren Werken – sei es in Form von Zeichnungen, Performances, Skulpturen, Filme oder sogenannten Handlungsanweisungen – ist, dass Yoko Ono durch diese immer eine politische Botschaft vermitteln möchte. Sie will dazu anregen, Eindeutigkeiten ins Schwanken zu bringen, sich in Fragen zu Geschlechterverhältnissen, Gewalt oder des Friedens zu positionieren, nachzudenken, und sie will darauf aufmerksam machen, dass wir alle persönlich etwas dafür tun können, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

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Yoko Ono in ihrer Ausstellung in Leipzig. (Foto: Alexander Schmidt/Punctum)

Yoko Ono wird zumeist als „Pionierin” oder zumindest als eine der einflussreichsten Größen der Konzeptkunst beziehungsweise der Fluxus-Bewegung genannt. Die Versuchung ist groß, den Begriff der Konzeptkunst mit einer Assoziation wie dieser zu verbinden: Vor einem riesigen weißen Champagnerkühler stehen Kunstkritiker*innen, die über die tiefsinnige, für Normalsterbliche nicht erkennbare Botschaft des prachtvollen Werkes konversieren. Yoko Ono hilft, diese vereinfachende Vorstellung zu revidieren. Konzeptkunst – als Begriff entstanden in den 60er-Jahren – bedeutet lediglich, dass nicht das Kunstwerk selbst und seine ästhetische Ausführung, sondern die dahinter stehende Idee, das Konzept, entscheidend sind. So erweitert sich der Kreis jener Entitäten und Phänomene, die als Kunst betrachtet werden (können). Auch die betrachtende Person soll einbezogen werden. Die Fluxusbewegung – engstens verknüpft mit dem Namen George Maciunas – ist eine in New York entstandene und später auch in Deutschland etablierte Konzeptkunst-Bewegung, die in Form von Aktionskunst die Einheit von Leben und Kunst zeigen möchte und die sich gegen die Auffassung des Kunstwerkes im traditionellen, bürgerlichen Sinn auflehnt. Diese Bewegung gestaltete Yoko Ono durch verschiedenste Formen aktiv mit.

Yoko Ono in Leipzig

In der Ausstellung wird eine große Bandbreite von Yoko Onos künstlerischem Schaffen gezeigt. So sind neben Zeichnungen ihre sogenannten Instructions (Handlungsanweisungen) im Original zu lesen. Diese sollen ihre Wirkung durch die Imagination beziehungsweise durch die Handlungen der Lesenden entfalten. Auch viele von Onos Kurzfilmen sind zu sehen. Aber auch zur aktiven Teilnahme gibt es zahlreiche Möglichkeiten. Diese kreisen um die Begriffe Gewalt, Liebe und Frieden und sind in ihrer Ausprägung sehr unterschiedlich. So ist es möglich, der eigenen Mutter eine Nachricht zu schreiben und diese in Form eines Zettels auf eine Wand nebst den Hunderten anderen zu kleben und dadurch gleichzeitig Einblicke in die Gefühlswelten anderer zu gewinnen. Die eine oder andere Nachricht vermag gewiss Rührung, Überraschung oder gar Wut im Betrachtenden auslösen. Aber es gibt auch Anweisungen, dessen Sinn, oder besser gesagt, die dahinter stehende Idee nicht so eindeutig bestimmbar und somit auf die Deutung des Ausführenden angewiesen sind.

Was mich am meisten beeindruckt, ist Onos in einem Kurzfilm präsentierte, viel diskutierte Performance „Cut Piece” aus dem Jahr 1964. Darin sitzt sie (angeblich) in ihrem schönsten Kleid auf einer Bühne, neben ihr eine Schere mit der Handlungsanweisung an die Besuchenden, ein Stück Stoff ihres Kleides herauszuschneiden und mitzunehmen. Der Film dauert nur wenige Minuten, vermittelt jedoch vieles. Durch die Mimik der Künstlerin bekomme ich einen Eindruck davon, wie es sich wohl anfühlt, sich auf solche Weise dem Gutdünken Fremder auszuliefern.

Eine ebenfalls aufwühlende Station der Ausstellung ist die großflächige Wand, an die niedergeschriebene Gewalterfahrungen von Besuchenden gesammelt werden. Auch hier können sich Betrachtende mit den verschiedensten Gefühlen auseinandersetzen und die eigene Lebenserfahrung in ein Verhältnis zu jener der vielen anderen setzen.

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Das Werk "Arising" (2013/2019) in der Leipziger Ausstellung. (Foto: Alexander Schmidt/Punctum)

Was nehme ich mit aus der Ausstellung? Zum einen, dass der Kunstbegriff sehr vieldeutig ist. Yoko Ono zeigt, dass man sich von der Idee einer Kunst zu verabschieden sollte, die ausschließlich den visuellen Sinn ansprechen soll. Für Yoko Ono – wie auch für andere Vertreter*innen der Aktionskunst im weitesten Sinne – ist Kunst viel mehr als das. Kunst soll anregen umzudenken, neue Sichtweisen zu entwickeln, sie kann unsere Aufmerksamkeit auf solche Themen, Phänomene und Menschengruppen lenken, welche sonst außerhalb unseres Blickfeldes existieren. Zum anderen und damit eng zusammenhängend macht mir die Ausstellung deutlich, dass Kunst politisch ist. Sie kann nicht unpolitisch sein. Denn Kunst kann nicht losgelöst vom gesellschaftlichen Kontext betrachtet werden, in dem sie entsteht und in dem sie ihre Wirkung entfaltet. Kunst bedeutet für mich Freiheit – auch wenn sie oftmals das Gegenteil von Freiheit thematisiert oder in gegenteiligen Umständen von Freiheit entsteht oder gar zum Gegenteil von Freiheit führen kann. Sie ist die Freiheit zum Anders-Denken.

Yoko Ono gelingt es durch ihr Werk immer wieder aufs Neue, die Betrachtenden miteinzubeziehen, sie auf gesellschaftlich relevante und kontroverse Themen aufmerksam zu machen, sie zu berühren, die eigene Position zu relativieren. Und dadurch macht sie in der Tat die Utopie einer besseren Welt denkbar.

Peace is Power

Werkschau Yoko Ono

4. April bis 7. Juli 2019, Museum der bildenden Künste Leipzig


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