Kathrin Rahmann | Drucken11.08.2016 

Schlaglicht auf die Flüchtlingsproblematik.

In „Ohrfeige“ macht Abbas Khider die Erfahrungen von Flüchtlingen in Deutschland greifbar. Leider kommen die literarischen Qualitäten dabei unter die Räder. Eine zweite Meinung zum Roman

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„Herr Khider, dieses ganze Flüchtlingsdrama jetzt! Sie haben das doch alles selbst erfahren. Machen Sie doch mal ein Buch darüber. In der aktuellen Situation wird das bestimmt ein Verkaufserfolg. Die Leute brauchen was fürs Herz.“

„Ja, aber ich habe keine richtige Story, verstehen Sie. Sonst hätte ich ja schon lange ein Buch dazu gemacht.“

„Na, Ihnen wird schon etwas einfallen! Erscheinungstermin im Februar? Es muss schnell gehen. Ist ja ein aktuelles Thema.“

(…)

„Ich verlasse mich auf Sie!“

(…)

Abbas Khider schreibt großartig. Poetisch, schlagfertig, witzig. Er schöpft die Möglichkeiten der Sprache aus. In seinem neuen Roman erzählt Asylbewerber Karim mit viel Charme und Ironie von seiner Sachbearbeiterin, Frau Schulz, wie sie „mit ihrem großen Stempel Hoffnungen erdrückt“, und von irakischen Asylanten, die sich Frauen mit fleischigen Fersen aus der Heimat bestellen, denn fleischige Fersen bedeuten „enge und für ihren Mann gefühlsintensive Geschlechtsteile“. Nachdem bereits alle – die Deutschen, die Asylbewerber, die in Deutschland lebenden Iraker, die deutschen Behörden – vorgeführt wurden, kommt die kuriose Ursache für Karims Flucht auf den Tisch. Großartig, denkt man, jetzt erreicht das Feuerwerk seinen Höhepunkt! Und dann plötzlich kippt der Roman und beginnt, die Geschichte eines Flüchtlings in Deutschland zu erzählen, der selbst ehrlich bestrebt ist, sich in Deutschland eine Perspektive zu erarbeiten, der aber auch die Geschichten vieler anderer Flüchtlinge kennt, denen das nicht gelingt. Karim wird es ebenfalls nicht gelingen. Sie alle scheitern letztlich an den Bestimmungen des deutschen Asylrechts. Man könnte das alles auch, und zum Teil besser, in Reportagen nachlesen oder es sich zum Beispiel vom Leipziger Flüchtlingsrat e.V. erklären lassen. Karim ist nicht mehr der Iraker mit dem scharfen Blick, sondern Karim ist der Mann, an dessen Erlebnissen man nachvollziehen können soll, wie das läuft, wenn man als Flüchtling in Deutschland ankommt. In einem fünfseitigen Dialog wird Karim von seinem Kameraden Rafid über das Dublin-Abkommen und über Asylgründe in Deutschland aufgeklärt. Ein gutgemachter Dialog, versteht sich. Aber auch ein überflüssiger. So liest sich vieles in diesem Roman fluffig weg. Schmerzlich vermisst man allerdings einen literarische Plot und zunehmend auch den Witz. Das große Feuerwerk verebbt zum Leuchten eines Laserpointers und schließlich zum Glimmen eines Joints.

Abbas Khider: Ohrfeige

Hanser

München 2016

224 S., 19,90 €


Abbas Khider "Ohrfeige" - erste Meinung von Fabian Stiepert

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