Kathrin Rahmann | Drucken16.04.2017 

Biografie einer Bankräubertochter

Molly Brodak unternimmt den unvoreingenommenen Versuch zu verstehen, warum ihr Vater ein Bankräuber wurde, und schreibt dabei ihre eigene Biografie

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„Unsere Spezies ist sozial – systemimmanent, nervtötend, hoffnungslos sozial. (…) Wir sind Andocker. Ohne Bindungen sterben wir“, schreibt Brodak. Aber was geschieht, wenn ausgerechnet der eigene Vater sich diesem Gesetz menschlichen Zusammenlebens vollständig zu entziehen scheint? Molly Brodaks Vater Josef ist Bankräuber, Spielsüchtiger, Vietnamkriegsveteran, Familienvater, fleißiger Arbeiter, gläubiger Katholik und möglicherweise ein Soziopath. Seine Biografie ist ein Rätsel für die eigene Tochter.

Molly Brodak, Jahrgang 1980 und aufgewachsen in Michigan, versucht, das Enigma „Vater“ zu lösen. Als Kind polnischer Zwangsarbeiter, geboren kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs in einem deutschen Lager für Displaced Persons, kommt dieser als Kleinkind nach Amerika. Mitte der Neunzigerjahre überfällt er mehrere Banken, um seine Spielschulden zu bezahlen, wird geschnappt und verurteilt. Nur wenige Jahre nach der Haftentlassung begeht er erneut einen Banküberfall. Für die eigenen Kinder unvorhersehbar, ein Lügner, ein Aufschneider. Er selbst jedoch sieht sich als fürsorglicher Familienvater.

Bruchstück für Bruchstück fügt die Tochter die Biografie ihres Vaters zusammen und weiß dabei doch ganz genau, Verständnis für den Vater nur möglich ist, wenn sie auch ihre eigene Biografie erzählt. So wechseln die essayistische Passagen, in denen das Psychotherapeutische manchmal ein wenig überhand nimmt, mit Erzählungen über Mollys Kindheit. Mit viel Taktgefühl werden die Positionen anderer Familienmitglieder, Mollys Mutter und Schwester, umschifft. Brodak begegnet ihrer Mutter, ihrer Schwester, sogar sich selbst mit derselben Unvoreingenommenheit wie ihrem Vater. In ihrem Bemühen, sich in den Spieler Josef Brodak einzufühlen, besucht Molly die Stätten seiner Kindheit und zuletzt sogar ein Casino. Umsonst. Letztendlich bleibt ihr Vater ein Rätsel.

Molly Brodaks Lebensgeschichte ist weder eine gewöhnliche, noch eine außergewöhnliche. Dasselbe trifft auf die Sprache dieser (Auto-)Biografie zu. Sie erlaubt einen Blick von fern in das Leben einer Anderen, wie er im Alltag selten möglich ist. Dass sie zufällig die Tochter eines moralverliebten Bankräubers ist, ist letztendlich nur handlicher Köder.

Molly Brodak: Als ich 13 war, überfiel mein Vater seine erste Bank

Nagel & Kimche

München 2016

288 Seiten, 22 Euro


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