Franziska Reif | Drucken02.07.2007 

Alter Wein in neuen Schläuchen

Claudia Pinl erklärt in "Das Biedermeier-Komplott" wie konservative Ideen der Erneuerung Deutschlands dienen sollen - und widerspricht

Man stelle sich vor: Familien bestehen aus Mutter, Vater und Kindern, wobei der Vater arbeiten geht und die Mutter den Haushalt und die Kindererziehung schmeisst. Die Arbeitslosigkeit wäre schlagartig verringert, die Sozialkassen wären voll und um mangelnden Nachwuchs müsste sich niemand sorgen. Nicht nur, dass Deutschland wieder wächst und nicht schrumpft, die Kinder wären auch bestens versorgt, nämlich von der Fürsorge und Liebe, die ihnen nur eine geben kann: ihre Mutter. Man stelle sich weiterhin vor, dass diese Kinder mit den richtigen Werten aufwachsen, nämlich Respekt, Gehorsam, Fleiss, Pünktlichkeit und Höflichkeit. Vater Staat kümmert sich im Prinzip um nichts, denn der Bürger hilft sich selbst. Was daraus automatisch resultiert, ist klar: Ein Wirtschaftswunder, geschaffen von freien und mündigen Bürgern. Der Befund ist eindeutig: Dem konstatierten Zerfall der jetzigen Gesellschaft kann nur mit einer Rückkehr zu alten Werten beigekommen werden. Das zumindest sind einige der Hoffnungen, die sich in der letzten Zeit relativ unverhohlen in verschiedenen Büchern und Artikeln niederschlagen.

Die genauen Vorstellungen über diese Wende werden von Claudia Pinl in ihrem Buch Das Biedermeier-Komplott. Wie Neokonservative Deutschland retten wollen zusammengefasst. Hierbei bezieht sie sich auf die jüngsten und jüngeren Publikationen von Juristen, Autoren und JournalistInnen. Darunter befinden sich die ehemaligen Verfassungsrichter Udo di Fabio (Kultur der Freiheit) und Paul Kirchhoff (Das Gesetz der Hydra), wobei ersterer eine wirtschaftsliberale, konservative Programmatik verfasste und zweiterer für mehr Freiheit (nicht im emanzipatorischen Sinne) und weniger Staat plädiert. Um Tugenden geht es Peter Hahne, der mit Schluß mit lustig. Das Ende der Spaßgesellschaft einen christlich begründeten Aufruf zur Rückkehr zu alten Werten verfasste, Eva Herrman, die in ihrem Buch Das Eva-Prinzip beklagt, dass der Feminismus die Frauen von Kindern und Männern entfremdet habe und Frank Schirrmacher, dessen Minimum die Fatalität mangelnder sozialer Bindungen in einer kinderlosen Gesellschaft beschwört und die Zukunft einer Gesellschaft in den Händen der gebärenden und Liebe spendenden Mütter sieht. Der richtige Umgang mit Kindern beschäftigt Pädagoge Bernhard Bueb, der in Lob der Disziplin dafür plädiert, dass autoritäre Erziehung Kindern möglichst keine Freiheiten einräumt, sondern sie sich unterordnen lässt. Um den deutschen Patriotismus sorgen sich Matthias Matussek, der in Wir Deutschen deutsche Helden entdeckt, und der Autor Botho Strauß (Anschwellender Bocksgesang), ein demokratiekritischer Anhänger des Nationalgefühls.

Bei aller Unterschiedlichkeit der Ansätze und Perspektiven ist den genannten Publikationen eins gemein. Sie sorgen sich um unsere Gesellschaft. Pinl zählt auf, was diesen Veröffentlichungen zufolge in Deutschland falsch läuft. Zunächst einmal sterben wir aus und das ist verantwortungslos: Eine schrumpfende Bevölkerung führe zwangsläufig zu schrumpfender Wirtschaft. Mit dem mangelnden Nachwuchs seien aber auch der Zerfall der Familie und ein allgemeiner Werteverlust verbunden. Weiterhin wird eine wachsende Bedrohung durch die fortschreitende Abkehr vom Christentum beklagt. Bedroht seien der Patriotismus, die Werte und die Wirtschaft. Letztgenannte benötige dringend mehr Spielraum und weniger Belastung durch diejenigen, die den Sozialkassen auf der Tasche liegen. In der Utopie von einer Nation, die sich von staatlichen Eingriffen weitestgehend befreit hat, werden Wohlfahrt wie auch soziale Bindungen von Unternehmen und der Bürgergesellschaft bereitgestellt. Gott, Markt oder Gene bestimmen den Lauf des Lebens, nicht etwa eigene Lebensentwürfe oder demokratische Strukturen. Die Zeit des Biedermeider und die Adenauer-Zeit halten her als Vorbild für "Ehe, Familie, bürgerliche Gesittung" und "lebenslange Bindung" (Udo di Fabio).

Die Parallelen zwischen Biedermeierzeit und heute sind tatsächlich frappierend, auch wenn an die dunklen Seiten sicher nicht denkt, wer diese Zeit der bürgerlichen Gesittung in den Himmel hebt. Während Brotunruhen und Aufstände das Land überziehen, initiiert von Menschen, die für immer weniger Lohn immer mehr arbeiten müssen und doch nicht satt werden, wartet das Bürgertum mit jeder Menge liberaler Ratschläge auf, grenzt sich die Bourgoisie deutlich ab von den weniger Betuchten, die nicht wissen, was sich gehört und zieht sich schließlich ins Private zurück. Wünscht sich die Riege der Deutschlandverbesserer also den Aufstand der arbeitenden und arbeitslosen Masse?

Doch zurück zu den Werten, die sich übrigens bei genauem Hinsehen als Sekundärtugenden entpuppen. Familie, Christentum und Heimat sind es, die unsere Gesellschaft zusammenhalten und nicht den demokratisch gewählten Institutionen, sondern der Kirche und Familie kommt die Aufgabe zu, Sinn zu stiften. Aber Familie, die gibt es ja gar nicht mehr! Schuld daran sind wahlweise der Feminismus, der Hedonismus, die Abkehr vom Christentum, der Werteverfall oder gerne auch alle zusammen. Soweit die Klage.

Pinl trägt systematisch zusammen, welche Defizite die von ihr als Neokonservative bezeichneten in Deutschland ausmachen und wie die jeweiligen Verbesserungsvorschläge aussehen. Sowohl die teilweise sehr kruden Argumente als auch die Fantasien werden analytisch beleuchtet, auf erfrischende Art und Weise dekonstruiert und mit Fakten widerlegt. Zum Beispiel das Themenfeld Familie: Im Gegensatz zu der Annahme, dass Familien immer seltener würden, werden mehr als zwei Drittel aller Kinder mit Geschwistern groß. Zwar ist rein zahlenmäßig die klassische Einverdiener-Familie mit Kindern unter 18 Jahren in der Minderheit. Das kann man entweder beklagen oder aber über eine Neudefinition des Begriffs Familie nachdenken und damit die verschiedenen Modelle, die sich aus der Lebenswirklichkeit ergeben, anerkennen. Auch die im Zusammenhang mit dem Geburtenrückgang geäußerte Angst vor dem Zusammenbruch der sozialen Sicherungssysteme (vom Aussterben des deutschen Volkes ganz zu schweigen), wird als Milchmädchenrechnung enttarnt: All die zu gebärenden Kinder müssten später einer sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit nachgehen können, was sich bekanntlichermaßen bereits jetzt als problematisch darstellt.

Auch über die Erziehung muss man sich Gedanken machen und der empfohlene Erziehungsstil ist autoritär. Hier bleibt natürlich ein 68er-Bashing nicht aus. Pinl enttarnt dieses als undifferenziert und nicht wahrheitsgemäß. Es ist unzulässig, so zu tun, als hätte eine ganze Generation in ihrer Kindheit nichts anderes gemacht, als unter den Jubelrufen ihrer Eltern Wände mit Buntstiften zu bemalen und Möbel zu zertrümmern. Darüber hinaus erinnert Pinl daran, was ein Erziehungsstil anrichtet, in dem nichts verhandelbar ist: Dies kommt der Abschaffung der Demokratie gleich. Die Demokratie ist der Autorin zufolge aber auch dann in Gefahr, wenn der Staat sich aus der sozialen Verantwortung zurückzieht. Ein weiterer erschreckender Befund, den Pinl macht, ist der, dass Gedanken nicht politisch weiter gedacht werden, sondern auf dem Mantra "Zurück zu alten Werten!" verharren, auf unerträgliche Weise unsachlich sind und vielfach Beweise schuldig bleiben.

Zwischen der gut leserlichen, kenntnisreich und nicht ohne Witz vorgenommenen Aufstellung und Analyse weist Pinl immer wieder darauf hin, dass die vorgestellten Gedanken keine neuen Ideen sind, sondern alter Wein in neuen Schläuchen. Es hätte aber durchaus deutlicher werden können, dass der Konservatismus wie auch der Liberalismus ihre Wohlfahrts- und Gerechtigkeitsversprechen bis heute nicht eingelöst haben. Respekt und Dankbarkeit gelten der Autorin dafür, dass sie sich die nationalistischen, liberalen, demokratiefeindlichen, rückwärtsgewandten Werke durchgelesen hat und eine warnende und fundierte detailreiche Zusammenfassung präsentiert.

Claudia Pinl: Das Biedermeier-Komplott. Wie Neokonservative Deutschland retten wollen
Konkret Literatur Verlag
Hamburg 2007
176 Seiten - 15,00 €
www.konkret-verlage.de

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