Laura Schuhknecht | Drucken17.01.2017 

Konflikte wie im echten Leben

Die jungen Leser von „Gips oder wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte“ brauchen Sprachbewusstsein und Fantasie

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Ein Kinderbuch, das ausschließlich in einem Krankenhaus spielt, mit einer zwölfjährigen Protagonistin, die unter der Scheidung der Eltern leidet. Kann das ein unterhaltsames, spannendes Buch für Zehnjährige sein? Anna Woltz erzählt in ihrer neuen Geschichte von einem Mädchen, das verzweifelt versucht, ihre Eltern wieder zusammenzubringen und sich dabei selbst verliebt. Humorvoll, zuweilen schmucklos, aber doch sensibel schreibt die Autorin von nichts Geringerem als Krankheit, Angst und Liebe.

Durch einen Fahrradunfall findet sich Fitz mit ihrer kleineren Schwester Bente, ihrem Vater und ihrer Mutter im Krankenhaus wieder. Fitz’ Eltern haben vor zwei Wochen ihre Scheidung bekannt gegeben und damit ist Fitz alles andere als glücklich. Im Krankenhaus lernt sie den vierzehnjährigen Adam kennen. Der ist wegen seines Bruders da, vor einer Woche als Frühchen auf die Welt gekommen. Adam und Fitz, beide unzufrieden mit ihrer Lebenssituation, verstehen sich auf Anhieb. Auch Primula, ein kleines Mädchen mit großen Herzproblemen, spielt in der Geschichte eine Rolle. Sie möchte von Fitz lernen, worüber man sich mit den Kindern in der Schule unterhält, wenn es gerade nicht um Aortenklappeninsuffizienz gehen soll. Außerdem wird eine Krankenschwester mit einem Arzt verkuppelt, Adam akzeptiert seinen Bruder, Fitz lässt sich ihren Arm mitsamt der Eheringe ihrer Eltern von Adam eingipsen, ihr Vater schwebt in Lebensgefahr, wird aber gerettet, und sie spricht sich mit ihrer Mutter über die Scheidung aus. All dies passiert an einem einzigen Tag.

Damit fordert Woltz einiges von ihren jungen Leserinnen und Lesern, die über ein recht hohes Imaginationsvermögen und ebenso eine ausgeprägte Sprachbewusstheit verfügen müssen. Viele Formulierungen sind von Ironie getragen und gerade die Beschreibung des Unfallherganges, inklusive Details der Verletzungen, bergen eine gehörige Portion Galgenhumor in sich. In Verbindung mit der Ich-Perspektive von Fitz macht diese direkte Sprache die Geschichte besonders. Die unverblümte, vorurteilsfreie, zeitweise naive Art, die für Kinder so typisch ist, wird hier in Vollendung zum Ausdruck gebracht. Es ist authentisch, wie Fitz denkt, spricht und handelt.

Wie nebenbei werden die jungen Rezipienten mit zahlreichen Konflikten konfrontiert, wie sie auch im wahren Leben auftreten: die Scheidung der Eltern, das erste Mal Verliebtsein, kleine Verletzungen, schlimmere Krankheiten. Das ist viel auf einmal, jedes Thema wird aber auf eine klare, direkte und gleichzeitig behutsame Weise aus Fitz’ kindlicher Perspektive an die Leserinnen und Leser herangetragen.

Dieses Buch wird der Forderung vieler Didaktiker/innen gerecht, Kinder in ihrem Leseverstehen nicht zu unterschätzen, weil sie bereits in diesem Alter schon zu anspruchsvolleren Leistungen auf der Bedeutungsebene von Texten fähig sind. Es handeln verschiedenste Figuren, in deren jeweils andere Perspektive man sich hineinversetzen muss, um die Geschichte in ihrer gesamten Breite nachzuvollziehen, die auch für Erwachsene Spannung und Freude verheißt. Hier liegt der wesentliche Kritikpunkt: Gips ist ein Buch für eher flüssige Leser, die sich nur noch auf das Verstehen konzentrieren müssen.

Anna Woltz: Gips oder wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte

Carlsen Verlag

Hamburg: 2016

176 Seite, 10,90 Euro


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