Kathrin Rahmann | Drucken09.03.2018 

Multiple Identitätskrise

Sasha Marianna Salzmann stellt in ihrem Roman „Außer sich“ den Zauber der Befreiung aus kulturellen und geschlechtlichen Identitäten auf den Prüfstand

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Die Suche nach Identität ist mal wieder Programm in Salzmanns Roman Außer sich, nominiert für den Deutschen Buchpreis 2017. Die Protagonistin Ali, kurz für Alissa, hat denkbar schlechte Voraussetzungen für ein stabiles Selbstbild, ist sie doch eine kulturell Heimatlose und dazu auch noch ein vereinsamter Zwilling (inzestuöse Beziehung inklusive), der sich aus der eigenen geschlechtlichen Rolle heraussehnt in die des Bruders. Als Kinder kommen die Zwillingsgeschwister Anton und Alissa von Russland nach Deutschland, wo sie als Juden und Russen gleich doppelt gebrandmarkt sind. In ihrer Familie finden sie keine Zuflucht vor dieser Fremdheitserfahrung. Der sowjetische Sozialismus gepaart mit dem russischen Antisemitismus haben ihren Eltern jede Selbstverwirklichung unmöglich gemacht. Bis zur Auswanderung lebt die Familie in der winzigen Wohnung der Großeltern. Alkohol, Gewalt, Missbrauch, Missgunst und Vorurteile gehören zum Alltag.

Alissas Zwillingsbruder verlässt die Familie früh und vollständig – keiner weiß, wo er sich aufhält. Als eines Tages eine Postkarte aus Istanbul eintrifft, ohne Text und ohne Absender, glaubt Alissa, ihren Bruder dort finden zu können, und begibt sich auf eine Reise, die – das wird jetzt niemanden überraschen – auch eine innere Reise ist. Die Suche nach dem verlorenen Bruder ist gleichermaßen eine Suche nach der eigenen Identität, die nicht nur durch die kulturelle Entwurzelung erschwert wird, sondern auch durch Alissas (Alis) Wunsch, männlich zu sein. In Istanbul trifft sie auf ein Klima des Wandels und des Aufbruchs, in das ihre Suche sich einfügt. Sie lebt in der Stadt, die auf das Erdbeben wartet, das geographische, aber auch das politische.

Salzmann ergänzt die realistische Ebene einer wurzellosen jungen Frau, die nicht weiß, wo sie sich verorten soll, durch Perspektiven, die dem Roman einen märchenhaften Anstrich geben. Der Leser erfährt die Geschichte des Zwillingsbruders Anton. Doch obwohl ganze Passagen aus Antons Perspektive erzählt sind, bleibt er eine zwischen Realität und Tagtraum schwebende Figur. Bis zum Ende steht der Leser der Frage gegenüber, inwiefern es das Zwillingspärchen Alissa und Anton überhaupt gibt. In Istanbul begegnet Ali einer ganzen Reihe solcher mythischen Figuren, unter anderem der Dichterin Aglaja Veteranyi, die scheinbar all jene Kämpfe, die Ali mit sich selbst noch austrägt, gemeistert hat. Ein fragliches Idol, bedenkt man, dass die reale Aglaja Veteranyi sich 2002 ertränkt hat. Wenn Identität nicht in der kulturellen Herkunft und nicht im biologischen Geschlecht zu finden ist, wenn die Familie nicht Rückhalt, sondern Bedrohung ist, wenn man keinem sozialen Milieu mehr angehört, sich zu nichts berufen fühlt und die politische Ordnung gefährdet ist, wie navigiert man durchs Leben? Ob Alissa (Ali) einen Ort für sich findet, bleibt bis zum Ende unklar.

Außer sich

Sasha Marianna Salzmann

Suhrkamp Verlag

Berlin 2017

266 Seiten, 22 Euro


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