Fabian Stiepert | Drucken10.03.2013 

Der Geschmack von Chlor und Knochen

In „Bahnen ziehen“ erzählt Leanne Shapton sinnlich und authentisch von ihrer Jugend als Schwimmerin in Kanada

Illustrationen: Leanne Shapton / Suhrkamp Verlag

Ein Gespenst geht um auf dem Buchmarkt. Seit etwa zehn Jahren macht sich das Genre der „memoir“ immer weitläufiger auf den Bestsellerlisten breit. Die „memoir“ unterscheidet sich von den „Memoiren“ dahingehend, dass sie nur einen kurzen Ausschnitt aus dem Leben des Autoren wiedergibt und nicht das bis zur Fertigstellung der Autobiographie gelebte Leben. Wenn man keine interessante Geschichte zu erzählen hat, dann kann sich dieser literarisch aufgearbeitete Ausschnitt aus einer Biographie als quälend langweilige Lektüre entpuppen. Wenn man jedoch wie Leanne Shapton auf eine Jugend zurückblicken kann, die doch irgendwo so ganz anders war als die der meisten anderen kanadischen Jugendlichen, dann macht so eine „memoir“ richtig Spaß und vor allem Sinn.

Shapton war nämlich Zeit ihrer Jugend in den achtziger Jahren eine erfolgreiche Schwimmerin und arbeitete auf einen Platz unter den kanadischen Olympioniken hin. Zwar hat es die Autorin nie zu den olympischen Spielen geschafft, trotzdem war die anstrengende Zeit als Hochleistungsschwimmerin eine Schule fürs Leben. Man stelle sich das einmal vor: eine ganze Jugend einem Zeitplan aus Trainingseinheiten und Wettkämpfen unterworfen. Einzig die Techtelmechtel unter den männlichen und weiblichen Kadern und exzessives Essen machen all die Dinge vergessen, die für andere Teenager völlig selbstverständlich sind. Anders gesagt: Adoleszente Exzesse dienten hier nicht dem Überwinden der Adoleszenz an sich, sondern der Leistungssteigerung in einem Sport, in dem Leanne Shapton nur ausgezeichnet, aber nicht die Allerbeste war. Gerade deshalb ist man über den neutralen Tonfall angenehm verwundert, mit dem Shapton über sich selbst schreibt. Sogar die starken Schmerzen, die selbst extra vom Trainer angeheuerte Masseure nicht lindern konnten, ringen Shapton heute nur ein müdes Lächeln ab. Wer schon in so jungen Jahren seinen Körper so gut kennengelernt hat, der ist vor späteren Wehwehchen gefeit.

Freilich prägt eine Jugend wie diese spätere Verhaltensmuster als Erwachsene. So kann Shapton bis heute kein Vergnügen an Urlauben empfinden, die der reinen Entspannung dienen sollen, und weder auf sportlicher noch kultureller Ebene ihren Horizont erweitern. Ihre eher subtile Form der Diszipliniertheit, die der Freigeistigkeit des von ihr ergriffenen Berufs als Autorin, Verlegerin und Illustratorin auf vielerlei Weise widerspricht, ist sogar so weit ausgeprägt, dass sie ihre Bademode in Freizeit- und Sportbadeanzüge unterteilt. Ja, man möchte fast meinen, dass die Zeit als Schwimmerin aus ihr wohl eine richtige Dingfetischistin mit Kategorisierungszwang für Objekte gemacht hat.

Nun kann man dieses Buch aber nicht einfach so vorstellen, ohne auch auf seine Qualitäten in Sachen Gestaltung hinzuweisen. Wie schon Shaptons 2010 erschienenes Buch Bedeutende Objekte und persönliche Besitzstücke aus der Sammlung von Lenore Doolan und Harold Morris ist auch Bahnen ziehen von der Autorin großzügig malerisch und fotografisch illustriert. Die angesammelten Badeanzüge erhalten eine ganze Fotostrecke, alte Teammitglieder ein aus der Erinnerung heraus gemaltes Porträt und alle besuchten Schwimmbäder von Barbados bis Berlin eine architektonische Skizze in der Form des Beckenrandes. Selbstredend sind fast alle Zeichnungen in aquamarinblau gehalten, nur die Dinge außerhalb des Schwimmbads leuchten in hellbunten Farben in diesem Buch, bei dem man wieder ein wenig wie bei seinem Vorgänger den Eindruck hat, dass man sich durch einen Katalog durcharbeiten würde. Shaptons Verfahren, dem Leser so viel Bonusmaterial darzureichen ist ganz schön ausgefuchst. Denn ist das Weiterdenken eines Prosatextes nicht am Ende auch einfach nur Anschauungsmaterial?

Leanne Shapton hat dem sonst so an seiner Befindlichkeitsbanalität krankenden Genre der „memoir“ mit Bahnen ziehen einen wohltuenden Beitrag hinzugefügt, der eben deshalb so stark ist, weil er mit großer Nüchternheit von dem berichtet, was war, ohne sich in irgendwelchen schwelgerischen Mutmaßungen zu ergehen. Es gibt sie also doch: Die Bücher von jungen und gebildeten Autoren, die sich nicht in nostalgisch-verklärten Befindlichkeiten und narzisstischer Nabelschau verlieren.

Leanne Shapton: Bahnen ziehen

aus dem Englischen von Sophie Zeitz

Suhrkamp

Berlin 2012

325 Seiten – 18 Euro


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