Fabian Stiepert | Drucken14.08.2016 

Bürgerliche Biographie in XXL

Benjamin von Stuckrad-Barre hat mit „Panikherz“ sein bislang persönlichstes Buch geschrieben

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Nun ist er also wieder so ganz da, der Benjamin von Stuckrad-Barre. Jener Schlacks, der ab dem Jahr 1998 allen Jugendlichen und Berufsjugendlichen zu diktieren schien, was guter Geschmack bedeutet, und dabei auch nicht vor Arroganz und Ironie zurück schreckte. Seine Bücher Soloalbum und Deutsches Theater wurden zur Bibel der Mover und Shaker, während Stuckrad-Barre von Talkshow zu Talkshow tingelte und dabei hyperaktiv Interviews gab. Verrückte Jahre waren das, die Stuckrad-Barre einerseits selbst prägte, andererseits aber auch in seinem Werk stets reflektiert hat.

Ab Mitte der 2000er wurde es seltsam ruhig um den Popliteraten. Neue Bücher ließen entweder auf sich warten oder wurden wenig bis gar nicht beachtet, und auch Fernsehauftritte wurden immer rarer. „Was ist da bloß los?“, rätselte man, bis die Boulevard-Presse es unverhohlen aufdeckte. Benjamin von Stuckrad-Barre war schwer kokainabhängig und litt an einer ausgeprägten Essstörung. Wie dramatisch es damals um ihn stand, das offenbart nun sein neuestes Buch mit dem an Udo Lindenberg gemahnenden Titel Panikherz.

Doch Panikherz setzt nicht einfach direkt in der bereits ausgebrochenen Drogenhölle an und präsentiert damit einen Anfangsschocker. Zu Beginn des Buches befindet sich der Held von Stuckrad-Barres Autobiographie (wie er selbst sagen würde) am Flughafen von Los Angeles in Begleitung von niemand geringerem als Udo Lindenberg. Die beiden wollen zum legendären Hotel Chateau Marmont, jenem mythenumrankten Ort, der schon Sophia Coppolas Film Somewhere als Kulisse diente und etlichen Hollywoodstars ein Zuhause bot. Als langjähriger Hotelbewohner hat Udo Lindenberg natürlich beste Verbindungen zum Chateau Marmont und macht seinem Kumpel „BoxBen“ für unbestimmte Zeit eine kleine Klause in der Nähe vom Pool klar. Stuckrad-Barre weiß sofort, dass das ideale Bedingungen sind, um an seinem neuen Buch zu arbeiten.

So setzt er nach dieser längeren Amerika-Szene mit Udo seine eigentliche Erzählung an. Stuckrad-Barre, der bürgerliche Pfarrerssohn aus Rotenburg (Wümme), der in Göttingen seine „éducation sentimentale“ erfährt, indem er mit 13 zum ersten Mal Udo Lindenberg hört und im Abiturientenalter als Musikrezensent bei einem Göttinger Stadtmagazin anfängt und sich bei den Plattenlabels CDs zur Rezension erschnorrt. Von Göttingen aus geht es zur deutschen Ausgabe des Rolling Stone, zum Musiklabel Motor Music, zur taz und zur Harald-Schmidt-Show. Eine schier unfassbare Karriere und das ganz ohne Studium. Vor allem wenn man bedenkt, dass manche Redaktionen heutzutage sogar schon eine Promotion verlangen, wenn man dort ein Volontariat absolvieren möchte.

Und genau bei diesem biographischen Teil sollte man als Leser direkt stutzig werden. Wieso breitet Stuckrad-Barre seine bürgerliche Herkunft und seine letzten Endes wenig rebellische Jugend so episch aus? Fast jeder hat in jungen Jahren sein Taschengeld für Platten ausgegeben, die Hausaufgaben nicht gemacht und sich intensiv mit jugendkulturellen Strömungen auseinander gesetzt. Dass Stuckrad-Barres Öko-Pastoreneltern, die ihren Kindern allmorgendlich Müsli zum Frühstück servierten, ernstlich geschockt vom Lebenswandel ihres Sohnes waren, erscheint wenig glaubwürdig. Trotzdem gefällt sich der Autor in der Pose des jugendlichen Rebells. Bis heute hat sich daran, so möchte man meinen, nichts geändert.

Ebenfalls ärgerlich misslungen ist fast der gesamte Mittelteil des Buchs, in dem Stuckrad-Barre in Überlänge seine Drogeneskapaden und die nachfolgenden Besuche in der Entzugsklinik schildert. Schier endlos sind die Beschreibungen der Klinikaufenthalte, und die wenig einfühlsamen Portraits seiner Mitpatienten darf man als Beweis dafür sehen, dass er sich letztendlich mehr für sich selbst und irgendwelche Promis interessiert als für die Menschen, die sein Schicksal wirklich teilen. So gesehen erfährt man in diesem Buch absolut nichts Neues darüber, was es bedeutet, abhängig von Drogen zu sein. Sowieso blendet der Autor gerne aus, wenn es interessant bis pikant werden könnte. Die Erfahrungen in schmuddeligen Rotlichtbezirken von Hamburg bis Zürich verlieren sich genauso in Andeutungen. Hauptsache, man kann sich neben literarischen Hausgöttern wie Jörg Fauser positionieren, der ebenso gerne im Rausch lebte.

So sehr man auch an Panikherz herummäkeln kann, so bietet das Buch vereinzelt wirklich herrliche Kabinettstücke. Sei es das Abendessen mit Bret Easton Ellis, das in seiner leicht bedrohlichen Stimmung sogar eine Szene aus einem von Ellis’ Romanen sein könnte oder der Besuch eines Konzerts der Beach Boys in Begleitung von Thomas Gottschalk. In diesen Kapiteln scheint das eindeutig vorhandene Talent als Reporter und Beobachter durch.

Vielleicht wäre es sinnvoll gewesen, aus dem zwitterartigen Werk Panikherz zwei Bücher zu machen. Ein schmales Büchlein mit Begegnungen und Szenen aus den Wochen, die Stuckrad-Barre in Los Angeles verbracht hat, und separat die ausufernd erzählte Biographie des Sohns aus gutbürgerlichem Haus inklusive etlicher Verneigungen vor dem Werk Udo Lindenbergs. In dieser final vorliegenden Form hat man nur den Eindruck, es mit einem überladenen, wenn auch nicht zwingend langweiligen Gemischtwarenladen zu tun zu haben.

Benjamin von Stuckrad-Barre: Panikherz

Kiepenheuer und Witsch

Köln 2016

576 S., 22,99 €


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