Steffen Kühn | Drucken21.09.2012 

Liebe im Schnelldurchgang

„Was verborgen bleibt“: Britta Boerdners Debüt schildert, was passiert, wenn der Liebe das Thema verloren geht

„Wo klafft die Lücke, in die alles hineinfällt und nicht mehr auftaucht, wir können nichts mehr auf der Scherzebene lösen wie früher, jede Ironie wird von Gregor mit fragendem Blick aufgenommen und muss erklärt werden, damit sie kein Unheil anrichtet. Auch ich bin empfindlich geworden und drehe ihm die Worte im Mund herum. Ab wann ist das Schwierige keine Phase mehr, sondern ein bleibender Zustand?“ Britta Boerdner scheut sich nicht, die Schattenseiten einer Beziehung auseinanderzunehmen. Wie ein Computertomograph, der unerbittlich Schicht für Schicht jeden Schatten aufspürt, zerlegt sie die Beziehung zwischen Gregor und dem Ich des Romans.

Das ungewöhnliche Versprechen, im Zenit der Beziehung ausgesprochen, sich gegenseitig nach New York zu folgen, je nachdem, wer zuerst dort ist, schafft eine ungewöhnliche, sehr künstliche Konstellation. Gregor hat es als Erster geschafft, sie kommt vier Monate später im Februar nach und sucht den Neuanfang und das vertraute Terrain aus den Anfangsjahren ihrer Beziehung gleichermaßen. Britta Boerdner schildert das melancholische Herumstreifen durch das bitterkalte New York. Gregor, eingespannt im neuen Job und fasziniert von vielen neuen Bekanntschaften erscheint ihr jetzt weiter weg als vier Monate zuvor, als sie noch durch den Ozean getrennt waren. Die beiden leben in entgegen gesetzten Mikrokosmen der Weltstadt, sie zunehmend enttäuschter: „...wie fest auch hier die Rollen verteilt sind, die wir schon aus unseren letzten Jahren in Deutschland kennen, mit einem Mal sitzt die Enttäuschung wie eine Kröte vor uns auf dem Tisch, Gregor lässt schnell Kaffee nachschenken.“

Britta Boerdner gelingt es, ihre präzise Sprachführung pointiert anzureichern. Es ist immer authentisch, wie ihre Vergleiche und Bilder sitzen und passen, und dies gibt der Story einen eigenen Blues. Das Bild New York dient dabei der Illustration von abgrundtiefer Einsamkeit, auch das passt, außerdem setzt es die Phantasie zumindest derer in Gang, die schon einmal die Gelegenheit hatten, New York ausgiebig zu genießen. Eine Dramaturgie braucht der Roman nicht, ziemlich schnell wird klar, dass es hier um das Ende einer Beziehung geht. Der Text entwickelt eher eine Mikrodramaturgie aus einzelnen Bildern der Vor- und Rückblenden der fast lautlos zerbrechenden Beziehung. Britta Boerdner hat einen Erstlingsroman abgeliefert, an den man sich gerne und lange erinnern wird.

Britta Boerdner: Was verborgen bleibt

Frankfurter Verlagsanstalt

Frankfurt/Main 2012

160 Seiten – 18,90 Euro


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