Beate Hennenberg | Drucken21.02.2003 

Deutsch-jüdisches Bürgertum zur Zeit des Kaiserreichs und der Weimarer Republik

Erika Bucholtz hat die Geschichte von Henri Hinrichsen und dem Musikverlag C. F. Peters geschrieben

Jüdische Unternehmer im Musikhandel - erinnern wir uns: Die Erlangung des Bürgerrechts für Juden war in Sachsen bis weit in das 19. Jahrhundert hinein keine Selbstverständlichkeit; zudem war das Wohnrecht auf die Städte Leipzig und Dresden beschränkt. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts, mit der Aufhebung der Niederlassungsbeschränkungen, entwickelte sich die sächsische jüdische Gemeinde zur Großgemeinde. Durch die drei jährlichen Messen wurde Leipzig zum Haupteinwanderungsziel jüdischer Kaufleute und Händler in Sachsen; die Messemetropole wurde Mitte des 19. Jahrhunderts nach Berlin zur Stadt mit dem größten Anteil ostjüdischer Einwanderer.

Die Blütezeit des Leipziger Musikverlages C. F. Peters, 1800 gegründet als Bureau de Musique, begann 1867 mit der Leitungsübernahme durch Max Abraham, durch ihn erhielt der Verlag sein entscheidendes Profil. Der Stadt Leipzig galt der Jurist und Kunstfreund Abraham als großzügiger Förderer und Mäzen. Bucholtz vermutet, dass Abraham, knapp siebzigjährig, seinem Leben selbst ein Ende gesetzt haben kann.

Abraham war Henri Hinrichsens Onkel. Von ihm ins Unternehmen geholt, wurde Hinrichsen nach dessen Tod im Jahr 1900 Alleineigentümer dieses Verlages, der inzwischen Weltruf gewann. Mit unternehmerischem Talent trieb er den Ausbau der Edition Peters erfolgreich voran, setzte Impulse und zeichnete sich innerhalb der Öffentlichkeit Leipzigs wie Abraham durch ein bemerkenswert vielseitiges kulturelle, soziales und politisches Engagement aus. Seinem Wirken wurde unter nationalsozialistischer Herrschaft ein Ende gesetzt. 1939 wurde der Verlag "arisiert". Henri Hinrichsen wurde, da die Emigration nicht gelang, 1942 von Brüssel aus nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Auch wenn kein einschlägiger Nachlass vorhanden ist, hat die Autorin intensivst in Amts- und Geschäftsarchiven (Autorenkorrespondenz und Kopierbücher) sowie im familiären Umfeld recherchiert, um das Leben und die erfolgreiche Geschichte von Hinrichsens Wirkens nachzuzeichnen. Sie beweist, dass es eine enge Verschränkung geschäftlicher und persönlicher Kontakte zu Juden und Nichtjuden gab und darin einen hohen Grad sozialer Vernetzung. Das war sein Schlüssel zum unternehmerischem Erfolg.

Das Buch zeichnet sich - neben der Schilderung der Verlagsgeschichte - vor allem durch die objektive Betrachtung des deutsch-jüdischen Bürgertums zur Zeit des Kaiserreichs und der Weimarer Republik aus; ein Thema, das die Rezensentin in ihrem Werk über den jüdischen Leipziger Komponisten und Musiktheoretiker Salomon Jadassohn ebenfalls behandelte (Leipzig 1995), jedoch mit anderem zeitlichen Schwerpunkt.

Hinrichsen galt als Repräsentant des gehobenen Leipziger Bürgertums, sein mäzenatisches Engagement galt vor allem der Musik und dem Sozialbereich: So stiftete er neben der Musikbibliothek Peters 1911 die Leipziger Hochschule für Frauen. Er war Jude, Bürger und Deutscher. Und die Musikwelt hat ihn lange vergessen.

Erika Bucholtz, Henri Hinrichsen und der Musikverlag C. F. Peters: Deutsch-jüdisches Bürgertum in Leipzig von 1891 bis 1938
Tübingen, Mohr Siebeck 2001
367 S.
Schriftenreihe wissenschaftliche Abhandlungen des Leo Baeck Instituts, Band 65

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