| Drucken19.08.2003 

Buchempfehlung: Jean Allman, Susan Geiger, Nakanyike Musisi (eds.): Women in African Colonial Histories (Steffen Lehmann)

Jean Allman, Susan Geiger, Nakanyike Musisi (eds.): Women in African Colonial Histories. Indiana University Press, Bloomington, 2002, 352 Seiten, ca. 25 Euro.


Ohne Frauen geht nichts

Es ist noch gar nicht so lange her, da waren Frauen in der afrikanischen Historiographie mehr oder weniger nicht existent. Ausgeblendet, übergangen, vernachlässigt. Eine amerikanische Rezensentin warf kürzlich im Journal of African History einem englischen Kollegen vor, der über Ideen und Vorstellungen von ökonomischer Entwicklung im kolonialen Kenia geschrieben hat, dass er in seinem Buch einfach die Frauen außen vor gelassen hätte. Dabei sei es doch mittlerweile eine anerkannte Tatsache, dass die Frauen eine maßgebliche Rolle in der ökonomischen Entwicklung afrikanischer Gesellschaften spielen. Die Literatur, die sich in den vergangenen Jahren mit Geschlechterfragen (gender) beschäftigte, konzentrierte sich ironischerweise weniger auf die Afrikanerinnen als auf die vielfältigen Beziehungen zwischen den Geschlechtern sowie die koloniale Darstellung der Frauen.

Davon ist das vorliegende Buch weit entfernt. In ihrem Sammelband versuchen Allman, Geiger und Musisi nichts weniger, als die Frauen wieder in den Mittelpunkt der afrikanischen Kolonialgeschichte zu rücken. Der Leser erlebt Afrikanerinnen als Bäuerinnen, Migrantinnen, Königinmutter und Politikerinnen. Fünf der Studien beschäftigen sich mit Westafrika, fünf mit dem südlichen Afrika und zwei mit dem ostafrikanischen Uganda. Die Artikel sind in drei Kapitel eingeteilt. Im ersten Teil ?Encounters and engagements? beschäftigen sich die Autorinnen mit der Frage, wie und warum Afrikanerinnen mit Europäern in Kontakt traten. Heidi Gengenbach (in ihrem Beitrag zu Mocambique) argumentiert, dass die Ehen zwischen Afrikanerinnen und Europäern ein ?strategischer Kontakt? in der kolonialen Gesellschaft waren, gleichwohl die Ehefrauen ihre Partnerschaft als ?Herzensangelegenheit? beschrieben. Jane Turritin zeigt am Beispiel eines Kindermädchens in Westafrika, wie gebildete Frauen in der Lage waren, die neuen sozialen und kulturellen Angebote der Kolonialzeit zu nutzen und dabei eine ganz explizite Auswahl zu treffen.

Der zweite Teil ist mit ?Perceptions und Reprensentations? überschrieben. Die Beiträge dieses Abschnittes versuchen der Frage nachzugehen, wie die europäischen Vorstellungen über die afrikanischen Frauen das Leben der letzteren beeinflussten. Nakanyike Musisi und Sean Hawkins beschreiben, wie die Kolonialverwaltung versuchte, Status und Identität von Frauen in Buganda und im nördlichen Ghana festzuschreiben. Teresa Barnes berichtet über die Erfahrungen von Frauen im vergangenen Jahrhundert, die auf der Suche nach Arbeit in Südafrika im ganzen Land unterwegs waren. Der letzte Abschnitt (?Power reconfigured / power contested?) zeigt, wie die ökonomische und soziale Basis von Frauen während der Kolonialzeit massiv erschüttert wurde. Die Autorinnen beschreiben, wie Frauen in Uganda, Ghana, Nigeria und Guinea diesen Herausforderungen begegneten und mit welchen Mitteln sie darauf reagierten.

Jeder Essay basiert auf einer Primärquelle, die am Ende des Beitrages angefügt ist. Gerade diese biografischen Notizen, mündlichen Erinnerungen, Gerichtsakten, Zeitungen oder Akten aus Kolonialarchiven laden den Leser ein, ein eigenes Bild der Frauen in der Kolonialzeit zu entwickeln. Bei all der akademischen Qualität ist das der größte Vorzug von ?Women in African Colonial Histories?.

(Steffen Lehmann)

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