Fabian Stiepert | Drucken09.08.2016 

Glaube, Liebe, Hoffnung

Wilhelm Genazino durchleuchtet die Ängste des mittelalten Mannes, Emmanuel Carrère sucht den Weg zum Reich Gottes, James Rhodes erzählt von der Heilkraft der Musik und Judith Hermann hat mal wieder nichts zu sagen

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Wilhelm Genazino: Außer uns spricht niemand über uns

Böse Zungen behaupten, dass Wilhelm Genazino seit Jahren immer wieder das gleiche Buch schreibt. Mittelalter Mann in mittelgroßer Stadt mit mittelprächtig bezahltem Job führt eine mittelmäßige Beziehung, die ihm einige Stolpersteine in den Weg legt. Hinzu kommt, dass seine Bücher fast immer in einem genau getakteten Abstand von zwei Jahren erscheinen. Auch bei seinem neuesten Roman ist das nicht anders. Der namenlose Erzähler in Außer uns spricht niemand über uns berichtet von seiner Beziehung mit Carola, die vor allem hinsichtlich ihrer Schwiegereltern oft unnötig kompliziert erscheint. Eines Tages mag Carola nicht mehr mit ihm zusammenleben. Ihrer Meinung nach hat ihr Partner es sich einfach zu gemütlich gemacht in seinem Leben als Schauspieler, der hauptsächlich mit dem Einlesen von Hörfunkbeiträgen und Hörbüchern sein Geld verdient. Nicht einmal ein gut bezahlter Fernsehjob kann die Beziehung retten und Carola davon überzeugen, dass es sich doch lohnt, das sonst gute Verhältnis zueinander am Leben zu erhalten.

Wilhelm Genazino hat in der Tat wieder mal den gleichen Roman wie üblich geschrieben. Aber was für einen! Die Meditationen seines Erzählers über das Beziehungsleben und Alltäglichkeiten sind hochkomisch und pointiert. Selbst ein normaler Einkauf nach Feierabend wird zum philosophischen Abenteuer von existenzieller Wucht („Ich ging in den nächsten Supermarkt, um mir ein paar Pfirsiche zu kaufen, obwohl ich wusste, dass es für Pfirsiche noch zu früh war.“). Genialeres über die Liebe und das Leben wird man in diesem Literatursommer in den Buchhandlungen schwerlich finden.

Erschienen bei Hanser

154 S., 18 €



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James Rhodes: Der Klang der Wut

„Von klassischer Musik krieg ich ’n Ständer.“ Also nein, das geht doch nicht. So kann kein Buch beginnen, das von der Liebe zur kultisch von einem eher kleinen Kreis gehegten und gepflegten klassischen Musik handelt. Einige ältere Klassikfans werden bei James Rhodes’ Autobiographie Der Klang der Wut wohl eher die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, so wild, ungestüm und voller Schimpfworte ist die Sprache, derer James Rhodes sich bedient, um seinen Horrortrip aus Kindesmissbrauch, Drogen und Aufenthalten in der Psychiatrie zu schildern. Dabei erfolgte sein Weg hin zum erfolgreichen Pianisten nicht über Konservatorien und jahrelangen Drill. Rhodes hat tatsächlich einige Jahre in der Londoner Economy gearbeitet, bevor sein Talent entdeckt wurde und er mit seinen Konzerten für ausverkaufte Hallen sorgte. Sein Erfolg basiert dabei nicht ausschließlich auf seiner Virtuosität, sondern auch darauf, dass er nach und nach die Regeln des klassischen Konzerts ein wenig aufgebrochen hat und sich unter anderem auch nicht zu fein dafür ist, die von ihm vorgespielten Stücke kurz zu erklären. Chopin, Bach und Beethoven soll damit nicht ihre Magie genommen werden. Im Gegenteil, Rhodes hält wahre Elogen auf seine Helden. Viel eher gilt es, die Welt der klassischen Musik von ihrem elitären Muff zu befreien. Die Konzerte sollen zugänglich, bezahlbar und bereichernd sein für Menschen jeden Alters. Eine edle, unterstützenswerte Mission, der sich James Rhodes da verschrieben hat. Auch wenn die dauervulgäre Sprache ein wenig auf die Spitze getrieben wird, liest man Der Klang der Wut gerne und wird zum Unterstützer.

Erschienen bei Nagel & Kimche

320 S., 22,90 €



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Judith Hermann: Lettipark

Über Judith Hermanns 2014 erschienenen Pseudo-Roman Aller Liebe Anfang (eigentlich nur eine auf über 200 Seiten aufgeblasene Erzählung) hat man damals noch heftig debattiert. Ihr neuester Erzählungsband Lettipark hat bei Erscheinen eher für gelangweiltes Gähnen gesorgt. Richtig so. Die anhaltende Bekanntheit von Judith Hermann basiert nach wie vor auf einem Missverständnis seitens der Literaturkritik, maßgeblich befeuert von der hysterisch lobenden Besprechung Ende der 1990er-Jahre im Literarischen Quartett. Das einzige, was bei Lettipark minimal aufhorchen lässt, ist die Tatsache, dass die Figuren (allesamt Pappkameraden) offenbar ein wenig älter geworden sind. Berlin ist nicht mehr der Hauptspielort, lieber hat man sich ins verwunschene Häuschen am Stadtrand zurückgezogen oder es wird gar nicht genau lokalisiert, wo sich das Geschehen abspielt. Abseits dessen wird geredet, Wein getrunken, diskutiert, geredet, nachgedacht und dann auch wieder geredet. So gesehen ist alles beim Alten. Alles so langweilig, betulich und banalitätsschwanger wie sonst. Man könnte zynisch sagen: Auf Judith Hermann ist einfach Verlass.

Erschienen bei S. Fischer

192 S., 18,99 €



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Emmanuel Carrère: Das Reich Gottes

Mit der Frage nach dem eigenen Glauben sieht sich jeder Mensch früher oder später konfrontiert. Emmanuel Carrère hatte selbst eine Zeit tiefen christlichen Glaubens, aber seit einigen Jahren hat sich diese innere Überzeugung wieder verflüchtigt. Praktisch aber, dass er in dieser Phase seines Lebens ausführlich Tage- und Notizbücher gefüllt hat.

Die grundsätzliche Frage, die Das Reich Gottes stellt, ist eigentlich sehr simpel. Wieso glauben wir an die Worte der Bibel, während wir es ablehnen, daran zu glauben, dass Geschichten über Elfen, Drachen und Zauberer wirklich so passiert sein könnten? Emmanuel Carrère geht dieser Frage auf den Grund, indem er seine alten Notizen durchblättert und im ersten Teil des Buches eine kleine Biographie über sich als Gläubigen verfasst. In den anderen Teilen des Buches beschäftigt er sich mit den Evangelien des Paulus und des Lukas. Was erstmal nach spröder Hermeneutik klingt, entwickelt sich zu einer spannenden, nahezu detektivischen Spurensuche. Besonders faszinierend ist die Passage über christliche Ikonographie, in der Carrère diese mit seiner Faszination für eine ihm unbekannte junge Frau vergleicht. Diese Frau begegnet ihm nicht etwa auf dem Weg zum Kiosk oder im Supermarkt, sondern auf einer Amateur-Pornoseite. Immer wieder schaut er sich den Clip an, in dem sie masturbiert.

Diese schonungslose Offenheit erinnert ein wenig an den norwegischen Kollegen Karl Ove Knausgård, wobei Carrère um einiges versierter verfährt, ist doch Das Reich Gottes eine raffinierte Konstruktion aus autobiographischem Bericht und bestens recherchiertem Sachbuch. Letzten Endes wohl die ideale Lektüre für jeden, für den der Zustand des Gläubigseins nach wie vor eins der allergrößten Rätsel darstellt. Aber auch hier muss man bereit sein, eventuell keine Antworten zu finden. Die letzten Worte des Buches lauten: „Ich weiß es nicht.“

Erschienen bei Matthes und Seitz

524 S., 24,90 €


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