Fabian Stiepert | Drucken01.08.2016 

Tourneeleben, Kriegsspiele und Resteverwertung

Buchempfehlungen: Isabelle Lehn zeigt den Wahnsinn des Arbeitsmarkts, Markus Berges nimmt uns mit auf Tournee, Jörg Magenau berichtet von der Gruppe 47 in Princeton, und Saša Stanišić legt Erzählungen vor


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Isabelle Lehn: Binde zwei Vögel zusammen

Der Ingeborg-Bachmann-Preis feierte dieses Jahr sein vierzigstes Jubiläum und gleich zwei Autoren aus Leipzig wurden zur Teilnahme ausgewählt. Der eine war Sascha Macht, dessen Roman Der Krieg im Garten des Königs der Toten (s. Leipzig-Almanach vom 3. März 16) bereits im Frühjahr erschienen war. Die andere war Isabelle Lehn, ihres Zeichens Mitarbeiterin am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, die nun mit dem etwas kryptisch betitelten Roman Binde zwei Vögel zusammen debütiert. Der Ausschnitt daraus, den Isabelle Lehn beim Bachmannpreis vor einigen Wochen vortrug, wurde von der Kritikerrunde durchaus positiv aufgenommen. Die Geschichte rund um Albert, der als Journalist nicht ausreichend verdient und notgedrungen einen Job als Statist in einem bayrischen Trainingscamp annimmt, wurde für seine Schilderung prekärer Lebensverhältnisse gelobt. Albert wird in der simulierten Kriegswelt zu Aladin, der am Rand des Kulissendorfes ein kleines Café betreibt und sich den größten Teil der drei Wochen, die das Training andauert, mit der Lektüre von Prousts Récherche vertreibt. Als Albert nach Hause zurückkehrt wird immer unklarer, ob er die fiktive Figur des Aladin wirklich abschütteln konnte oder ob er aus dem gespielten Krieg ähnlich traumatisiert hervorgeht wie aus einem echten. Der Stoff, den Isabelle Lehn über einen Zeitungsartikel für sich entdeckt hat, ist eigentlich Gold wert, denn kaum einer weiß sonst von solchen Trainingslagern für die deutsche Bundeswehr. Schade, dass der Teil des Romans, der direkt vor Ort im bayrischen Fake-Afghanistan spielt, so knapp ausfällt. Gerne hätte man mehr darüber erfahren, wie das Ganze abläuft. Am Ende ist man auch nicht mehr sicher, ob der Roman nun explizit von Traumata und Geldsorgen handelt oder ob nicht auch noch kurz vorm Abgabetermin des Manuskripts die aktuelle Flüchtlingsthematik mit eingearbeitet wurde. So bleibt von diesem Buch am Ende leider ein etwas zwiespältiger Eindruck, der mit einer klareren Gewichtung der Themen und einer besser gebauten Dramaturgie richtig gut hätte werden können.

Erschienen bei Eichborn

192 S., 18 €



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Markus Berges: Die Köchin von Bob Dylan

Wenn man mich fragt, so ist Markus Berges einer der besten und talentiertesten Songwriter in deutscher Sprache, die es jemals gab. Die Songtexte, die er für seine Kölner Band Erdmöbel schreibt und singt, haben oft etwas Mantraartiges und Assoziatives, gehen zugleich aber wunderbar ins Ohr und haben sich über die Jahre hinweg in meine kulturelle DNA eingeschlichen. Alben wie Kung Fu Fighting und Altes Gasthaus Love sind Meisterwerke der deutschen Indie-Popmusik, die leider nur bei einem kleinen Publikum und vor allem in den Feuilletons regen Anklang fanden. Nun hat Berges sieben Jahre nach seinem ersten Roman Ein langer Brief an September Nowak mit Die Köchin von Bob Dylan seinen Zweitling vorgelegt und der ist bedeutend besser als sein Vorgänger. Jasmin Nickenig ist die Heldin dieses souverän wie spannend erzählten Romans und erhält über Vitamin B den Job als Tourköchin von Bob Dylan. Der erste Halt von Dylans „Never ending tour“ führt sie in die Ukraine, in der sowohl sie als auch Dylan familiäre Wurzeln haben. Im Lauf der Tournee erhält Jasmin einen Anruf mit der Nachricht, dass sich ein Mann als ihr seit Ende des Zweiten Weltkriegs verschollen geglaubter Großvater ausgibt. Kann ihr Job, in dem sie die wohl größte lebende Legende der Folkmusik kulinarisch umsorgen darf, eine Lücke in ihrer Biographie schließen? Berges’ Roman nähert sich unter dieser Fragestellung nicht nur dem ewigen Phantom Dylan an, sondern auch den Umständen von Flucht und Vertreibung. Unerwartet heiter liest sich das.

Erschienen bei Rowohlt Berlin

288 S., 19,95 €



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Jörg Magenau: Princeton 66 – Die abenteuerliche Reise der Gruppe 47

Die Gruppe 47 ist aus der Zeit der deutschen Nachkriegsliteratur nicht weg zu denken. Ein Jahr vor ihrer Auflösung fand sich ein Großteil der Mitglieder in der Universität von Princeton ein, damit unter anderem Peter Weiss, Günter Grass, Gabriele Wohmann und Ernst Augustin aus ihren Manuskripten vortragen konnten. Hans Werner Richter organisierte die Treffen, und Kritiker-Epigonen wie Marcel Reich-Ranicki oder Fritz J. Raddatz kommentierten die vorgelesenen Texte. So ging alles eigentlich routiniert seiner Dinge, aber ein gewisser Peter Handke störte die gewohnten Abläufe und ließ in einer spontanen Wutrede all sein Unbehagen über die „Beschreibungsimpotenz“ der aktuellen Literatur zu Tage treten. Niemand hatte damit gerechnet. Handke war als Neuling mitgereist und vom langhaarigen, sehr bübisch daherkommenden Einzelgänger Handke, den alle nur als „das Mädchen“ verspotteten, hatte das erst recht niemand erwartet. Ein Paukenschlag, der durchaus seinen Beitrag zur späteren Auflösung der Gruppe geleistet hat. Jörg Magenau hat ein unterhaltsames, kurzweiliges wie humorvolles Buch zum fünfzigsten Jahrestag dieser unvergessenen Tagung verfasst. Jede wichtige Figur wird glasklar erfasst und Hintergrundinformationen werden nebenbei gekonnt eingestreut. Sehr schön auch, dass Magenau nicht unter den Tisch fallen lässt, wie frauenfeindlich die Tagungen mitunter sein konnten. In der Regel lasen die Frauen nämlich nichts vor. Sie waren für das Fotografieren des Geschehens zuständig.

Erschienen bei Klett-Cotta

223 S., 19,95 €



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Saša Stanišić: Fallensteller

Als Saša Stanišić 2014 für seinen genialen Dorfroman Vor dem Fest den Preis der Leipziger Buchmesse gewann, hatte das schon fast ein wenig was von einem Heimspiel. Stanišić hat wie die oben bereits erwähnte Isabelle Lehn ebenfalls am hiesigen Literaturinstitut studiert und war vor zwei Jahren noch nicht aus den Köpfen der Leser verschwunden, obwohl sein letzter Roman Wie der Soldat das Grammophon repariert bereits acht Jahre zurück lag. Das muss man erstmal schaffen in einem Literaturbetrieb, der sonst eher darauf setzt, dass von einem geschätzten Autor alle zwei bis drei Jahre ein Buch zu erscheinen hat. Nun liegt mit Fallensteller der erste Erzählungsband des bosnischstämmigen Schriftstellers vor und die Meinungen fallen sehr positiv bis negativ aus. Ich möchte mich da meinungstechnisch eher im unteren Ende der Skala ansiedeln. Zwar sind Stanišićs Erzählungen von 6 bis 90 Seiten Länge zum Teil kunstvoll miteinander verwoben und können mit schrulligen Charakteren wie Zauberkünstlern und Geschäftsmännern auf Brasilienreise auftrumpfen. Trotzdem bleibt am Ende nur wenig hängen. Auch Fürstenfelde, das fiktive Dorf in dem schon Vor dem Fest spielte, darf als Location nochmal herhalten. Da liegt der Verdacht nahe, dass hier ein paar für den Roman angefertigte Skizzen als Erzählung verwurstet wurden. Alles in allem ein eher enttäuschendes Buch von einem sonst unfassbar begnadeten Autoren.

Erschienen bei Luchterhand

288 S., 19,99 €


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